Um kein Detail zu vergessen habe ich mich wenige Tage nach dem Mordversuch im Krankenhaus hingesetzt und die ganze Geschichte aufgeschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war meine Sicht der Dinge durch Selbstmitleid und körperlichen Schmerzen stark beeinflußt. So entstand ein merkwürdiger Bericht der aber die Details tatsächlich so wiedergibt, wie es passiert ist. Ich habe mir lange überlegt, ob ich den Bericht noch einmal nacharbeiten soll, habe mich aber dann dafür entschieden die Worte so zu belassen, wie sie damals aus mir rausgesprudelt kamen - auch auf die Gefahr hin, dass sie Ihnen zu weinerlich und zu gefühlsbeladen klingen.

 

1. Der Tanz mit dem Teufel.

Mein Blut spritzte gegen die Wand. Der Raum zog sich plötzlich in die Länge. Dann lösten sich die Wände aus den Scharnieren und alles wurde schief. Ich fiel aus dem Stand krachend auf meine Knie, die aufplatzten. Buchhalterisch wurde jedes noch so kleine Detail vermerkt. Auf dem Weg nach unten hat man alle Zeit der Welt solche Details zu vermerken. Gerade noch saß ich auf meinem Balkon, den ich - gegen die Hausordnung verstoßend - grün angestrichen hatte, weil die alte Farbe zerstört worden war. Mein Weinglas stand vor mir. Ein guter Rotwein war es. Ein Altus aus der Winzerei Valdelana im Rioja. Das ist in Spanien. Am Jakobsweg, meiner Wahlheimat.

Ich arbeitete gerade ein paar Seiten für unsere türkische Patientenfamilie ab. Deren Papa war vor drei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Zwei der Kinder haben Mukoviszidose. Der älteste Sohn wurde mit 12 Jahren bereits lungentransplantiert. Und mit 14 noch einmal! Jetzt wurde dringend ein neues Auto gebraucht. Mit der Franz-Beckenbauer-Stiftung, verschiedenen Banken und Versicherungen habe ich ein Renault Scenic zusammen bekommen. Das Paket sollte an diesem Abend geschnürt werden. Nebenbei hörte ich Tanja zu, die weinend vor meine Türe aufgetaucht war und mich nun über ihre Lage aufklärte. Wir haben ihr immer nur nebenbei zugehört. Weil das Zuhören bei Tanja so anstrengend ist. Es geht nicht so sehr um die Welt oder die Dinge, die in dieser Welt sind. Es geht um Tanja und ihre ureigene Sicht ihrer Dinge in ihrer Welt. Punkt. Und so säuselte sie dahin. Über die richterliche Verfügung, die wir gegen sie erwirkt hatten und deretwegen sie derzeit eigentlich überall sein durfte - nur nicht auf meinem Balkon! Über die zweieinhalb Jahre stalking. Über die tausenden von Mails, die bis zu sechzig Telefonanrufe sprach sie nicht. Sie redete über sich. Vor allem darüber. Und wie sie leidet. Und wie sie unter unserer Lieblosigkeit verwelkt.

Und dann war es ein 1:02 Uhr - und damit an der Zeit für mich zu sterben.

 


2. Der Hammer schlägt ein.

"Tanja, ich muss morgen den Dienst-Sharan zur Inspektion fahren. Ich sollte jetzt wirklich ins Bett". "Jau, ich bin auch müde. Lass uns Schluss machen". (Im Nachhinein schmeckt dieser letzte Satz so unendlich bitter...). Ich ging voran, um Tanja zur Türe zu begleiten. Sie hingegen blieb noch ein paar Sekunden sitzen und wurschtelte noch ein wenig an ihrem Tisch herum. Zwei Meter und zwei Sekunden später stand ich plötzlich am „Ground Zero“: Eine mächtige Explosion zerriss meine mondäne Welt und hinterließ einen Dunst, der sich wie ein Schleier auf meine Seele legte und sich bis heute nicht gehoben hat. Es knallte unbarmherzig laut. Direkt hinter meinem Rücken. Hinter meinem Kopf. An meinem Kopf. Ich überlegte, während rote Tropfen wie Funkenflug an meinem Kopf vorbei flogen, was passiert war. Ich hatte ganz oben auf dem Schrank erst gestern einen Fernseher gestellt. Vielleicht war der heruntergefallen?! Der Schrank, den ich zwei Tage zuvor aufgebaut hatte, der war vielleicht auf mich drauf gefallen?! Ich verlor plötzlich alles Gefühl in meinen Beinen und fiel aus dem Stand krachend in die Knie. Dann kippte ich ruhig und unabänderlich vornüber. Der Boden kam nun direkt auf mich zu. Und noch hatte ich keine Erklärung für meinen Sturz gefunden. Wie lange fällt man eigentlich zu Boden? Es kam mir etwa zwanzig Minuten lang vor. Während des Fallens drehte ich meinen Oberkörper um etwa zwanzig Grad nach links und sah über meine linke Schulter.

Was ich sah wird mich bis zum Ende meines Lebens begleiten, hielt aber mein Weiterfallen nicht auf. Tanja stand im Raum mit einem Hammer in der Hand und schrie, vermutlich weil ich nicht sofort bewusstlos geworden war und sie nun Gegenwehr befürchten musste, "Es tut mir so leid. Es tut mir so leid". Wow. Dachte ich. Dann sah den Rest des Weges nach vorne. Mit einem dumpfen Klatschen traf mein Kopf die Türe und rutschte am Holz entlang zu Boden. Ein roter See breitete sich langsam vor meinen Augen aus. Es war lächerlich. Schlecht gespielt. Wie in einem ganz billigen Fersehfilm…

 


3. Wenn Du leben willst, steh’ auf!

Meine Augen rollten nach oben. Ich spürte, wie mein Körper müde wurde. „Wenn Du leben willst, dann steh’ auf!“ befahl eine Stimme in mir. Gott, war ich müde. Aber ich war mein ganzes Leben lang aktiv. Und ich wollte verdammt noch mal leben. Das war eigentlich das einzige, was ich jetzt noch wollte. So begann ich also in die beginnende Ohnmacht hinein zu grätschen. Ich rollte meine Augen bewusst zurück und zwang mich zu sehen.

Ab diesem Moment wurde mein Leben zu einer schnellen Abfolge von Befehlen. Diese Befehle befolgte ich ab sofort mit ungeheurer Präzision und Genauigkeit. Ich arbeitete alle Aufgaben hochkonzentriert ab. Ein Fehler würde meinen sicheren Tod bedeuten. Dessen war ich mir sicher, denn der Schlag in meinen Hinterkopf war nicht mit angezogener Handbremse geführt gewesen. Er suchte das Endgültige. Er war grauenhaft. Das von der Leine gelassene, zähnefletschende, mit scharfen Angriffswaffen versehene Tier im Menschen hatte diesen Streich geführt. Das hatte ich gespürt, als ich getroffen wurde.

Ich hob meinen Kopf aus dem klebrigen Blut und blickte nach hinten. Tanja kam auf mich zu. Scheiße. Befehl: „Tanja möglichst mit der Schulter abwälzen“. Nun müsst Ihr wissen, dass, wenn Euch ein Hammer in den Hinterkopf trifft, all Eure Kraft und Eure Energie auf ein Minimum zusammenschmelzen. Ihr habt Mühe zu atmen. Eure Arme sind etwa 50 Kilogramm schwer. Eure Beine funktionieren nicht. In diesem Augenblick jemanden ‚mit der Schulter abzuwälzen’ ist eine mörderische, heldenhafte Tat. Ihr müsst Berge bewegen, um Euch zu rühren. Überall, wo ein wenig Energie zu finden war in meinem Körper, saugte ich diese nun in meine Armmuskulatur – und rollte Tanja neben mich. Sie landete auf dem Rücken und sah mich entsetzt an während mein Blut weiter auf den Boden klatschte. Mit jedem Tropfen verlor ich Energie. Befehl: „Bewaffnen!“. Vor mir standen, da ich gerade im Umzug befindlich war, mehrere Dinge. Die meisten davon lagen ausserhalb meiner Reichweite. Und da meine Füße nicht funktionierten, griff ich nach einer Rotweinflasche (Les Alcusses 2003, 92 Parker Punkte). Ich bin es gewohnt, Flaschen zu heben, zu öffnen und zu trinken. Dies jedoch war die schwerste Flasche, die ich bislang in meinem Leben gehoben hatte. Befehl: „Hau Ihr das Ding auf die Rübe!“. Aber dann eine kurze Gefühlsregung: „Bert, Du leitest eine Hilfsorganisation für Lungentransplantierte. Das ist eine Patientin. Sei vorsichtig. Schlag nur ein bisschen zu!“. Also schlug ich ein bisschen zu. Das bisschen minus der fehlenden Kraft ergab: Nichts. Tanja kam bereits wieder zu sich und wollte aufstehen. Befehl: „Wenn Du leben willst, dann stehst Du auf – nicht Tanja!“ Wieder schlug ich zu, diesmal unbeherrschter. Tanja sackte wieder zurück. Gut so.

Befehl: „Wenn Du leben willst, steh' auf!“. Ich rollte mich auf die Seite und begann damit, meine 84 Kilogramm hoch zu wuchten. Ich schaffe es auf Anhieb nicht, zwang mich aber in die Knie. Wackelnd und schwankend kniete ich über Tanja und kam in der nächsten Minute auf die Beine. Befehl: „Notruf absetzen!“ Mit einem wahren Gewaltakt griff ich in die rot gefärbten, strohigen Haare meiner Gegnerin und zerrte sie hinter mir her dem Fensterbrett zu. Dort lagen meine Telefone. Mittlerweile hatte ich einen echten Tunnelblick. Die Ränder dieses Blickes waren schwarz. Am Ende des Tunnels verfügte ich über ein Sichtfeld von etwa einem Meter. Darin befand sich nun das einzig nötige Handy. Tanja zerrte ich an den Haaren in den Stand, nahm meinen Arm und drückte ihren Hals an die Fensterscheibe. Ihr blieb die Luft weg. „Ich kann nicht mehr atmen“, stöhnte sie. Ich drehte mich ihr zu. „Wenn Du noch ein Wort sagst, schlage ich Dich tot“, zischte ich eiskalt und bösartig. Ein Bluff. Hoffentlich würde sie es nicht merken. Ich war froh, stehen bleiben zu können und legte meinen Kopf für einen Moment an die Glassscheibe. So wunderschön kühl war das Glas. Sofort rann mein Blut in langen Fäden an der Scheibe hinunter und erinnerte mich an den Befehl, der mir erteilt worden war, nämlich den Notruf abzuetzen.

Befehl: „Es ist viertel nach eins. Maja ist noch wach. Du hast vor zwei Gesprächen noch mit ihr gesprochen. Eines davon hast Du mit diesem Handy geführt. Also in der Anrufliste eine Nummer nach unten scrollen. NICHT die Polizei anrufen. Da wirst Du nur verbunden und das Handy wird Dich fragen ‚Wirklich Notruf absetzen? Drücken Sie Ja oder. Nein.’ Die Zeit hast Du nicht". Ich rief die richtige Nummer an und Maja antwortete nach dem ersten Klingeln. Ich schnitt ihr das Wort ab. Wie ein Automat spulte ich meine Message ab, während mir das Blut in die Unterhose lief:

„Maja. Tanja ist hier. Sie hat mir mit irgendwas in den Kopf gehauen. Ich blute wie ein Schwein. Brauche Polizei und Krankenwagen. Sofort.“ OK, sagte Maja und legte auf um das Richtige zu tun. [Nachher sagte sie mir, dass ich mit einer Eiseskälte und einer existentiellen Dringlichkeit in sehr knappen Sätzen wie ein Roboter gesprochen hätte. Daran zurück zu denken würde ihr immer noch eine Gänsehaut über den Rücken jagen]. Mein Blut lief noch immer. Mein Gott, wie viel denn noch? Ich spürte wie meine Kraft zu schwinden begann.

 


4. Das Ende meiner Zeit.

Mein Blut lief noch immer und patschte auf den Boden. [Dieses Geräusch und ähnliche Geräusche sind das einzige, was ich bis heute nicht ertragen kann. Anm. Bert Simon]. Mein Gott, wie viel denn noch? Ich spürte wie meine Kraft zu schwinden begann. Der nächste Befehl lautete folgerichtig: "Du musst jetzt vors Haus. Hier in der Wohnung wirst Du demnächst durch den Blutverlust ohnmächtig werden. Geh dahin wo Menschen sind!" Also schnappte ich mir Tanja, der ich bislang einen Arm gegen den Hals und ihren Kopf so gegen das Fensterglas gepresst hatte. Ich drehte ihr einen Arm auf den Rücken und gemeinsam wankten wir, ich gegen meine Ohnmacht und Tanja kämpfend, durch meine Wohnung und dann den dämmerigen Flur entlang. Mein Blut hinterließ eine Spur auf den Steinen der Treppen und Flure. Ich öffnete meine Haustüre und schob Tanja nach draußen. Während ich schob begann ich zu keuchen. Mir war plötzlich kotzübel. Meine Hochspannung ließ für einen Moment nach und ich griff nach dem Geländer um meinen drohenden Fall abzufangen. Ich hatte mich komplett und absolut für viele kommende Monate verausgabt. Meine Kraft war verbraucht. Die Flamme erloschen. Ich habe gekämpft. Gewonnen. Jetzt war ich gerettet.

Tanjas Gesicht verschwand aus meinem Tunnelblick nach rechts unten. Wenige Sekunden später tauchte sie wieder auf und, begleitet von einem markerschütternden Angriffsschrei fühlte ich, wie etwas zuerst oberflächlich und dann immer tiefer in meinem Oberschenkel versank. Etwas lief an meinem Bein herab. Es fühlte sich an, wie warmer Sand. Ich orientierte mich an diesem Wärmegefühl. Mein Tunnelblick sah zu, wie ein riesiges Fleischermesser aus meinem Oberschenkel gezogen wurde. Kleine Muskelfasern baumelten am durchtrennten Stoff meiner ehemals hellen ODLO Outdoor Hose, die inzwischen viele große, dunkle Flecken hatte. "Mann wie soll ich denn das alles reparieren?" dachte ich kurz. Spätere Untersuchungen der Gerichtsmedizin ergaben, dass die Klinge 25 cm lang war und soeben ein Sechstel meiner Oberschenkelmuskulatur durchtrennt worden war.

Ich gab ein leises "Ohhhh" von mir, in dem das Entsetzen über die Endgültigkeit dieser Tat und die vollkommene Hilflosigkeit gegen solch ein übermächtiges Messer steckte. Gleichzeitig wusste ich, dass meine Chancen auf ein Überleben soeben ganz gewaltig gesunken waren. Ich war zum zweiten Male dabei, und jetzt auf dem besten Wege, mein Leben zu verlieren. Zwei mal innerhalb von zehn Minuten schwer verletzt zu werden... Irgendwann ist der Mensch an seinem physisch machbaren Ende angelangt. Und ich spürte dieses Ende jetzt.

Ich konnte meine Gedanken gar nicht zu Ende denken, da traf das Messer meine Brust. OK, dachte ich. So ist das also, wenn man später in der Zeitung über Mordopfer liest. Tanja stach richtig fies zu und traf mit voller Gewalt anstatt meinem Herzen den schützenden Korb. Die Rippe knirschte unter der bohrenden Messerspitze und tat höllisch weh. Das waren die ersten Schmerzen, die ich in dieser Nacht spürte. Ich hoffte, inständig, dass meine Rippe halten würde. Tanja sah, dass sie ihr Messer in eine Sackgasse verbohrt hatte, zog es heraus und versuchte mich in meinen Bauch zu stechen. Schützend hielt ich meine Hand davor und kassierte einen weiteren saftigen Schnitt in die Pfoten. Mann war ich bedient! Ich humpelte mit kleinen Schritten rückwärts und zog mein zerschnittenes Bein nach. Solange, bis ich an die im Ständer abgestellten Fahrräder stieß und meine Flucht ein Ende fand.

 


5. Ein Wunder rettet mich.

Ich stieß an die im Ständer abgestellten Fahrräder und meine Flucht fand ein Ende. Hier würde ich also sterben. Nicht am Nanga Parbat oder im Australischen Outback sondern am Fahrradständer meines Wohnhauses in Hannover. Einhundert Meter von der Medizinischen Hochschule Hannover entfernt würden die Verletzungen dieses riesigen Messer so dramatisch sein, dass ich die Klinik nicht lebend erreichen würde. Mit einer 25 Zentimeter langen Klinge konnte Tanja schließlich jedes Organ in meinem Körper erreichen. In der Ferne hörte ich schon die ersten Martinshörner. Aber sie würden ganz sicher zu spät sein.

Rückblende: Zwei Tage vorher klingelte der UPS Paketdienst bei mir. Er hätte ein Päckchen abzugeben. Für einen Herrn Eckmann. Ließ mich der UPS Bote wissen. Anders als die Post arbeitet UPS sparsam: Jede weitere Ausfahrt soll unbedingt vermieden werden. Wenn ein Nachbar da ist, dann wird das Päckchen eben an ihn übergeben. Und so legte ich das kleine Paket auf meinen großen Umzug obenauf und baute weiter meine IKEA Schränke zusammen. Am Abend dann, da kam er. Der Herr Eckmann. Ein Bulle von einem Mann. Stiernacken. Kurzgeschorene Haare. Kurzum: Ein Nachbar, vor dem man sich fürchten sollte. Aber keine Tatoos. ‚Seltsam’, dachte ich. ‚Würde doch gut passen’. Ich ließ mir meine Hochmütigkeit nicht anmerken und blieb oberflächlich, unverbindlich und freundlich. „Was da wohl drin ist?“ fragte ich den Herrn Eckmann. „Ich bin in einem Sicherheitsdienst tätig und habe mir eine neue Blendtaschenlampe bestellt. Damit kann ich nachts einem Angreifer in die Augen leuchten. Da das Ding besonders grell ist, kann derjenige dann nichts mehr sehen“. Ahso. Na dann. Wer's braucht...

Bevor die Polizei mich jemals erreichen würde können wird Tanja mich erstochen haben. Das war klar. Wäre da nicht ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter Eckmann gewesen. Eckmann hatte um ein Uhr noch ferngesehen und meinen Aufschlag auf dem Boden durchs Haus hallen gehört. Er hatte seinen Fernseher ausgeschaltet und angestrengt gehört. Aber da war nichts zu hören. In meiner Wohnung gab es nur Gestöhne und Gekeuche. Zwei erwachsene Menschen kämpften um Leben und Tod. Blut spritzte an die Wand. Patschte auf den Boden. Bildete kleine Seen und Pfützen. Tanja wollte mich töten. Und ich wollte leben. Mehr war da nicht. Und schon gar keine Zeit zu schreien. Und: "Was sollten bloß die Nachbarn denken", dachte ich und versuchte möglichst leise zu kämpfen. Erst als ich Tanja im Polizeigriff vors Haus führte, sie sich dann erneut schwer bewaffnete und ihren ersten Angriffsschrei ausstieß, da hörte Herr Eckmann etwas. Er öffnete sofort die Türe und sah zwei blutüberströmte Menschen, von denen einer den anderen bereits zu töten begonnen hatte. Die Blendtaschenlampe, die vor 48 Stunden vom UPS zu mir gebracht worden war, und der Mann, den ich 40 Stunden zuvor erstmals in meinem Leben gesehen hatte und der bei einem Sicherheitsdienst arbeitete – und nicht etwa in der Buchhaltung einer Bank! – diese Kombination retteten mir nun mein Leben. Das war wunderbar!

 


6. Das Ende hört vorher auf.

Der Berg von einem Mann sprach ruhig auf Tanja ein. „Legen Sie das Messer weg!“, meinte er sachlich und „Legen Sie die Waffe hin und gehen Sie einfach davon. Ich übernehme dass dann hier“. Tanja wollte aber nicht gehen, sondern stach noch immer nach mir. Sie stöhnte bei jedem Stich auf. „Dich mach ich fertig. Du endest jetzt hier. Du bist tot“. Meinte sie. Und zu dem Mann sagte sie „Gehen Sie weg. Ich erledige das hier“ Und ich glaubte ihr aufs Wort während ich weiter Blut verlor. Gleichzeitig redete ich ebenfalls ruhig auf sie ein. „Tanja, Du hast mich schwer verletzt. Schau’, ich blute überall. Lass mich doch einfach gehen“. Das war eine schlechte Idee. Ich hätte besser das Maul gehalten denn sofort intensivierte sie ihre Angriffe. Schließlich hatte ich genug. Wenn sie mich töten wollte, dann sollte sie das eben tun. Ich hatte keine Kraft mehr übrig. Ich ließ meine Hände sinken und stellte mich, noch einmal aufrecht und gerade stehend, dem Unweigerlichen. „Besser jetzt nicht bewegen, sonst trifft sie noch daneben und dann dauert das noch länger", dachte ich in diesem Moment und verabschiedete mich aus der Ferne von meinen Eltern, meiner Schwester und meinen Freunden. Und Tschüß.

In diesem Augenblick trat aber Herr Eckmann dazwischen. Er hatte mich, so hat er das später gesagt, beobachtet und auf diesen Augenblick gewartet. Ich war, nach etwa dreissig Minuten Kampf auf Leben und Tod, mit zwei verdeckten Waffen verteidigungsunfähig gemacht worden. Und er, er nahm nun, während ich zu Boden ging, meinen Platz ein um den nächsten Messerstich wenn nötig mit seinem Körper zu nehmen. Das war sehr dumm. Und sehr mutig. Und bewundernswert. Herr Eckmann ist für mich ein Held. Tanja war darauf nicht gefasst und anstatt den finalen Stich zu setzen drehte sie sich um und rannte in die Nacht während ich zur Treppe kroch und mich auf die unterste Stufe hockte. Meine Beine. Meine Arme. Mein Kiefer. Alles zitterte so arg, dass ich kaum sprechen konnte. „Nicht allein lassen“, klapperte ich. Um dann zu schweigen. Ich hatte keine Kraft mehr um zu reden. Ich hatte auch keine Kraft mehr meinen Kopf zu heben oder meine Augen zu öffnen. Ich verzog mich in mein Innerstes und hoffte, dass Herr Eckmann bei mir bleiben würde um mich für eine Weile vor der bösen Welt zu beschützen – bis die Polizei, die Guten, Ordnung in das Chaos und Gerechtigkeit in die Anarchie mit sich bringen würde. Aber wo war sie denn nur? Und wo war Tanja? Während wir auf die Polizei warteten, musste Herr Eckmann nach vorne absichern, denn irgendwo war Tanja. Da draußen in der Dunkelheit. Und bei ihr befand sich ein Fleischermesser und ein nicht ganz ausgeführter, eiskalt geplanter Mord.

 


7. Ausflug in die Gegenwart. [Oktober 2006, Anm. Bert Simon]

Während ich meine Geschichte haargenau so erzähle, wie ich sie erfahren und überlebt habe, und mich darin immer mehr der Gegenwart und der Vergangenheit anzunähern versuche, befinde ich mich in einer der führenden Einrichtungen zur Behandlung von Menschen, denen das Leben oder Lebende übel mitgespielt haben.

Egal ob Züge oder Menschen entgleisen – die Opfer sind oft arg entstellt. Wenn nicht sichtbar, dann am inwendigen Menschen. Ich habe jetzt, fünf Wochen nach der Tat, große Sorgen vom Fachpersonal richtig eingeschätzt zu werden. Ich bin mit den Jahren ein nahezu perfekter Schauspieler geworden. Während in mir drinnen ein Blutbad angerichtet wurde, zeige ich den Menschen nach außen eine glatt rasierte Fassade.

„Gepflegt“ schrieb die Schwester in den Bogen zur Patientenaufnahme. Hätte sie mein Innenleben gesehen, so wäre ihr der Schreibblock aus der Hand gefallen. Innen ist auch jetzt noch alles mit Blut besudelt. Schreie hallen in grellen Kakophonien zwischen Mauern, die teilweise eingestürzt oder aber notdürftig abgestützt sind. Und auf all dem Schutt, da sitzt ein kleiner Junge und weint, weil ein brutaler, gezielter Angriff seine ganze Welt, seine Spielzeuge, sein Spielzimmer, seine Eltern, Geschwister und Freunde ausgelöscht hat. Zurück bleibt ein elendiger, langsam verwesender Haufen menschlicher Seele mit einer gepflegten, aber schnell brüchig werdenden Fassade.

Es ist oft unfassbar, was ein Mensch dem anderen antun kann. Absolut unbegreifbar – und nicht in Worte zu fassen - ist, was eine solche Tat mit dem Lebensfundament des Opfers anstellt. Es ist, wie wenn man einem wahllos herausgepickten Menschen zwangsweise eine Geschlechtsumwandlung angedeihen lassen würde. Ich wurde meiner Identität nicht nur beraubt, sondern mit einer mir unbekannten, neuen Identität in ein Leben entlassen, dass angefüllt ist mit einem bedrohlichen Halbdunkel in dem mir eigene und fremde Dämonen solange nachstellen bis ich meinen Verstand verliere...

zurück
zurück zu Der TatvorlaufHomebearbeitenE-Mailvor zu Der Prozess


Skardu Forum
Heidjerhof 9, 30625 Hannover
Tel. , Fax: , E-Mail: blueshark@bertsimon.com