Der Prozess.

Vorweg: Tanja wurde im Dezember 2007 zu vier Jahren Haft verurteil - nachdem der Bundesgerichtshof das erste Urteil (acht Jahre Haft) aufgrund ihrer Mukoviszidoseerkrankung verworfen hatte. Grundsätzlich habe ich beschlossen mich nicht zum Richterspruch zu äußern. Tatsächlich aber finde ich die Rechtsprechung merkwürdig. Tanja gibt an, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Ihre Restlebenszeit sei durch ihre Mukoviszidose begrenzt, daher solle sie strafempfindlicher sein. Was aber, wenn ein Achtzigjähriger in eine Bank geht, dort Geiseln nimmt und Menschen erschiesst? Den könnte man dann ja gar nicht mehr verurteilen, weil er bereits über das durchschnittliche Lebensalter herausgelebt hat.

Dass Tanja verurteilt wurde, bekamen mein Anwalt und ich aus Zufall mit. Man hat uns nicht informiert. Die Täterin war informiert. Das Gericht auch. Die Staatsanwaltschaft ebenfalls. Nur die Opferseite, Nebenkläger immerhin, wusste von nichts. Wenn die Meldekette so bei der Entlassung arbeitet kann ich mir im Grunde schon einen Sarg bestellen. Ich laufe dann ungeschützt erneut ins offene Messer. Meine Restlebenszeit ist dann auch sehr begrenzt Und strafempfindlich bin ich auch.

Wie der zweite Prozess gelaufen ist? So: Der Wachtmeister öffnet die Seitentüre des Saales in dem wir dem Prozessauftakt entgegendösen. Fiebern tun wir alle nicht mehr, denn der Verlauf des heutigen Verhandlungstages ist klar vorgegeben. Keine Überraschungen mehr. Keine filmreifen Auftritte illustrer Zeugen. Justizroutine ist gefragt. Jeder der Beteiligten kennt seine Rolle. Und wir geben uns nicht einmal Mühe wenigstens so zu tun, als würde heute nach irgendeiner Wahrheit geforscht.

Der Wachtmeister öffnet die Seitentüre des Saales. Durch diese unscheinbare Pforte betreten mit grosser Regelmässigkeit Vergewaltiger, Mörder oder Räuber die Arena. Weil wir in Deutschland genügend davon haben. Und mit ebenso grosser Regelmässigkeit recken sich in diesem Moment die Hälse der Anwesenden um mit dem Gefühl der Abscheu einen schnellen ersten Blick auf denjenigen zu erhaschen, der unserer Gesellschaft Leid zufügt.

Mit leichtem Klimpern ihrer glänzenden Fußfesseln bahnt sich Tanja ihren Weg auf die Anklagebank und sinkt neben ihrem Strafverteidiger auf einem Stuhl nieder. Das hat der vorher beantragt. Und seinem Antrag wurde stattgegeben. Die Fesseln hingegen bleiben an ihren Füssen. Ihr Verteidiger hätte sicher lieber noch ein wenig, wie er später in seinem Plädoyer erwähnen wird, mit seinem dreijährigen Sohn gekuschelt als an diesem trüben Freitagmorgen in einem verschlissenen Schwurgerichtssaal der frühen siebziger Jahre zu sitzen auf dessen abgeschabten Tischplatten der eine oder andere Ring an den Durst längst vergangener Prozesstage erinnert.

Tanja und ihr Pflichtverteidiger haben leichtes Spiel. Das war im Voraus allen Beteiligten vom Bundesgerichtshof so aufgetragen worden. Der Bundesgerichtshof hat die Strafzumessung der ersten Instanz einstimmig kritisiert und den Richtern der 13. Strafkammer ihr Urteil um die Ohren gehauen. Die 2. große Strafkammer wird, dermaßen vom BGH zum Gehorsam genötigt, über das Ziel hinaus schießen und ein besonders mildes Urteil fällen.

Ich allerdings habe wenig zu verlieren, denn ein mildes Urteil kommt meinen moralischen Grundwerten entgegen, ändert aber am endgültigen Ausgang der Sache nichts. Denn Tanja ist nicht nur psychisch sondern auch körperlich ernstlich krank. Sie leidet unter Mukoviszidose, einer Erbkrankheit die ihr mit einer bedrückenden Langsamkeit die Gurgel zudrückt und die, anders als unser Rechtssystem, keine Milde, keine Gnade und keine Hoffnung auf eine Entlassung bietet.

Trotz alledem und gerade deswegen ist Tanja auch eine sehr gefährliche Frau. Sie hat kaum mehr etwas zu verlieren. Die Gesundheit ruiniert, das Lebensende in Sicht... so hat sie nicht nur mich beinahe getötet sondern neben meiner damaligen Verlobten Christine auch anderen Menschen routiniert nachgestellt. Da war die Frau des Pastors ihrer alten Gemeinde in Bayern, die von Tanja zuerst mit Unmengen an Liebe und dann, als der guten Frau das zuviel wurde, mit gewaltigen Mengen an Liebe überschüttet wurde.

Tanja hat gelernt Menschen unter Verwendung ihrer Mukoviszidoseerkrankung zu instrumentalisieren und sich Strukturen zu schaffen, die ihren Zielen zuträglich sind. So verschaffte sie sich nicht nur Unterstützung von Vereinen und Ärzten, sondern verhinderte zu Anfang auch, dass Polizei und Staatsanwaltschaft Christine und mich schützen konnten. Erst als sie Christine auf der Jahrestagung des Mukoviszidose e.V. in Königswinter massiv körperlich bedrängte, war unser Anwalt in der Lage aufgrund der erhärteten Fakten eine Verfügung zu erwirken. Nachdem sie mehrfach gegen diese richterliche Anordnung verstossen hatte, sollte sie erstmals zur Rechenschaft gezogen werden. Der Brief des Amtsgerichtes, der ihr dieses verdeutlichte, ging bei ihr einen Tag vor dem Mordversuch ein. Sie dachte sich dass sie nun nichts mehr zu verlieren hätte, löschte einige ihrer Internetauftritte, packte das längste Messer ein und begab sich auf die Jagd.

Und auch in der Untersuchungshaft verfügt Tanja in der Folgezeit über ein solch überzeugendes Auftreten, dass Vereine der Mukoviszidoseszene Hilfe für ihre Patientin in die Justizvollzugsanstalt schicken und Vereinsvorstände bis vor wenigen Wochen an Tathergang und Schuld der Täterin ernsthaft und öffentlich Zweifel hegen. Tanja ist derart geschickt, dass sie ihr unterstützendes Umfeld auch nach dem Richterspruch (der Tanja ein versuchtes Tötungsdelikt mit dem Aufweisen eines Mordmerkmals, also einen versuchten Mord, bescheinigt) erhält. Die Anzahl von Webseiten, die bis heute auf ihre Internetauftritte verweisen, zeugt davon.

 

Ich habe das Geschehen von Beginn an mit weit offenen Augen in mich aufgenommen. Ich  fühle, dass das Schicksal mir hier nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance bietet mit stärkeren Lebensfundamenten als beständigerer Mensch aus dem Fegefeuer der Gewalt hervorzugehen. Ich habe die Möglichkeit etwas Fundamentales, etwas Wertvolles über Leben und Tod zu lernen, eine Möglichkeit die den meisten Menschen gottseidank erspart bleibt.

Eine der ersten Lektionen, die ich gelernt habe ist, dass in unserer Gesellschaft dem Täter etwas geradezu Mystisches anhaftet. Insgeheim wird der Täter bewundert. Der Gewalttat werden auch gute Seiten abgewonnen. Sie wird ein bisserl relativiert. "Naja, das hätte ja auch viel schlimmer enden können". Das Verbrechen wird verklärt. Der Täter ist wer - das Opfer weitaus weniger. Dem Opfer haut man Sätze wie "Nun werd' Du mal schnell wieder gesund" oder "Nun kannst Du ja aufhören Angst zu haben. Die ist ja nun eingesperrt" um die Ohren - Du sollst gefälligst "schnell heilen" und "aufhören" Opfer zu sein.

Das Opfer ist sicherlich auch irgendwie an der Tat beteiligt. Aber im Kern der Sache ist das Opfer ein Loser. Ein Verlierer. Das Opfer ist derjenige, der einsteckt. Ist derjenige, der zu Boden geht. Und mit Verlierern, da gibt man sich, das haben wir seit dem ersten Schultag so gelernt, nicht gerne ab. Man spielt mit demjenigen, der was kann. Der was darstellt. Der das Heft in der Hand hält. So wie Tanja - denn das "Heft" dieses Sprichwortes bezieht sich auf den mittelalterlichen Schwertgriff.

Die Auswirkungen dieser natürlichen Auslese der Verlierer habe ich erfahren. Vorstände von Firmen, Ärzte, Professoren, Mitarbeiter, 'Freunde' – Leute mit denen ich vorher guten Kontakt pflegte, die sind auf Dinstanz gegangen. Das Bild des „Winners“, des „Könners“, des „Tausendsassas“, das Bert Simon verkörpert hat, das scheint zerkratzt. Diese Sekundärbestrafung hat mir weh getan.

Ich arbeite an der Fortsetzung...

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