Noch halb da. Schon halb weg: Vom Leben in Limbo.

[Limbo von lat. Limbus = Vorhölle]

So. Hier bin ich. In Zürich. Eric Clapton spielt heute. Nur für mich. Natürlich. Die Euphorie, die sich eigentlich längst hätte einstellen sollen, die hält sich in Grenzen. In hamsterkäfigartigen Grenzen. Dafür grüble ich viel und düster. Ich grüble, es wäre schöner zu Hause zu sein und die Türe zuzumachen. Anstatt hier, in einer fremden Stadt, in einem fremden Land zu sitzen. Das Wandern, das „Rausgehen“, das jeden Tag Funktionieren ermüdet mich zusehends. Ich fühle mich oft diesem Leben einfach nicht mehr gewachsen. Alles ist doppelt so schwer, weil ich nur noch halb da bin.

Ich habe heute versucht -- für mich selbst -- meine Gefühle in ein Bild zu projizieren. Und ich kam bei den alten Rittersagen an. Die ich in meiner Kindheit so liebte. Wenn Dich jemand dazu zwingt, um Dein Leben zu kämpfen und versucht, Dich zu töten, oder wenn jemand Deinem Kind das Leben genommen hat, dann ist das, als wenn derjenige eine Streitaxt schwingt und Dich der Länge nach in der Mitte durchhaut: … bis auf den Sattelknauf. Und zur Rechten wie zur Linken sah man eine Hälfte herunter sinken.

Irgendwie verblutest Du aber nicht sofort, sondern der Schock stoppt die tödliche Blutung. Für eine Weile. Aber Du blutest trotzdem weiter. Und Du verlierst Energie. Jeden Tag Unmengen an Energie. Die einfach so aus Dir heraustropft und zu Boden fällt. Nutzlos versickert.

Und während Du halb lebst, versucht man Dich ganzheitlich zu behandeln. Dabei bist Du nur noch halb! Aber „halbheitlich“ geht gar nicht. Das steht so nicht in den Lehrbüchern der Ärzte. Viele Ärzte sind sehr stolze Menschen. Sie wollen Dich nur ganz heilen. Oder gar nicht. Und wenn die Heilung am Ende nicht so verläuft, wie der Arzt das will, dann liegt der Fehler bei Dir. Und dann gehst Du halt nach Hause. Und Du blutest dort weiter. Und Du verfluchst Deine übrig gebliebene Hälfte und Dein halbes Leben, während Deine Lippen, von den Augen abgekoppelt, lächeln als wenn Du noch ganz [bei Sinnen] wärst.

Aber Du beginnst zu lernen. Auch ohne Arzt. Du lernst, dass die Hand der Körperhälfte, die nicht mehr da ist, Dich nicht mehr ernähren kann. Sie kann sich auch nicht mehr ausstrecken, um Freunde und Familie in Deinem Leben zu halten. Und das Bein der abgeschlagenen Hälfte ist auch nicht mehr da, um Dir den bekannten Vortrieb zu geben. Und Deine Energie ist auch weiterhin nicht da, weil Du immer noch blutest – mal mehr (wie ich in diesen Tagen), mal weniger (wie letzte Woche).

Nach einer langen Zeit beginnst Du zu versuchen, die Dir verbliebene Körperhälfte zu benutzen. Und, in der Tat, funktionieren manche Dinge auch wieder ganz gut. Aber nie mehr so, wie zu der Zeit, in der Du noch vollständig warst.

 

 

Fest im Griff der PTBS.

Und nun für die Psychologen unter Euch etwas, das ich schon gelöscht hatte. (Ich lösche viele Texte, die ich für das Tagebuch zu düster finde). Aber das hier, das uploade ich mal, weil genau das das Resultat ist, wenn Menschen zu Waffen greifen. Es gibt sehr viel Preis davon, was uns wirklich „schrottet“. Das nennt sich PTBS:


Zuerst beginnt der Bericht durchaus positiv - mit meinem liebsten Hobby: Ach, Ihr Lieben, es gibt Weine, da würde ich mich gerne reinlegen – wäre eine Wannenfüllung nicht so grausam teuer. Und da von dem 2004er Quinta Quietud nicht einmal 40,000 Liter hergestellt wurden… und heute schon wieder 0,75 Liter davon verschwunden sind… werde ich die Wanne nicht voll bekommen, weil der Wein aus den Regalen fliegt. Gut, es gab in meinem Weinladen hier in Zamora auch Weine für 70 und 100 Euro aber der Quinta Quietud ist eine Ausnahmeerscheinung – er hat  über die letzten Jahre die teuren Weine mehrfach in den Schatten gestellt wie einen alten Opel Omega, den niemand mehr haben möchte.

Und nun kippt das Ganze schlagartig - alles Schöne, und das ist der Fluch einer chronischen PTBS, sucht eine Verbindung zu dem, was furchtbar war: Und eine Flasche Quinta Quietud… die stand gleich neben der Flasche, die ich meiner Möchtegernmörderin über den Kopf gezogen habe. Sie scheiterte an einer Flasche Les Alcusses, einem hilfsbereiten Wein aus Alicante. Was allerdings keine Schande ist, das Scheitern. Denn der Les Alcusses hat mich auch schon öfters flachgelegt.

Und nun bin ich voll im Thema: Wobei ich da mal mit meiner Mordkommission sprechen muss – die haben immer noch die Flasche Wein im Keller. Als Beweismittel. Ich hoffe sie haben ihn gut gelagert. Zwischen Messern, Pistolen und Computerfestplatten von Menschen, die zu Monstern wurden. Ich weiß nicht, ob ich den öffnen und trinken könnte. Glaube aber schon. Die blutigen Klamotten, die mir im Krankenhaus zerschnitten wurden (alles Kosten, die Dir nicht ersetzt werden…), die wurden mir vom Leiter der Kriminalpolizei nach Hause gebracht mit dem ich dann einen Kaffee trank. Der Mann hat viel gesehen. Zum Beispiel einen Vater, der seiner Frau vor den Augen der Kinder mit einer Axt den Schädel spaltete. Och, wisst Ihr. Mich erstaunt nichts mehr. Ich habe mich aber von meiner blutgetränkten Kleidung lange später erst trennen können. Solange mussten die armen Nachbarn den leichten Verwesungsgeruch im Keller ertragen. Sei’s drum. Pilgerfüße riechen oft viel, viel schlimmer.

Chronische PTBS? PTBS steht für posttraumatisches Belastungssyndrom. Und das ist häßlich, weil es Euer Leben auseinander nimmt. Wie das funktioniert? Wenn Euch jemand des Nachts unvermittelt auf dem Weg nach Hause ein Messer in den Rücken stößt (ein Vorgang der rational nicht zu erklären ist – außer dass das leben eben, rational betrachtet, absolut irrational ist), dann bleibt das möglicherweise in Eurem Leben das beherrschende Großereignis. Ihr denkt darüber nach, warum das passiert ist. Was passiert wäre, wäre die Klinge nur einen Zentimeter nach links eingestochen worden. Ihr fühlt immer noch Euer Blut an Euch herunter laufen. Erlebt die Tat oft erneut. In Gedanken natürlich nur. Habt Furcht. Vor der Nacht. Und vor Leuten, die von hinten kommen. Gleichzeitig seid Ihr aber auch angezogen von dem Geschehen. Könnt im Kaufhaus nicht an der Messerabteilung vorbeigehen ohne Euch „Euer“ Messer anzusehen (in meinem Fall ein 25 Zentimeter langes Fleischermesser)… Hört sich krank an, nicht? Aber so ist das. PTBS ist sehr zerstörerisch und nur schwer „kontrollierbar“. Ausgelöst wird sie in den meisten Fällen durch rohe Gewalt. Und die ist eben nicht „wegzuwollen“. Ich bin ein sehr starker Mensch, glaube ich. Aber diese Sache, die unterwirft sich nicht den Regeln. Sie steht außen vor.

 

 

 

Und wie ist die Lage heute?

Ich solle mal schreiben wie es mir persönlich mittlerweile geht, bat ein E-Mail-Schreiberling. Ich bin wie ein offenes Buch. Auf diese Frage könnt Ihr gerne eine ehrliche und präzise Antwort haben: Meine Tage sind nach wie vor ein brutaler, harter Kampf. Wie eine Expedition. In völlig unbekanntes Terrain. Und oft denke ich darüber nach, ob es nicht besser gewesen wäre den Abend nicht überlebt zu haben. Oder die Sache nachträglich zu Ende zu bringen. Nicht voller Selbstmitleid, sondern kühl. Nüchtern. Ich hätte sicher mehr Ruhe.

Trotz aller Ablenkung -- das Wandern, die Sprache, die Eindrücke -- hänge ich mit meinen Gedanken immer noch am Tatort fest. Es gibt kaum eine Stunde, in der ich nicht überwältigt werde von den Gefühlen, dem Grauen und dem Bewusstsein, dass ich um ein Haar nicht mehr leben würde. Vor allem das Gefühl, dass hinter mir jemand steht -- obwohl da gar nichts ist und ich genau weiß, dass da niemand ist! -- ist häufig da. Und ich habe es langsam satt, mich permanent umdrehen zu müssen um dann für ein paar Minuten oder Stunden weniger verkrampft zu marschieren. Ist doch völlig bescheuert so was! Ich schlafe nach wie vor sehr wenig und wache immer so gegen drei oder vier Uhr auf. Wobei das besser ist als um sechs aufzuwachen weil dann diese fürchterlichen Tauben UUhhh-Uhhhhhh  Uhhhh-Uhhhhh jaulen. Ich finde diese Vögel gehören… ach, lassen wir das besser. :-)

Die letzten Tage, ganz alleine in einem Zimmer, die waren himmlisch. Ich traue fremden Menschen überhaupt nicht mehr über den (Jakobs)Weg. Wirklich nicht. Und wenn, dann nur bei Tageslicht. Je näher aber die Stunde des Sonnenuntergangs kommt (und ich weiß auf die Minute genau wann die Sonne untergeht – ich habe das im Internet nachgeschaut und aufgeschrieben), desto panischer werde ich. Innerlich. Nach außen, hey, da ist echt alles OK. Pilger. Wenn es dunkel ist, dann wird die Türe verschlossen. Zwei Mal. In einer Pilgerherberge geht das natürlich nicht. Da nehme ich dann ein wenig Anästhesie zu mir (Rioja) und dann werde ich müde und schlafe ein paar Stunden. Aber sich erholen, das sieht anders aus. Am Besten ist es, wenn ich fünfzig Kilometer und mehr gehe. Dann bin ich abends so fertig dass ich nicht mehr träume. Was ein Vorteil ist wenn Eure Träume ausschauen wie das Nachtprogramm von RTL II. Gott, was würde ich geben um die Zeit zurück drehen zu können. ALLES! Mal eine Nacht wieder richtig friedlich durchschlafen. Das wäre was. Aber vielleicht komme ich da ja mal wieder hin.

Dass ich nun weiß, dass ich mich mit Kriminellen auf dem Jakobsweg befinde und hier ganz offenbar erheblich das Gesetz gebrochen wird, das verschafft mir große innere Unruhe und Panik. Denn ob Schuhdiebstahl oder Mord -- die Quelle aus sich alle Täter speisen, die ist die gleiche. Es sind die Hemmschwellen, die auf dem Weg zum Delikt in immer kürzeren Abständen überschritten werden. Eine nach der anderen. Zwischen Eigentumsdelikten und Personenschäden da liegt nur eine hauchfeine Grenze. Und die kann blitzartig fallen. Zum Beispiel dann, wenn Du einen Dieb zufällig überraschst. In der Pilgerherbe. Auf dem Weg zum Klo. Nachts um zwei Uhr. Und wie schnell und endgültig Grenzen fallen können, damit kenne ich mich seit dem 4. August 2006 aus.

„Versorgungsärztlich ist eine Behandlung notwendig und sinnvoll“, schreibt das Versorgungsamt. Aaarghhh. Momentan kann ich nicht. Oder will ich nicht. Oder kann ich nicht wollen. Egal. Das Ergebnis ist das Gleiche: Ich möchte erst mal nicht mehr, dass Ärzte an mir fummeln. Ich habe Medikamente bekommen die mir dass Pinkeln beinahe unmöglich machten (das war echt so!) und meine Finger mal gar nicht mehr zitterten, also eiskalt in der Luft standen, und dann wieder so arg zitterten, dass ich nicht mehr trinken konnte weil das Glas leer war bevor ich es hätte trinken können. Was gut war, denn im Krankenhaus gibt’s nichts, was wirklich trinkenswert wäre. Es gab Sprudel namens Germeta, den ich die „Quelle des Grauens“ getauft habe -- was viele Lacher unter Personal und Mitpatienten brachte -- und Tee in vielen fürchterlichen Variationen die alle nach E.T. nach Hause telefonieren! schmecken. Wieder ein anderer Arzt gaben mir Pillen. Die nahm ich. Artig. Präzise. Auf die Minute genau. Und nach einer Woche erzählt mir der Kerl, dass ich die Pillen nicht nehmen würde weil sie in meinem Blut nicht nachweisbar seien. Ein anderer Arzt machte mich rund weil ich es in seinem Krankenhaus nach etlichen Monaten gewagt hatte ein Glas Wein zu trinken. Da mache ich endlich wieder etwas, was für mich, was für mein Leben halbwegs normal ist und ich werde zusammengestaucht. Und das hat er auch sofort meiner Kasse im Arztbericht geschrieben. Dabei war es ein guter Wein. Aus Spanien! :-) Die Berichte der Therapeuten habe ich auch in die Finger bekommen. Wenn Du das liest, dann stellst Du fest dass Du a.) ein Vollidiot bist, der nur mit sehr viel Glück ohne psychotherapeutische Behandlung überhaupt erwachsen geworden ist; b.) machen sich die Leute hin und wieder gar lustig über Dich. In lateinisch sogar. Als wenn sie die einzigen wären, die Latein verstünden... Ich denke, ich gebe mir noch ein paar Monate Zeit und halte währenddessen meine Funktionsfähigkeit aufrecht.

Funktionsfähigkeit, das ist, was viele Gewaltopfer zuerst verlieren. Die Fähigkeit, vors Haus zu gehen. Ich kenne Menschen, die sitzen schon seit Jahren in ihrer Wohnung. Alles wird in die häusliche Umgebung importiert. Essen. Trinken. Neue Elektrogeräte. You name it. Die gehen einfach nicht mehr raus, verkümmern dabei aber natürlich auch. Vor allem körperlich. Seelisch ist sowieso das meiste Schrott bei denen. Die Fähigkeit mit anderen Menschen zu sprechen ist auch irgendwann mal futsch. Klar ist mein Camino Silencio ein wenig ein einknicken. In diesem einen Bereich zumindest. Aber ich fühle mich ganz arg extrem unwohl mit Fremden so viele Gespräche führen zu müssen die a.) meist Smalltalk sind und b.) zu nichts führen. Also halte ich lieber meine Klappe und gut is.

Meinen Körper zu trainieren. Das war das Ziel der vergangenen Monate. Und das ist geglückt. Gott sei Dank wenigstens ein Bereich, in dem ich gute Fortschritte mache. Seelisch habe ich mich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt. Und das macht mir Sorgen. Denn ich bin ja nicht komatös. Ich sehe, wo’s hängt. Und da hängt es immer noch. Das Problem ist folgendes… (Huch! Donner! Draußen! Nu hab ich mich aber erschreckt! Das ist auch so ein Problem diese unentwegte, vermaledeite Erschreckerei. Ich hasse das wie die Pest. Und kann es doch nicht ändern). Wo war ich stehen geblieben? Ach so ja. Beim Problem. Mein Problem ist einfach folgendes:

Mein ganzes Leben habe ich Probleme mit meinem Kopf gelöst und mein Körper hat Dienstleistungen für meinen Kopf ausgeführt. So einfach war das. Vorher. Und nun sehe ich mich Belastungen und Problemstellungen gegenüber bei denen mein Kopf nicht helfen, nicht funktionieren kann. Weil es der gleiche Kopf ist, der einen draufbekommen hat. Will heißen: Ich muss andere Lösungswege finden.

Frauen haben es da oft einfacher. Nicht weil sie etwa keinen Kopf hätten, sondern weil sie in vielen Situationen mit ihrem Bauch entscheiden. Klingt blöd, ist aber so. Frauen machen vieles intuitiv (richtig) während Männer sehr viel über den Kopf lösen (und oft daneben liegen). Ich denke (hier mutmaße ich laienhaft in einem wissenschaftlichen Fachgebiet herum ohne die dafür benötigte Ausbildung genossen zu haben) dass Frauen ein psychosozial besser begründetes Wissen nutzen – also eine warme Intelligenz.

Diese warme Intelligenz entsteht durch den Austausch mit anderen Menschen (Frauen sind gerne in Gesellschaft und pflegen viele intensive und intime Beziehungen) während Männer auf eine kalte Intelligenz zurückgreifen, das sie sich vor allem alleine oder aber in einer Art Wissenswettkampf angeeignet haben (Männer sind eher Bindungsschwächlinge, ihre Beziehungen sind oft kumpelhaft und flach). Aber das ist nur meine kleine, dumme Sichtweise der Dinge. Sicherlich unvollständig und unverständig und falsch. Aber so erkläre ich mir meine Ladehemmung zumindest. Mit dem Kopf. Natürlich.

Wirklich verstehen tue ich nur, dass ich nach wie vor leide wie ein Vieh und keinen Ausweg finde. Und das ist schade. Wobei… es gut ist, dass es mich erwischt hat. Denn anderen Menschen geht es sicher ähnlich. Und viele haben nicht einmal die Möglichkeit das auszudrücken, was sie empfinden.

Und das ist, was ich in Zukunft machen werde: Ich werde, trotz aller Widerwärtigkeit und trotz dem mich-zurückziehen-und-wegschliessen-wollen mein Leid und meinen Kampf nutzen – damit es anderen, die in meiner Situation sind besser geht und sie besser verstanden werden. Das tue ich nicht, damit mir jemand auf die Schulter klopft (ich mag Menschen derzeit nicht besonders und auch nicht deren Berührungen oder deren Lob), sondern damit ich dem ganzen Müll, dem ganzen Schmerz der über mein Leben gekommen ist wenigstens einen Sinn geben kann. So ist das wesentlich leichter zu ertragen. „Völlig sinnlos“… das wäre ein Prädikat mit dem ich nicht leben wollte.

So und nun schnell wieder ein Lachen ins Gesicht klatschen und wieder zurück auf den Camino! :-)

 

 

 

 

Backstage bei Johannes B. Kerner 

Ich bin erleichtert, dass die Johannes B. Kerner Sendung ohne Probleme über die Bühne ging. Du bist schließlich zu Gast in Millionen deutschen Wohnzimmern und Du kannst Dich auch ganz schön blamieren! Die Spannung, die mich gestern Abend kurz vor der Sendung durchströmte, die war beinahe zu viel. Da halfen auch nicht die Entkrampfungsversuche vom herrlich menschlichen Tim Mälzer der mit seinem Gipsbein und Doc Benecke auf dem Boden saß und Lagerfeueratmosphäre verbreitete.

 

Für den Bericht der Welt-Online bitte hier klicken.
(Hier klicken für einen Artikel der Welt-Online über die Sendung.)

 

JBK ließ sich ab und an im von einem großen, glücklicherweise salatreichen Buffett dominierten Raum blicken und versprühte seinerseits unkomplizierte und von Herzen kommende Wärme um fünf Minuten später mit einer fürs Leben gezeichneten bulgarischen Krankenschwester in die Folterkeller Libyens abzutauchen. Noch ein paar Minuten später plauderte er mit dem fürs Leben gezeichneten Simon ein wenig über Blutbad und Stalking.  Ich wundere mich ob Familienvater Kerner nach so einem Tag abends manchmal seine Familie betrachtet und denkt "in was für einer Welt wachsen meine Kinder da eigentlich auf...?".

Es war das erste mal, dass ich nach meinem Krankenhausaufenthalt über die ganze Sache öffentlich geredet habe. Dieser Selbstversuch hätte im Grunde jederzeit in jede Richtung abgleiten können. Aus diesem Grunde hatte ich meinen Traumapsychologen und mein tragendes Umfeld auf Stand-by. Aber es ist gut gelaufen und der WEISSE RING hat eine kleine Gruppe neuer, freundlicher, lebensbejahender Mitglieder, die sich solidarisch mit den Opfern erklären. Das war diese Nervenaufreibung allemal wert und das freut mich sehr :-)

Interessant war alleine schon der Auftakt der Sendung. Ich bin gestern von Stuttgart nach Hamburg geflogen. Am Ausgang stand schon ein netter, freundlicher Mensch, der Holzwirtschaft studiert und nebenbei Gäste für Johannes B. Kerner fährt. Ich kommuniziere immer noch gerne - wenn ich die Energie dazu habe. Mir ist es sehr wichtig, dass Menschen nicht nur wie eine Miesmuschel durch ihr Leben gehen, sondern auch ein wenig von mir mitnehmen - und ich von ihnen. Und mein Fahrer war ein wirklich toller Mensch. Ein wertvoller Rohdiamant. Letzthin fuhr er Altkanzler Helmut Schmidt der, wie auch anders, kettenrauchte. "Junger Mann was haben Sie denn heute noch vor?" fragte er ihn. Fahrer: "Nichts besonderes Herr Schmidt". Schmidt: "Dann kaufen wir jetzt noch Blumen für Loki und dann rauchen wir noch eine". Fahrer: "Ich rauche aber nicht". Schmidt: "Dann rauche ich eine für Sie mit" :-) Ich wäre beinahe aus dem Auto gefallen vor Lachen.

Das Studio von Johannes B. Kerner erkennst Du daran, dass an jeder Türe ein Sicherheitsmitarbeiter steht. Das gesamte Gebäude ist gesichert. Vorne. Hinten. Treppenaufgänge. Türen. Freundlich sehen sie zwar aus. Aber nicht gewillt, Unbefugte eintreten zu lassen. Einmal drin findet sich sofort Deine Redakteurin ein, die Dich bis zum Schluss begleitet und für alles zuständig ist. Im Grunde kannst Du Dir wünschen, was Du willst. Die werden das irgendwie möglich machen. Ich wünschte mir nur eins: Eric Clapton. 24 Nights. Royal Albert Hall. Live. Auf die Ohren. Aber dazu kam es kaum - weil die Räume brummen mit Stars und Halbstars und gar keinen Stars. Letztere könnten gut einem Loriot-Sketch entsprungen sein, so weit laufen sie neben ihrer Spur.

Mein größtes Problem waren zeitweise die Avocadohälften. Ich liebe Avocados. Aber die waren mit Krabbenpaste gefüllt. "Ist richtig gut" sagte jemand. Ich: "Fragen sie mal die Krabben was die davon halten". Bin daraufhin komisch angeguckt worden. Egal. Ich bin solidarisch mit Opfern. Auch wenn's Krabben sind. Irgendwie war das Büffett ein wenig fischlastig. Aber Fisch gehört eben nun mal zu Hamburg. Also entsorgte ich die Krabbenpaste klammheimlich und mischte mir einen eigenen, kleinen Salat an den ich fortan vor Tim Mälzer zu verbergen suchte. Ich will mich schließlich nicht blamieren mit meinem unverständigen Tun.

Schließlich war der Moment gekommen, auf den ich schon seit meiner Anreise aus Indien gespannnt war. Die Johannes B. Kerner Musik erklang und ich lampenfieberte für eine Sekunde so arg dass ich keinen Ton rausbekommen hätte. Aber dann stellte mich JBK vor und der ganze Kloß im Hals löste sich auf. Die Fragen von Johannes B. Kerner waren präzise, der Talkstil gutmütig. Er ließ mich von Anfang an selber bestimmen, wie tief ich in die Materie eintauchen wollte - und ich nahm ein ziemlich tiefes Bad!

Problem: Wie mache ich Unglaubliches glaubwürdig ohne die Menschen zu tief mitleiden zu lassen? Wie spreche ich Unsägliches aus ohne, am Ende, unverstanden zu bleiben? Es ist unglaublich schwer den roten Faden im roten Blut nicht zu verlieren! Aber die Gratwanderung gelang. Mir taten nur die Menschen leid, die ich im Publikum sah. Und die am Fernseher sicher ähnlich aussahen. Ich konnte sehen, dass ich ihnen Schmerzen bereitete. Aber was tun? Johannes B. Kerner hatte mich genau dazu eingeladen. Und so trat ich seinen Zuschauern unablässig gegen die Seelenschienbeine. Und mir auch.

"Wie können Sie bei all dem so ruhig sein?" weckt mich Kerner aus meinen Gedanken (während des Interviews dachte ich hinten sehr viel, während ich vorne redete) . Was soll ich denn tun? Ihm zitternd um den Hals fallen? Schluchzen? Schreien bis die weißen Männer kommen? Psychopharmaka schlucken bis die Welt in einem geschmacklosen Einheitsgrau verharrt? Das habe ich alles schon hinter mir. Und es hat nicht zu einer guten Lösung geführt. Also bin ich ruhig geworden. Ich habe auf einer Schreckensskala von Eins bis Zehn eine Zehn kennengelernt. Das einzige was meine Erfahrungen noch toppen kann ist, wenn ich tatsächlich umgebracht werden würde. Alles andere ist eine Wiederholung. Alles andere war schon da.

Wenn man mich fragen würde, wer die wichtigsten drei Menschen in all der Zeit waren, dann würde meine Antwort nach langem Überlegen lauten: Werner Riethmann, der als Chef von LOWA Sportschuhe sofort meine Lebensgrundlage als für gesichert erklärt hat - in einer Zeit, in der Du meinst, dass nichts mehr weiter geht war das das mit Abstand wichtigste Signal! Alexander von Bennigsen-Mackiewicz. Alexander samt Team ist mein Anwalt - und ein wirklich Guter dazu! Er nahm sich nicht nur der Sache an, sondern verschonte mich vor allem auch vor den vielen Informationen, die ich gar nicht wissen brauchte. Karl Heinz Niggemeier-Denker, mein Traumapsychologe - und zudem auch noch forensischer Gutachter. Karl Heinz kennt nicht nur die Opfer-, sondern auch die Täterseite der scheußlichsten Verbrechen. Und so konnte er mir nicht nur in meinen Kopf schauen, sondern mir auch erklären was im Kopf der Täterin vor sich geht. Das war wichtig um zu verstehen was da eigentlich über mich hineingebrochen ist. Diese drei Menschen waren für mich unverzichtbar.

Ohne ein paar sicher tragende Säulen ist es kaum möglich aus einer solchen Situation heil herauszukommen. Ich habe nicht nur diese Säulen gehabt, sondern auch den WEISSEN RING der mit seiner ganzen dreißigjährigen Erfahrung zu einer Zeit in mein Leben trat in der das Blut nicht einmal getrocknet war. Das hat mich so restlos fasziniert und begeistert, dass ich direkt nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus Anteil an der Arbeit des WEISSEN RINGS haben wollte. Wenn Sie jetzt ein Ziehen in Ihrem Herzen spüren und überlegen ebenfalls dort fördernd mitzuhelfen, dann geben Sie diesem Ziehen ruhig nach. Der WEISSE RING tut uns allen gut! Informationen finden Sie >>> hier.

 

Wieso setze ich mich für den WEISSEN RING ein?

Im Krankenhaus zu liegen war eine völig neue Erfahrung. Und verletzt zu sein ebenfalls. Als ich nach ein paar Stunden der Infusionen wegen auf den Topf musste hoppelte ich ins Bad. Und da bin ich dann gestolpert und aus Versehen auf genau dem Bein gelandet, an dem die Ärzte ein paar Stunden zuvor den Oberschenkelmuskel zusammen genäht hatten. Ich habe mich erst einmal schnell übergeben. Und dann habe ich mir geschworen, dass ich, wenn ich diese Zeit überstanden habe, für andere Opfer einstehen werde die durch ihre Tat scheu geworden sind. Ich wollte ab diesem Moment aus dieser irren Tat so viel als möglich Gutes wachsen lassen. Und das mache ich gemeinsam mit und für den WEISSEN RING.

In den Psychotraumatologien sollten wir nicht mit anderen Patienten über unsere Erlebnisse sprechen, weil uns das Eintauchen in das Leid der anderen erneut ein bisserl traumatisieren könne. Aber die Gewaltopfer unter den Patienten haben sich magisch angezogen! Wir haben uns in den anderen wiedererkannt. Da war eine junge Frau, die jahrelang wie ein Viech im Keller eingesperrt wurde. Und dann eine Frau, bei der der Ex-Mann die Türe eintrat, ihren Lebensgefährten sofort erschoss, ihr dann mehrmals ins Gesicht ballerte und danach sich selber in den Kopf schoss. Ein junger Kerl, der vor ein paar Jahren, da war er vierzehn, von seinem Stiefvater nachts im Bett liegend mit Benzin übergossen und angezündet wurde...

Wir hatten einen Heidenspaß und veranstalteten unsere eigenen, ganz arg geheimen Treffen, die wir „Gruppentherapien“ nannten :-) Immer wenn das Pflegepersonal reinkam verloren wir schlagartig das Interesse aneinander und wenn das Personal rausging grinsten wir breit. Und die Schwestern zwinkerten uns beim Rausgehen zu... Mit anderen Menschen habe ich seit der Tat nicht mehr richtig gelacht. Bis heute nicht. Aber mit diesen Menschen verband mich etwas. Untereinander waren wir wirklich locker und normal. So normal wie man halt ist, wenn man weggesperrt, niedergeschlagen, -gestochen, -geschossen oder angezündet wird.

Ich habe bald nach der Tat viele graue Haare bekommen und bin auch innen drin viel ernster, dunkler geworden. Viele Dinge die mir Leute erzählen klingen oftmals recht trivial. Während die über ihren letzten Urlaub philosophieren denke ich... nichts. Die meiste Zeit denke ich wenig bis nichts. Die Dinge, die ich im letzten Jahr erlebt und gesehen habe waren erstaunlich. Außenstehende würden sie brutal oder grausam bezeichnen. Ich finde sie erstaunlich. Mehr nicht. Weil wir uns irgendwann von den Gefühlen abkoppeln. Ganz los bin ich die Tat bis heute nicht geworden. Aber so muss ich wenigstens die Sache nicht dauernd fühlen müssen.

 

 

Auf dem Weg ganz nach unten.

Ich habe diese Homepage geschaffen um festzuhalten, was mir später sonst niemand mehr glauben würde. Das, was Sie erleben wenn Sie in unserem Land zu einem Opfer werden, das ist ein großes Erlebnis!

Was mich betroffen gemacht hat, waren die Reaktionen anderer, zumeist fremder Menschen auf meinen Fall. Natürlich entgeht es mir nicht, wie über mich geredet oder geschrieben wird. Weil Ihnen nach einer Gewalttat die natürlichen „Schutzschilde“ fehlen, dringen Angriffe besonders einfach und nachhaltig durch. Sie sind einfach empfindlicher. 

 

„Es ist wirklich traurig dass Bert Simon den Posten […des Geschäftsführers…] aufgibt. Er befindet sich nun im sekundären Krankheitsgewinn und das ist bedeutend einfacher als sich um kranke Menschen zu bemühen. Aus diesem wird er auch so schnell nicht herauskommen. Die nächsten 10 Jahre wird er diesen sekundären Krankheitsgewinn für sich nutzen. Da gehe ich jede Wette ein“.

 

So ist das. Ich habe gewonnen und ich genieße nun... Meine Psychologin war fassungslos als ich ihr diese Zeilen zeigte. Sie fand keine Worte und wusste auch nicht, wie sie da ansetzen sollte - und Psychologen sind meist nie um Worte verlegen :-) Alleine der Fachbegriff „sekundärer Krankheitsgewinn“ ist schlimm gewählt, da ich ja nicht an einer Krankheit leide, sondern an den Symptomen eines Mordversuchs der mit zwei Waffen an zwei Orten über einen Zeitraum von fast einer Stunde an mir durchgeführt worden war.

Aber ich will mich nicht zu sehr beklagen, denn in Deutschland bekommt JEDES Opfer nach ein paar Wochen Schelte. Wie ich das einfach so behaupten kann? Weil ich mittlerweile genügend davon kenne und weil wir unsere Erlebnisse vergleichen.

Wissen Sie, was der Frau passierte, der mehrfach in den Kopf geschossen wurde? Während die auf der Intensivstation lag räumten Angehörige ihres Lebensgefährten (der erschossen worden war) ihr Zeug aus der gemeinsamen Wohnung und zogen selber dort ein. Einfach so. Oder der  Mutter von Felix (aus dem Felix und Levke Fall), die berichtet, dass das Finanzamt zwei Wochen nach dem Auffinden der Leiche von Felix der guten Frau unterstellte dass sie im Grunde Kindergeld unterschlagen würde und die zuviel gezahlten Gelder sofort zurück überweisen solle...

Ihr Nutzen für die Gesellschaft ist nahe null. Und das bekommen Sie zu spüren! Die Menschen wissen schließlich, wie ein Opfer auszusehen hat, wie lange es leiden darf und wann es gefälligst wieder Leistung zu erbringen hat:

 

„Und außerdem sollten alle betreten schauen, die Deine Show mitbekommen haben. Die Wunderheilung des Bert Simon, der nach etlichen Krankenhausaufenthalten, in denen Du echt scheiße aussahst und ich schon Mitleid hatte und mir Sorgen machte, ganz plötzlich genesen war. Es freut mich, dass es Dir besser geht. Bin mir allerdings nicht ganz sicher, inwieweit das alles nur gespielt war“.

 

Die Thema wird weiter bearbeitet.

 

 

Die Täterseite schreibt Artikel - mit meinem Blut.

Der Strafverteidiger der Frau, die mich beinahe getötet hat, hat zum wiederholten Male der Neue Westfälische Zeitung Bericht erstattet. Darin wird vor allem die Sicht der Täterin wiedergegeben.

Opfer empfinden Berichterstattung über ihr Schicksal oft als verletzend - vor allem wenn sie vom Anwalt des Täters ausgeht. In jeder gesunden Gesellschaft würde sich die Täterseite schämen. Hier jedoch bewirbt und bereichert sich der gegnerische Rechtsanwalt unter Verwendung des an mir verübten Kapitalverbrechens.

In diesen Artikeln aber vergessen die Zeitungen, ihren Lesern zu berichten, dass sie als Steuerzahler für das Verbrechen teuer bezahlen: Der Strafverteidiger ist vom Staat bestellt - und bezahlt. Anstatt neues Spielzeug für den lokalen Kindergarten zu beschaffen oder Material für die örtliche Schule wird das Geld der Verteidigung der Tanja S. ausgehändigt. Im Anschluss an die Rechnung, die die Öffentlichkeit bezahlt, wird sich in den Medien noch schnell kostenfreie Werbung abgeholt.

Die Journalisten erkennen diesen Sachverhalt nicht immer - sonst würden während der Interviews ein paar eigene Fragen eingeworfen. Fakt ist, dass Tanja Streit nicht nur meine Gesundheit angeschlagen hat, sondern den Staat hunderttausende Euro kostet.

Meine Behandlungskosten belaufen sich bereits auf fast 100 000 Euro, hinzu kommen Gerichtskosten, Gutachten, Unterbringung im Gefängnis... bis hin zum Privatversichertenstatus den Strafgefangene haben. Kein Scherz: Wenn ein Strafgefangener krank wird, dann bekommt er im Krankenhaus ein Einzelzimmer - weil er Privatpatient ist - während Journalist und Leser mit ihren AOK Karten im Vierbettzimmer nebenan landen. Das wäre schon ein paar Fragen wert wenn der nächste Anwalt um kostenfreie Reklame bittet.

 

 

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.

Manche Menschen haben bereits anklingen lassen „Warum musst Du da so öffentlich drüber reden? Wäre es nicht besser, wenn Du einfach wieder normal würdest?“ Im Grund sagen diese Menschen: „Nun höre endlich auf 'darüber' zu reden und werde wieder zu einem positiven Erlebnis für mich“.

Wissen Sie, Menschen die so denken, die schmerzt meist alleine die Vorstellung von (körperlicher) Gewalt. Taten die einem unangenehme Gefühle bereiten, die versucht man durch Schweigen im Nachhinein ungeschehen zu machen. Problem sind dann nur noch die Opfer, denn die sind die einzig übrig gebliebene Verbindung zum ungewollten Geschehen.

Den Tätern allerdings, und das ist das merkwürdige, denen hört die Öffentlichkeit gerne zu. Magnus Gäfgen, der erst vor kurzem den elfjährigen Sohn der von Metzlers wegen ein paar Euro umgebracht hat, der gründet mit großem Tamtam eine Stiftung. Schreibt ein Buch (Titel: Allein mit Gott). Er gibt über seinen Anwalt seitenlange Essays heraus. Eigentlich sollte man erwarten, dass Gäfgen aus der Zelle ruft und niemand kommt - weil die Gesellschaft Kindesmörder ausgrenzt. Aber das Gegenteil ist der Fall! Gäfgen ruft, die Medien rücken vollzählig ein und flehen Herrn Gäfgen um Stellungnahmen an. Und dann übermitteln sie uns und den Eltern von Jakob jedes Wort des Mörders.

Oder nehmen Sie Richard Oetker. Durch Stromschläge auf unglaubliche Art und Weise verletzt, verherrlichen die Medien den Täter: Ein schillernder Verbrecher“ die Überschrift. Und gleich der nächste Satz: „Groß, schlank und höflich trat Dieter Zlof im Gerichtssaal auf“... Ich vermute, Sie und ich denken an dieser Stelle vermutlich das gleiche.

Manche Menschen wollen mit Opfern nicht gut umgehen, weil die (schwachen) Opfer das Verbrechen – quasi als Tatergebnis – deutlicher repräsentieren als der (starke) Täter. Deswegen ist eine Organisation wie der WEISSE RING wichtig, die sich dem Opferschutz verschrieben hat. Bitte denken auch Sie über eine Mitgliedschaft nach!

 

 

Das erschütterte Umfeld

Nach einer Gewalttat spielen sich nicht nur in mir, sondern auch in meinem Umfeld eine Vielzahl von Reaktionen ab, die entweder helfen oder zusätzlich belasten können. Grund dieser Veränderung ist, dass sich mit dem Eintreten einer Gewalttat die Position des Opfers, sein „Stand“, innerhalb seines Umfelds stark verschiebt.

Ein Umfeld bildet sich aus verschiedenen Gründen. Es ist nicht nur die Chemie, die stimmen muss (oder die von Anfang an nicht stimmt sondern durch andere Faktoren wettgemacht wird), sondern es besteht meist ein Gleichgewicht in ähnlicher (Willens-)Stärke, gleichenden Lebensansichten, ähnlichem Einkommen und nicht zuletzt auch dem Nutzen einer Beziehung: Kann mir der oder die beim Handwerken, Babysitten oder beim Umzug helfen oder mir gut zuhören… also die Frage „wozu ist mir derjenige oder diejenige nützlich“.

Eine große Herausforderung für das Umfeld ist es, sich nach einem Verbrechen schnell genug auf das Opfer einzustellen. Vergleichbar ist das mit einem Menschen, dem nach einem plötzlichen Unfall ein Bein amputiert wurde. Wenn man dem Kerl vorher kameradschaftlich auf den Rücken gehauen hat, dann hat er gelacht. Jetzt, mit einem Bein weniger, da fällt er um. Das bedeutet, Dinge die vorher lustig gemeint waren und die als lustig empfunden wurden, die sind es plötzlich nicht mehr.

Eine weitere Herausforderung ist es für das Opfer die „Trittbrettfahrer der Tat“ schnell genug ausfindig zu machen. Jede Gewalttat bringt nicht nur das Gute in manchen Menschen hervor, sondern auch das Schlechte in anderen. Jedes Gewaltopfer macht die Erfahrung, dass Menschen von denen man es niemals erwartet hätte, plötzlich zu Goldschürfern werden. Haupt-Tatmittel das Telefon: Hier werden Kunden abgeworben, dort schnell Fakten geschaffen, Verträge gekündigt,  Afterrede betrieben. Trittbrettfahrer instrumentalisieren das Verbrechen um den Platz, den das Opfer geräumt hat, schnell einzunehmen um in eine vermeintlich bessere Position zu gelangen.

Dieses Thema wird mit Beispielen in Kürze fortgesetzt.

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