
Vertigo.
Die größte Frage unseres erwachsenen Lebens gilt dem Rätsel um unsere Lebenszeit und der Zeit danach: Wie lange werde ich leben? Tut es weh, zu sterben? Wie geht es weiter? Kann ich etwas über den Tod hinaus retten? Gibt es da überhaupt etwas? Oder ist dann etwa alles aus… ?
Menschen die Angehörige durch ein Unglück oder Verbrechen verloren haben halten sich mit ihren Gedanken in der gleichen Ecke auf. Sie denken oft über die letzten Momente im Leben ihrer Angehörigen nach. Hat er oder sie noch an mich gedacht? Gelitten? Angst gehabt?
Der Mensch empfindet, neben einem komplexen Gefühlscocktail aus Verlust, Ohnmacht und Trauer aber auch Frieden und nach-Hause-kommen, zuvorderst aber Angst und Unbehagen vor dem Tod. Der Tod scheint unserem Leben spinnefeind zu sein. Ab er warum ist das so? Wieso reagieren wir auf den Tod so allergisch?
Indem ich unfreiwillig an die Schwelle des Todes geführt wurde habe ich zwei Erkenntnisse gewonnen: Kurz vor dem Tod gibt es keine Angst mehr und wir verstehen in der Gegenwart des Todes unsere Sterblichkeit als einen Weg, der sich auf Logik und nicht auf Losglück gründet.
Die Angst, die Sie heute beim Gedanken an den Tod empfinden, die gilt nicht Ihrem Tod selbst sondern dem unglaublichen Gefälle zwischen Leben und Tod. Wenn wir den Tod als Niederung sehen und das Leben als Höhe, dann haben wir nicht Angst vor dem Tal - wir haben Angst vor dem Steilhang. Vor dem Absturz. Vor dem Aufschlag. Vor der Gewissheit am Ende der Falllinie zu sterben.
Umso mehr wir „im Saft“ stehen, auf der Höhe unseres Lebens sind, desto tiefer scheint der Talgrund. Das Gefälle zwischen unserem Leben und unserem Tod raubt uns schier den Atem. Das Gefühl an den Tod ähnelt ein kleinwenig der Höhenangst: Ihre Knie werden weich, es wird Ihnen flau in der Magengrube und Sie glauben keinen Schritt mehr tun zu können. Aber der Gipfels auf dem wir stehen, der senkt sich mit unserer sich verkürzenden Lebenszeit. Das Tal ist, spät im Leben, gar nicht mehr so weit entfern. Kommt es zu einem schweren Unfall, zu einer Krankheit oder einer anderweitigen kapitalen Krise, dann sinkt die Höhe Ihres Lebens so weit ab, dass die Talsohle in greifbare Nähe rückt. Schließlich entsteht ein Gleichstand. Eine Ebene. Sie werden erleben, dass sich die Angstgefühle, die Sie heute fühlen in Nichts auflösen. Sie werden Ihren Tod als logische, gerade Fortsetzung der Situation in der Sie sich gerade befinden verstehen.
Sie dürfen ruhig und zuversichtlich sein: Im Angesicht des Todes weicht die Angst. Der Mensch stirbt nicht angsterfüllt. Er stirbt so, wie er im Moment des Todes ist: Ungefährdet. Unantastbar. Der Mensch stirbt immer frei.