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Hier seht Ihr die von mir zu Fuß in Indien zurückgelegte Strecke als roten Faden.
Es folgt das Blog-Archiv von den Stationen meiner Reise: Aktuelle Meldung - Pune (5209 km), 4. März Es ist Morgen in Pune. Der Duft von gebratenem Frühstück liegt in der Luft. Der Schäferhund, der auf dem Balkon gegenüber zu Hause ist heult ganz traurig. Vermutlich hat er Heimweh. Wie ich. Das indische Herrchen spricht Deutsch mit ihm. "Aus! AUS!" schreit es. Ich lebe ein Leben mit großer Amplitude. Das hat mir jemand ins Gästebuch geschrieben. Und das stimmt. Von so-schäbig-dass-selbst-die-Schaben-davonrennen bis hin zu unfassbar cool reicht die Palette. Gestern endete der vorvorletzte Tag in Indien mit einem Abendessen bei einem Baulöwen. Eigene Straße. Fuhrpark vor dem riesigen Haus. Darunter ein 280er Mercedes mit Kompressor. Luxusfahrzeuge werden in Indien mit einer 200%igen Luxussteuer belegt. Was bei uns 80.000 Euro kostet, das kostet hier 240.000 Euro! Und dann waren da Wachhund. Flutlicht. Gewehre. Sicherheit. Wer viel hat, der hat viel zu verlieren. NK ist der ältere Bruder von KK, und KK ist Filmemacher aus Bollywood bei dem ich meine letzten Tage in Indien verbringe. Beide sind Deutschland-Fans. Ich glaube nur wenige von Euch daheim können sich vorstellen wie viele und warum Menschen Deutschland klasse finden. Merkwürdigerweise fliegt der Baulöwe am 6. März ebenfalls nach Hannover?! Um ein paar Biogasanlagen zu kaufen. Er hat sich letzthin die Müllabfuhr der Stadt Pune geangelt und will mit dem Unrat Strom produzieren. Dabei geht es längst nicht mehr ums Geld. Mehr als eine Milliarde US Dollar an Ländereien gehören bereits der von ihm gegründeten Firma. Es geht vor allem darum so viele Standbeine als möglich in einen Markt zu stellen der in Zukunft den Aufschwung erfahren wird, von dem wir nur noch träumen und mit dem wir trotzdem reich werden - denn „Made in Germany“ ist ein Markenprodukt das zieht wie ein indisches Ochsengespann. Reiche Inder leben sehr angenehm. Nur wenige Möbel stehen in leeren, sehr hohen Räumen. Große Weite und Tiefe bestimmen das Wohnambiente. Was in den Zimmern steht ist ausgesucht und traumhaft schön. Keine Teppiche, dafür polierter Marmor. Nett. (Boh riecht das gut. Irgendwas braten die gerade und das treibt mit das Wasser im Mund zusammen!). Als erstes aber schaute ich gestern noch schnell nach ein wenig „Made in India“ und fiel ins „More Mischief“ ein, eine der besten Schneiderstuben des Subkontinents. Deepak Shah, der oberste Chef - auch Mercedesfahrer (man kann gar nicht genug Mercedesfahrer haben. Warum hat nicht jeder Inder einen – dann wären bei uns in Deutschland alle in Lohn und Brot) begrüßte uns wie alte Freunde. Es gab Tee und echte Freundlichkeit gratis. Schade das Indien für mich nicht immer so angenehm war… Im „More Mischief“ holen sich die Filmstars und Geschäftsleute ihre Outfits. Logisch, denn „More Mischief“ wurde von Jackie Shroff mitgegründet, einem alten Bollywood-Haudegen. Alles ist prinzipiell machbar. Der Preis dabei unwichtig. Es wird nicht gehandelt. Und es schielt auch niemand zuerst verstohlen aufs Etikett. Es gibt Jacken, die selbst uns Europäern die Tränen in die Augen treiben. Vierstellig. Das 2-Rupien-der-Tee-Indien endet auf dem reservierten Kundenparkplatz vor dem Haus. Die Qualität ist, neben den Maßen des Kunden, das einzige Maß der Dinge. Jeder Stoffballen ist gewickelte Qualität. Jeder Knopf ein Kunstwerk. Was nicht heißen soll, dass man aus den tollsten Sachen nicht auch Schrott schneidern könnte. Viele der Hemdchen sind extrem feminin. Inder lieben es, sich feminin zu kleiden. Stickereien. Bordürchen. Schwarz. Schillernd. Schnuckelig. Schwul. Würden wir sagen. Inder sehen das anders. Hier in Indien ist der schwule Look in und das typische Holzfälleroutfit der Deutschen mit ihren grauen Schlabberpullovern, verwaschenen Jeans und Socken in den Sandalen out. Zum Glück. Normalerweise wartet man ein paar Tage oder Wochen auf das Ergebnis. Nur VIPs bekommen ihr Outfit am nächsten Tag. So wie ich :-) Scherz beiseite – ohne KK hätte ich mich hinten anstellen dürfen. Grund meiner Kauflaune: Meine Kleidung habe ich auf den letzten 3000 Kilometern nicht mehr ausgetauscht. Sie ist am Ende. Zerlöchert. Die Nähte gehen auf. Es ist notwendig, mit neuem Gewand auf den Jakobsweg zu gehen. Mein typischer Stehkragen ist wieder dabei. Und das Gewebe ist ein edler graubraunschwarzer Jutestoff. Dunkel. Unempfindlich. Wanderfreundlich. Seit Jahren predige ich gegen die schiere Hässlichkeit der Wanderer an. Man muss nicht aussehen wie eine Mischung zwischen Bauer und Soldat nur um Wandern zu gehen.
Danach futterten wir zwei Obstsalate in der "German Bakery". Es ist ein wenig schwierig mit KK durch Pune zu fahren weil er immer angequatscht wird. In den meisten Fällen sind es arbeits-arme Schauspieler oder ideenreiche Geschäftsleute ohne Geschäftssinn. Nervig auf alle Fälle. Danach gingen wir noch ins Taj Hotel, einer dieser unangenehmen, herunter gekühlten Fünfsterne-Herbergen. Es ist völlig wurst wo Du Dich befindest auf dieser Welt: Sobald Du in diese Hotels gehst uniformiert sich Deine Reise. Da ist die gleiche Plingplong-Loungemusik bei der Du mehr als einmal überlegst den Pianisten zu verdreschen - um endlich Ruhe zu haben von den zig „Hey Judes“ und „Pour Adelines“ die diese Unholde aus rein finanziellem Interesse aus den Tasten klimpern. Sie würden, gegen Bezahlung versteht sich, auch Tonleitern furzen. Im Taj gab es eine Kunstausstellung samt Verkauf. Zugegeben, die angebotene Ware war weltklasse, die Handwerker allesamt preisgekrönt. Aber was soll ich mit einer anderthalb Kilo schweren Messingstatue anfangen? Oder mit einem handgewebten Teppich? Mein Leben hat dafür keinen Stauraum mehr... Habe mittlerweile meine beiden Hemden in Empfang genommen. Unglaublich tolle Qualität und es passt wie angemessen. Was es ja auch ist. Der Stoff taugt besser als ich erwartet habe. Es ist ein wildes, kräftiges und elegantes Hemd. Der Chef, Deepak Shah, war so begeistert von meinem soeben zu Ende gegangenen Marsch durch Indien, dass ich nur ein Hemd bezahlen musste und das andere geschenkt bekam. Das so eingesparte Geld trug ich fix zur nächsten Shopping-Mall und erstand eine große Flasche Bulgari Aqua für meinen Gastgeber und Freund KK. Dann brauchte ich noch eine Unterhose. Und wie ich mich so durch Calvin Klein wühlte, auf der Suche nach der nächsten dunklen Boxershorts, da wurde ich doch tatsächlich von einer 20jährigen weiblichen Bedienung beraten. Hmmm. Merkwürdig das. Aber naja. Sie wird sich mit Männerunterhosen wohl schon auskennen. Meine Hinterngröße konnte sich auch mit einem Blick abschätzen. So, und damit mein Hintern nicht noch eine Größe schrumpft (ich habe mal wieder ein paar Mahlzeiten übersprungen) werden wir uns nun auf den Weg machen. Wir gehen ins „Polka Dots“, einem kleinen Restaurant mit herrlichem Essen und überschaubaren Portionen. Ich melde mich bei Euch morgen wieder und wünsche Euch eine ruhige und erholsame Nacht. Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Pune (5209 km), 2. März Heute Morgen, ganz früh, war ich auf den Beinen. Habe aber auch nicht geschlafen, weil ich meinem Wecker nicht traue. Indien gibt Dir zu jeder Zeit Weckrufe. Aber ich musste um spätestens vier Uhr aus dem Hotel – und so blieb ich wach und sah mir zuerst irgendeinen Film an. Mit Kurt Russell. Danach kam ein „House“ Wiederholung. Danach entseuchte ich mich zum zweiten Mal per Dusche und packte dann meine sechs Sachen. Auf sieben komme ich gar nicht mehr. Dann hieß es Abschied nehmen von Kalkutta. Und gleich als ich mein Hotel verließ, da schrie es mir entgegen. Ein Rikschafahrer, der um die Uhrzeit noch aktiv war. „AAAIRPORT???“ kreischte er – in der Hoffnung seinen Tag damit beginnen zu dürfen einen Touristen, mich, zu bescheißen. Dann hupte er mich laut an. Verdammte Kacke. Das habe ich gebraucht: Morgens um viertel nach drei muss ich von einem wildfremden Mann angehupt werden der aussieht wie ein Flugzeugabsturzopfer – zerfetzt und mit irgendwelchen Flüssigkeiten getränkt… „Boh, lass mich bloß in Ruhe!“, graulte ich – meine 66 Kilo energisch aufplusternd. Ich bin 5206 Kilometer durch Indien gelaufen. Da werde ich die letzten drei Kilometer auch noch schaffen. Sprach’s und trat in einen dicken Hundescheißhaufen. Ich fluchte bis kurz vor die Flughafentüre, schaffte es aber, die Kacke von meinen Hacken zu laufen. Nach 5209 Kilometern waren die Schuhe wieder einigermaßen sauber und ich war tatsächlich am Ende. Meiner Indienwanderung. Viel Profil ist nicht mehr übrig. Von den Schuhen. Und von mir auch nicht. Indien zerwirkt Dich. Du bleibst auf der Strecke und versinkst im Treibsand der zu Haufe im indischen Getriebe steckt. So. Nachdem ich an dem einen offenen von sieben Schaltern eingecheckt habe finde ich endlich Zeit, die Legende meines Anmarsches nach Kalkutta niederzuschreiben. Das Motto der Sage: „Wie wieder mal die Bremsen versagten“. Es war nämlich so: Je näher ich Kalkutta kam, desto mehr feierte ich jeden Kilometer. In Kaksa (so hieß das wirklich) verbrachte ich die Nacht in einer schlimmen Herberge mit dem schönen Namen Monalisa. Die Lisa hing tatsächlich im Eingangsbereich und lächelte angegammelt vor sich hin. Irgendwie ist ihr Lächeln im Louvre strahlender. Lebensfroher. Echter. Aber es ist auch entscheidend sauberer im lieblichen Paris. Und so verzieh ich der Lisa das etwas gekünstelte Lächeln großzügig. Denn auch ich hatte wenig zu lachen, an diesem Abend. In der Kaksa-Absteige musste ich so ziemlich alle Register ziehen, die ich bislang gelernt hatte. Wie bekomme ich ein katastrophales Zimmerlein so hin, dass ich dort übernachten kann ohne dass ich aufgefressen werde? Zuerst einmal meinen eigenen Kissenbezug über das Kissen zerren. So, nun hatte ich ein halbes Prozent des Zimmers sauber. Der Rest muss mit Räucherstäbchen saubergeduftet bzw. mit meinem 7-Inch-Monitor und Eric Clapton aufgehellt werden. Man kann sich nur ekeln, wenn man das Grauen sieht. Ich beschloss nicht zu sehen. Auch nicht unters Bett. Oder unter der Matratze. Ich löschte schließlich das Licht und arbeitete mit Tricks, die ich in der Traumatologie gelernt hatte. Dieses Zimmer war traumatisch. Beschloss ich. Es dauerte nicht lange, da hatte ich mich in den Schlaft getrickst. Wachte allerdings ein paar Stunden später wieder auf, weil unten auf der Straße eine Prügelei begann. Irgendjemand war irgendjemandem hinten drauf gefahren. Wozu die sich aufregten verstand ich nicht. Die meisten Karren sehen hier eh aus wie ein Panzerfaustziel auf einem Truppenübungsplatz. Ein Auffahrunfall kann doch eigentlich nur noch positive Auswirkungen auf die Kisten haben bei denen so ziemlich alles defekt ist. Sei es drum. Ich packte um kurz vor sechs mein Bündel und wanderte ins bleierne Morgengrau. Auf der Suche nach mir, nach dem ersten Tee und… So, genug geschrieben. Ich muss nun durch den Sicherheits-Check. Und da dies Indien ist und alles Mögliche passieren kann (eine Kuh, die den Runway blockiert, ein Polizist der endlich mal einem Touristen zeigen kann wo der Hammer hängt… einfach irgendwas passiert immer) werde ich mich jetzt auf die Socken machen. In 50 Minuten geht mein Jet. Und da möchte ich gerne drin sitzen. Weil ich vier Stunden später in Pune erwartet werde. Bis später! Ich bin vor ein paar Minuten im 36 Grad heißen Pune gelandet. Der Flug von Kalkutta nach Pune via Bombay zählt zu den eher grauenhaften Erfahrungen meiner langjährigen Herumfliegerei. Jeder Sinkflug wurde mit Schwerelosigkeit eingeleitet und mit massiven G-Kräften beendet. Das war Parabelfliegen vom Feinsten. Ein Kotzkomet. Um auf Landekurs zu kommen flog der Pilot (?) mehrere scharfe Kurven. Links. Rechts. Links. Rechts. Links. Links. Rechts… Die Landung in Pune schließlich war so hart, dass ein Muslim mit einem langen weißen Bart ein lautes „Fuck. Fuck!!!“ von sich gab. Ich schrie triumphierend zu meinem französischen Sitznachbarn, der völlig konsterniert war (und den ich bereits vorgewarnt hatte): „I told you! I knew he’d mess it up!“ Unser Steuermann knallte die 737 auf die Piste, dass uns hören und sehen verging. Unser Jet hüpfte derweil wie ein Gummiball zurück in die Luft! Danach begann ein Slalom auf der Landebahn weil unser Flugzeug natürlich nicht geradeaus, sondern irgendwohin raste. Ich weiß, dass die Maschinen einiges abkönnen – aber das war das dritte Mal, dass ich Angst um meine Gesundheit bekam – und das erste Mal bei wunderschönem, wolkenlosen, blauen Himmel. Das erste Landeproblem hatte ich bei einem Landeanflug mit der KLM in Amsterdam, bei dem wir in die Wirbelschleppe eines soeben gestarteten Flugzeuges gerieten. Das zweite Mal während eines Landemanövers inmitten eines sehr starken Sturmes im Australischen Broome, bei dem wir zwei Mal durchstarten mussten weil der Wind uns einfach wegdrückte. Aber das heute, das war schon sehr merkwürdig. Der gesamte Landeanflug auf Pune war einfach nur eine gefährliche Scheiße. Einmal fuhr der Pilot die Klappen auf 10 Grad aus. Dann zog er sie wieder ein. Dann Gas komplett weg (was sich anfühlt, ob jemand eine Handbremse zieht) um zehn Sekunden später die Triebwerke aufjaulen zu lassen. Wir merkten, dass der Pilot bloß reagierte. Er flog das Flugzeug nicht richtig sondern reagierte nur auf das, was die Maschine eben so trieb.
Aktuelle Meldung - Kalkutta (5206 km), 29. Februar Gopalnagar (46 km) - Dankuli (41) - Kalkutta CCU (29 km) 16.50 Uhr: Ich bin soeben angekommen und suche mir nun erst einmal ein Hotel und melde mich spaeter noch einmal. 18.03 Uhr: So, ich bin in einem Hotel gelandet. In irgendeinem. "Hotel White Palace" heisst es und liegt drei Kilometer vom Flughafen Kalkutta entfernt. Morgen ist ein Ruhetag, an dem ich mich so gut es eben geht "entseuche". Danach bereite ich meinen Abflug vor. Am 2. Maerz duese ich von Calcutta nach Pune, verbringe noch ein paar ruhige Tage bei meinem Freund, dem Filmemacher. Danach, am 6.3. heisst es Abschied nehmen vom Subkontinent. Momentan fuehle ich mich erleichtert - und erschoepft. Ich habe Indien ein zweites Mal ueberdauert. Einfacher ist Indien nicht geworden, sondern viel voller - und schwieriger. Wie ich es erlebt habe, darueber werde ich in den naechsten Tagen schreiben (habe schon damit angefangen). Also: Morgen wieder vorbeischauen. Fuer den ersten Reiserueckblick der noch folgenden Reiserueckblicke :-) Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Burdwan (5089 km), 27. Februar
Da bin ich wieder. 20 Kilometer gestern (nach Panagarh) und 48 Kilometer heute (nach Burdwan) haben die Distanz nach Kalkutta auf 105 Kilometer zusammenschrumpfen lassen. Waehrend ich diese Zeilen in die Tastatur klopfe, streiten sich draussen zwei Inder – aber richtig laut. Der eine will ins Internetcafe, hat aber keinen Pass dabei. Und ohne Pass gibt es laut neuer Anti-Terror-Bestimmung auch keinen Internetzugang mehr. Anonymsurfen ist ein Ding der Vergangenheit in Indien - denkt sich die Regierung. Meinen Pass wollte allerdings niemand sehen - ich wurde sofort durchgewunken. Und nun wird das Geschimpfe noch lauter. Ich glaube bald fliegen hier die Fetzen, Faeuste und Brillen. Und was sonst noch fliegen kann... Mittlerweile (ich habe ein wenig Briefe beantwortet) ist es still geworden. Dafuer umschwaermen uns hier die Moskitos. Zig. Und alle wollen sofort saugen. Ich fuehle mich schon ganz schrumplig! So, ihr Lieben. Ich bin groggy und haue mich nun erst einmal aufs Ohr. Morgen steht der drittletzte, voll Marschtag an. Da will ich fit sein! Beste Gruesse, Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Durgapur (5021 km), 25. Februar Moin zusammen. Es ist 6.00 Uhr Ortszeit, die Sonne ist so gut wie aufgegangen und mein Rucksack ist gepackt. Heute steht mein sechstletzter Marschtag in Indien an. Der nächste Ort liegt 66 Kilometer voraus. Das bedeutet, ich werde heute kurz 33 Kilometer marschieren und dann in den nächsten Ort vorfahren der hoffentlich eine Unterkunft für mich bereit hält. Während ich noch hier rummarschiere werden in Deutschland bereits neue Visitenkarten gedruckt, die ich für mein nächstes Projekt dringend brauche. Meine Ausrüstung ist bereits bestellt (der Schlafsack ist noch nicht lieferbar) und das übernächste Projekt ist bereits in Vorplanung. Das einzige, wo ich derzeit gewaltig dran knabbere sind die Reiseführer zum Jahkobsweg - die sind alle vergriffen! Und ohne Führer kann man ganz schön vom Weg abkommen. Mit allerdings auch. Ich werde also die Morgenstunden nutzen, um einen Führer irgendwo herbei zu zaubern. Aus dem Antiquariat. Aus dem Aquarium. Wo auch immer her. Merkwürdig waren die letzten Minuten meines gestrigen Tages. Ich ging auf den Balkon und übersah die riesigen Stahlhütten von Durgapur. Unglaublich, was der Mensch so alles schafft - und sich be-schafft. Und wie er dafür rackert und arbeitet. Es ist oft nicht das Leben, dass den Menschen treibt, sondern die Gier. So weit mein Auge reichte - und es reicht immer noch sehr weit - blinkten gelbe, rote und grüne Lichter wie eine ausser Kontrolle geratene Ampel. Später, mitten in der Nacht, knallte es einmal bestialisch laut. Alle Hunde schlugen an und bejaulten unisono den Lärm. "Naja, das Werk meldet sich schon von selber wenn es gewartet werden möchte", dachte ich und schlief für ein paar Minuten wieder ein. Indien hat ein "Maintenance"-Problem. Hingebaut und aufgestellt ist in Indien alles schnell. Und, zugegeben,schick. Hotels. Eine Arline. Ein Häusle. Aber dann, wenn es aufgebaut wurde, dann lässt man es zerfallen. Wartung kommt in Indien von warten. Lange warten. Viele Dinge langweilen sich hier fürchterlich und kümmern sich schliesslich um sich selbst. Falls ich heute abend kein Internet finde (was immer wieder mal vorkommen kann, da ich eben auf die Infrastruktur der Regionen angewiesen bin durch die ich marschiere), keine Panik: Mir geht es gut und ich bin höchstwahrscheinlich nicht unter die Räder einer Rikscha geraten. Euch daheim einen schönen Wochenanfang. Macht was aus Euch! Carpe Diem. Bert Simon
Aktuelle Meldung - Durgapur (5021 km), 24. Februar So. Da. Durgapur. Wieder mal. Wie vor dreizehn Jahren. Allerdings mit einem Unterschied: Damals wohnten hier ein kleines Häuflein Deutscher die ich mit meinem Besuch beglücken konnte (meine Wäsche roch danach nach Ariel und ich bekam KÄSE - etwas, das es in Indien so eigentlich nicht gibt und das ich sehr, sehr vermisse). Heute wohne ich im Hotel, verbringe meine Zeit im Internet und bereite mich auf meine Ankunft in Kalkutta vor. Im Hotel, in dem ich gerade zu Mittag esse, gibt es Spaghetti Al Arabiata. Toll! Nudeln! Dachte ich. Und legte mir einen Teller zu. Aber: Ich bin hier in INDIEN!!! Al ARABIATA (oder "Alabbiratta" - so steht das auf dem Schild) bedeutet scharf. Und die Inder sitzen an der Quelle. Das Zeug ist so scharf, dass ich Angst um meine Zähne bekomme. Sodele, mittlerweile ist es ordnungsgemäß nacht geworden in Indien und ich mache mich auf den Heimweg - vorsichtig und umsichtig, denn es sind ganz schön viele Hunde unterwegs in Durgapur. Diese Tölen bilden manchmal Mobs und attackieren friedfertige Menschen. Da muss ich nicht dabei sein. Ich habe zwar meine Tollwutimpfung. Aber es ist vermutlich nicht arg schön gebissen zu werden. Euch daheim wünsche ich einen schönen Rest-Sonntag und melde mich kurz vorm Abmarsch morgen früh an gleicher Stelle wieder (hier). Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Andal (5008 km), 23. Februar Eigentlich sollte da vorgestern noch was kommen, nach der motorisierten Sackkarre. Aber dann machte sich der Strom auf und davon und meine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Indien kann deshalb nicht ein Land der Dichter und Denker werden, weil meist das Licht ausgeht bevor es sich reimt. Ich bin in West Bengal angekommen, dem letzten Bundesstaat meiner Indienwanderung. In einem Anfall seniler Bettflucht bin ich vorgestern bereits um 5.30 Uhr auf den Beinen gewesen und habe meine sieben Kilo / Sachen gepackt. Gut, der nächtliche Albtraum war nichts fürs Fernsehen (die Leute würden kotzen!) aber der Hauptgrund war, dass ich einfach keine Lust mehr hatte zu Ruhen weil ich so unruhig war. Innerlich. Und so wanderte ich ungeduldig gen Osten. Meine Bremsen haben versagt und am Ende des Tages liegen erneut 45 Kilometer hinter mir. Scheiße. Wieder ein halber Tag, der irgendwo abgehockt werden muss. Aber vielleicht laufe ich einfach noch einen Haken oder Kringel, der Fitness halber. Auf dem Weg hielt einmal kurz ein LKW neben mir. Reifen platt. Der Fahrer und sein Co-Pilot wechselten den absolut abgefahrenen, völlig fertigen Pneu ohne Luft mit einem absolut abgefahrenen, völlig fertigen Pneu mit Luft. Während der letzten 1000 Kilometer ist drei Fahrzeugen mehr oder weniger unmittelbar neben mir ein Reifen geplatzt – zwei LKWs und einem Jeep. Der Jeep hatte Glück, denn es war ein Hinterreifen. Bei einem Vorderreifen wäre der nicht langsam dahinrasende Tata-Jeep in die Pampa geflogen. Die LKW Reifen platzen schlicht spektakulär: Erst ein Donnerschlag, wie als wenn Osama in der Nachbarschaft wohnt, und dann eine irgendwie goldfarbene Staubwolke. Und dann läuft schnell die Mob-Rufbereitschaft an. Aber die Menschen verstreuen sich bald wieder. Es gibt ja nichts zu sehen. Nicht einmal einen Reifen mit Luft. Mittlerweile liegt Kalkutta weniger als 200 Kilometer voraus. Das "Fairlawn Hotel" hat sich auf meine Reservierungsbitte nicht gemeldet. Was ich zum Anlass nehme, meine Wanderung nicht im Fairlawn Hotel, sondern am Dum Dum Flughafen zu beenden. Ich bin schließlich letzten Mai auch vom Chennai-Flughafen abmarschiert. Da passt es nur zu gut, dass ich meinen Weg am Flughafen beende. Zugleich kann ich das tun, was ich sehr gerne mache: Flugzeuge gucken. Freunde, die in der Nähe von Flughäfen wohnen wissen dass ich gerne unentwegt Flugzeuge sehen will. Je tiefer und lauter, desto besser :-)
Aktuelle Meldung - Asansol (4981 km), 22. Februar 21.2. Maithon (44 km) - 22.2. Asansol (13 km) Eine kurze Mitteilung auf die Schnelle - falls der Strom wieder verschwindet: Ich bin nach 57 Kilometern in “Asansol” gelandet, eine Stadt, die inmitten vom starken Smog der Koks- und Stahlfabriken liegt. Jetzt mache ich mich erst einmal frisch und warte darauf, dass der Strom dauerhaft wiederkommt. Werde mich heute abend, inshallah, mit einem laengeren Bericht wieder bei Euch melden. Nur soviel: Ich bin im letzten Bundesstaat Indiens angekommen – in West Bengal. Calcutta saugt mich foermlich an. :-) So. Da bin ich wieder. Gestern stand der Grenzuebertritt an. Hunderte LKWs warteten darauf ihre Zollangelegenheiten erledigt zu bekommen. Und die Polizeikontrollen schienen - zumindest gestern - ganz erheblich zu sein. Also wanderte ich die LKW-Kollonne ab, solange bis ich ein Hotel fand in dem alle Zimmer zu haben waren. Das Bettzeug war uralt. Nach ein paar Diskussionen bekam ich zumindest einen frischen Bettbezug und einen Extrabezug um diesen zwischen mich und die Bettdecke zu legen. Die Bettdecken werden in Indien grundsaetzlich nicht bezogen sondern immer und immer und immer wieder benutzt. Hunderte von Koerper schwitzen in die Bettdecken - und Du bist dann eben Nummer 328 oder so. Dementsprechend riecht das Bettzeug auch. Aber man gewoehnt sich daran. Langsam. Es gibt viele Dinge, an die man sich gewoehnen muss. Heute trank ich dann einen Tee an einem Fernfahrerrestaurant, in dem der Koch gerade Bratkartoffeln zubereitete. Beim Ruehren in der Pfanne flogen ein paar Kartoffelstuecke auf den grauslig dreckigen Herd. Der Koch sammelte die Ausreisser ein und warf sie wieder in die Pfanne. Indisches Essen schmeckt gut. Man darf einfach nur nicht bei der Zubereitung zusehen... :-) Heute in Asansol angekommen schlenderte ich ein wenig durch die Stadt, die ich vor dreizehn Jahren bereits einmal besucht habe. Es ist voll geworden in den Orten. Damals waren schon sehr viele Menschen unterwegs. Das scheint sich allerdings nun nahezu verdoppelt zu haben. Und mit den Menschenmassen wuchsen auch die Probleme. Verkehrstote sind immer mehr zu beklagen. Der Parkplatz fuer die Motorraeder ist so knapp, dass die Strassen alle zugeparkt sind und die Fussgaenger auf der Strasse gehen muessen. Wo sie dann ab und an halt einfach plattgefahren werden. Letzthin ist ein Schuljunge ueberfahren worden. Die Mob-Rufbereitschaft funktionierte und ein Mob fand sich zusammen, stellte den LKW-Fahrer - und zuendete ihn an. Morgen wird es deshalb LKW-Streiks geben und denen wird sich dann wohl wieder die halbe Region anschliessen. Es ist nicht einfach, in Indien zu leben. Vor allem nicht fuer die Inder. Ich bin hier Gast und ausser meinen Schuhen brauche ich ab und an einen Tee und etwas zu essen. Mehr bedarf es nicht. Aber wenn Du hier leben moechtest, dann ist das schwer. Brief beim Postamt abgeben? Minimum zwei Stunden. Zugticket im Bahnhof kaufen? Drei bis vier Stunden kann das schon dauern. Extrem zeitraubend ist auch der Weg dorthin. Nichts ist so richtig einfach hier. Das ist auch, was meine indischen Freunde oft beklagen: Was sollen wir mit einem schoenen Mercedes oder einem Ferrari? Das schnellste Auto wird sich hinter der naechsten Bummelrikscha anstellen... So ist das halt. Ich haue mich jetzt, nachdem ich die Mondfinsternis bewundert habe (der Mond war tiefrot!) aufs Ohr um Morgen wieder fit zu sein. Morgen stehen unglaubliche 20 Kilometer oder so auf meinem Programm. Das ist zwar wenig befriedigend (vier Stunden, mehr brauche ich dafuer nicht), aber es ist gut fuer meine Knochen ein wenig von den vierzig und fuenfzig Kilometer Maerschen auszuruhen. Euch daheim wuensche ich einen wunderbaren Tag. Liebe Gruesse, Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Dhanbad (4924 km), 20. Februar
Ich bin gestern um sieben Uhr Morgens auf die Strecke gegangen. Was fehlte war die eisige Morgenluft. Die Hauptwindrichtung hat von Nordwest auf irgendwas gedreht (keine Ahnung, irgendwie zieht es von überall her). Auf alle Fälle sind die letzten Tage die kältesten in Jarkhand gewesen - seit fünf Jahren. Kein Wunder sind mir jeden Morgen die Haare gefroren zu Berge gestanden. Ohne zehn Aufwärmtees ging nichts. 25 Kilometer standen also gestern an. Ich bin die Strecke lustlos abgeschlappt. Es gab kaum etwas zum Fotografieren und die Landschaft war so eintönig, dass ich unterwegs ruhig mal ein wenig einschlafen hätte können. Ich hätte nichts verpasst. Heute ist ein Ruhetag. Ich bremse nun ganz bewusst erst einmal ein wenig ab, da ich ansonsten zu früh in Kalkutta eintreffe. Es ist wichtig, dass ich bis zum 1. März Langstreckenwandere, denn nur so bleibe ich fit für den Jakobsweg, der am 14.3. in Hannover beginnt. Da Dhanbad, die Stadt der Steinkohle, ein wenig südlich des National Highway Nr. 2 liegt habe ich gestern eine grosse, dreiräderige Motorrikscha zum Schutteln benutzt. Diese Dinger sind winzig klein, aber man kann rund 20 Fahrgäste stapeln. Fahren tun sie sich so bequem wie eine motorisierte Sackkarre. Aktuelle Meldung - Topchanchi (4899 km), 18. Februar 13.2. Shergati (49 km) - 14.2. Chaupat (53 km) - 15.2. Barhi (21 km) - 16.2. Bagodar (51 km) - 17.2. Isri Bazar (25 km) - 18.2. Topchanchi (18 km) 13.2. Sherghati (49 km): So. Da bin ich angekommen, in Shergati – nach 49 Kilometern. Und es gibt keine Unterkunft hier. Trotzdem liege ich in einem Bett. Mit eigener Türe. Und von innen verschließbar ist sie auch. Was wichtig ist – für meine Seelenruhe. Möglich ist das, weil Indien zwar oft sehr konfus und kompliziert-belastend ist, aber auch herzlich und entgegenkommend sein kann. Wenn es will. Und ich es lasse. In Indien gibt es viele Dinge oft nicht. Und dann behilft man sich eben und nimmt, was verfügbar ist. Als ich ankam war es bereits stockfinster. Eine kleine Gruppe Männer pflegte eine einsame Kerze. Und unterhielt sich. Mehr kann man hier, in Bihar, nicht tun, da es im Grunde keinen Strom gibt es sei denn, man macht ihn sich selbst per Generator. Nachdem ich vorgesprochen hatte und die Menschen ob meiner schieren Kilometerfresserei baff waren wurde ich per Motorrad – ich ohne Helm, der Fahrer ohne Helm und das Motorrad ohne Rücklicht und Blinker – zum „Marriage Palace“ gefahren, dem einzigen mehrstöckigen Gebäude der Stadt. Hier gibt es kahle Zimmer mit rohen Holzbetten. Von irgendwoher materialisierten sich Matratzen, Kopfkissen und Decken und ich hatte mein Schlaflager. Und einen Journalisten der „Hindustan Times“, Edition Bihar, der mich nach meinem wohin und woher ausfragte. Vier Tage zuvor war ein Deutscher auf einem Liegefahrrad von Katmandu vorbeigekommen der nach Bangladesch weiterradeln wollte. Ich kam von Bombay anmarschiert. Die Deutschen sind sicherlich ein seltsames Volk. „Wo ich denn herkomme?“ „Aus Hannover“. „Oh. State Capitol in Norddeutschland“. „Genau!“ Jenes Hannover, das in Bihar anscheinend jeder kennt?! Nun war es an mir, baff zu sein. Und der baffe Bert bläst jetzt die Kerze aus (Stromausfall wie immer), macht sein Notebook zu, das nur noch für 1.22 Stunden Saft hat (wobei das Notebook ein stures Eigenleben hat – 1.22 Stunden kann bereits in 20 Minuten zu Ende sein, wenn das Notebook es will – während des letzten Satzes sind es schon vier Minuten weniger geworden!). Alles in allem ein guter, runder und störungsarmer Tag. Morgen stehen 53 Kilometer auf dem Programm – denn erst dort gibt es wieder eine „Lodge“. Ich werde die Distanz so angehen wie heute: ALL OUT! Keine Rücksicht auf Verluste. Langsamer werden kann ich auf dem Weg ins Bett… Nacht. 14.2. Chaupat (53 km): In Chaupat da gibt es ein Hotel. Sagte man mir. Ganz sicher. Also marschierte ich früh am kalten Morgen los. Schnell hatte ich die freundlichen, friedlich vor sich hinfrierenden Einwohner Shergatis hinter mir gelassen. Ich marschierte schnell und sauber. Kleine Pausen. Wenig Theater. Wer mich anbrüllte, und das passiert leider immer noch alle paar Minuten, der bekam keine Reaktion. 53 Kilometer sind Hochleistung. Wenn ich nicht alle Kräfte auf die Strecke sondern noch ein paar Kalorien für die Zurückweisung der von mir unerwiderten Liebesbezeugungen verschwenden würde, dann ist ein Fünfzig-Plus eine Tortur. Während ich die 40er Distanzen in bequeme Drittel Teilen kann, kann ich mich bei 50er und 60er Distanzen nicht mehr selber bescheißen. Da gibt es nichts schön zu denken. Die Strecke ist einfach lang und ermüdend. Punkt. Zwischen mir und Chaupat lag ein Nationalpark. Der National Highway schraubt sich für 15 Kilometer unglaubliche 500 Meter nach oben um dann, nach einer kleinen Weile wieder sanft auf 100 Meter über dem Meeresspiegel abzufallen. Ich nenne solche Mikroberge „Riegel“, weil sie wie ein Mars-Riegel in der Landschaft liegen. Meist sind sie nicht nur Hürde, sondern auch Wasser- und Klimascheide. Ob das hier auch so ist war mir recht wurscht. Als die Sonne unterging, ein Moment der mich immer ganz nah ans Wasser bringt (ich hasse es, wenn die Sonne untergeht und der Nacht weicht) war ich noch gut zehn Kilometer von Chaupat entfernt. Gut, dass der Mond zunimmt. Zurzeit ist er halbvoll und reicht um alles zu sehen, was man nachts sehen sollte – Radfahrer (die in Indien niemals Licht haben), Hunde und Häufen. In Chaupat angekommen war einmal mehr der Strom weg (ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist eben nun einmal so – Strom ist Mangelware in Jarkhand…). Jarkhand – der vorletzte Bundesstaat meiner aktuellen Indienwanderung erreichte ich ebenfalls während des Sonnenuntergangs. „Jarkhand“ gab es bei meinem ersten Indienbesuch vor 13 Jahren noch nicht. Das Produkt „Jarkhand“ entstand aus einem politischen Streit zwischen Ober- und Unter-Bihar. Und so blieb Bihar, die Wiege des Buddhismus, Bihar und der Süden benannte sich in Jarkhand um und gammelt seither blödsinnig vor sich hin während Bihar, einst der ärmste des indischen Staatenbundes, die Kurve bekommen hat und sich langsam gut entwickelt. Jarkhand erinnert mich an Afghanistan. Ich setze, sobald ich eine schnellere Datenverbindung habe, mal ein paar eindrucksvolle Fotos der Städte online. Die Menschen wohnen in Ruinen. Klein-Kabul überall! Was es in Chaupat nicht gab war eine Unterkunft. Ich sprach den ersten, freundlichen Menschen an und er ging mit mir über die Straße und wir klopften beim leer stehenden PWD Bungalow an. Diese Häuslein wurden gebaut um Straßenbauinspektoren ein Nachtquartier zu bieten. Dieses PWD Guest House war seit Jahren unbenutzt. Das Zimmer war … ach, ich lasse es besser. Die letzte Nacht war Horror. Ich habe nicht geduscht, mich ins Bett gelegt und gehofft keine Seuchen davon zu tragen während ich immer wieder aufschreckte weil Mäuse und Ratten patrouillierten. Das war nicht nett. Aber wenigstens hatte ich einen Raum und eine Türe, die ich verriegeln konnte. Das ist alles, was ich brauche um ein wenig auszuruhen. Und wie es mein Glück so will war das nächste echte Hotel nur 21 Kilometer die Straße runter – in Barhi. Und da würde ich auch mit einer Stunde Schlaf und notfalls auch ohne Schlaf hinwandern. 15.2. Barhi (21 km): Meine Schuhe halten immer noch. Es nähert sich jetzt die 5000-Kilometer-Marke. Das sind 1000 Kilometer mehr als ich den Stiefeln eigentlich zudacht habe. Die Absätze sind mittlerweile zwei Zentimeter in den Schaumstoff hineingelaufen und nur noch zur Hälfte da. Das Profil wird langsam zum Slick. Irgendwie fühlen sie sich langsam eher wie normale Halbschuhe an und nicht mehr wie schwere Wanderstiefel die sie vor langer Zeit in Madras einmal waren. Aber noch gibt es keine Schwachstelle und keinen Bruch und die Dinger sind bequem wie nie :-) Ich bin nach einem lockeren und unspektakulären Marsch in Barhi gelandet, einem weiteren Klein-Kabul des Bundesstaates Jarkhand in dem nichts so richtig funktioniert. Liege im Bett. Das ist zwar nach Deutschen Megahyperreinlichkeitsstandards nicht sauber aber um läääääängen besser als das Läuselager von gestern. Habe mich ausgiebig kalt geduscht und konnte gar nicht genug bekommen vom wunderbaren, sauberen, mich reinigenden Wasser. Es war als würde mir der Dreck nicht nur von der Haut, sondern auch aus Lunge, Hirn und Seele gewaschen. Es war grauenhaft, den ganzen Tag nach alten Decken riechend zu marschieren. Gegessen habe ich heute, meine Dauerleser ahnen es schon, Dhal mit Chapati – Linsen und dünnes Fladenbrot. Das habe ich gestern auch. Allerdings waren im Dhal kleine Steinchen. Das war Horror weil Du nicht richtig essen kannst, sondern Dich mit Deinen Zähen wie ein Blinder durch Dein Essen tasten musst. Ein richtiger Biss auf einen Stein und Du darfst Dich auf die Suche nach einem indischen Zahnarzt machen der Deine Zähne nach den neuesten Methoden der sechziger Jahre flicken wird - in einer Praxis die so ausschaut als würden dort Traktorreifen gewechselt. Habe ich von außen schon alles mit Grauen gesehen und jedes Mal ganz schnell einen weiteren Zahnpflegekaugummi eingeworfen die ich immer in der Tasche habe weil ich nach den dreißig bis vierzig Milch-Zucker-Tees, die ich am Tag konsumiere, nicht immer meine Beißer schrubben darf. Man kann nämlich auch die Zähne durch zuviel Putzen schwer schädigen. Bei meiner Ankunft ließ ich mir von einem Barbier meinen Dreitagebart aus dem Gesicht schaben und liege nun frisch rasiert, duftend und zufrieden in der Falle. Habe heute zudem beschlossen dass ich den Windows-PCs adieu sagen und auf Apple umsteigen werde. Nicht weil ich mit Windows unzufrieden bin, sondern weil ich endlich mal sehen möchte von was die „anderen“ da die ganze Zeit schwärmen :-) Morgen steht ein weiterer der ernsten 50-Plus Marsch an. Meine Beine sehen ganz komisch aus – überall habe ich Adern bekommen die kreuz und quer über den Muskeln verlaufen. Naja, die Muskulatur braucht halt Futter und da haben sich wohl die Versorgungswege ein wenig vergrößert. Noch sind es 390 Kilometer nach Kalkutta. Die werden, wenn das so weiter geht in einigen Tagen bedrohlich nahe an 0 sein – und das ist nicht gut, denn ich habe eigentlich mit 30 Kilometern am Tag gerechnet. So würde ich am 1.3. in Kalkutta angekommen sein, am 2.3. nach Bangalore und am 4.2. nach Pune fliegen und am 6.2. geht es auf den Heimweg. Am 14.3. beginnt der nächste Langstreckenmarsch und die vierzehn Tage baue ich kaum Muskulatur ab und kann sofort richtig in die Vollen gehen. Wenn ich nun anstatt 14 Tage plötzlich 20 Tage Ruhe habe ist das nicht gut, weil ich abbaue. Also werde ich versuchen die Wanderung ab übermorgen ein wenig zu bremsen. Nicht einfach, wenn Du plötzlich Power für sechzig oder siebzig Kilometer in den Beinen hast… 16.2. Bagodar (51 km): Ich glaube, so schnell war ich noch nie. Und ich habe geile Fotos geschossen. Finde ich zumindest. Ich bin heute losmarschiert, als die Sonne gerade über den Horizont kletterte und kam an, als sich die Dämmerung wie eine Vollnarkose in die Venen des Landes träufelte. 12 Stunden. Mit allen Verpflegungspausen inklusive. Der Höhepunkt meiner Jagd Richtung Kalkutta war das Nachmittagsessen: Ich aß (jawohl schon wieder) Dhal und drei Chapatti. Diese Affäre sollte eigentlich 18 Rupien kosten. Maximal. Ich wunderte mich schon, warum die in der Küche so eine ausgezeichnete Laune beim Kochen hatten. Als ich bezahlen wollte, wusste ich es: „How much?“ „105 Rupies“. Ich habe seit dem Hammerschlag in meinen Kopf einen oft fürchterlichen Tinnitus (Vogelgezwitscher, Blätterrauschen im Wald… all das gibt es nur noch sehr selten). Und die Hörleistung im rechten Ohr ist sehr schlecht geworden. Ich hatte durch das Gefiepe und Geflöte ganz sicher nicht richtig verstanden. „How much?“ „One hundred and five Rupies, actually“. Boh. Mann. Das war die Mutter aller Abzocken. Das wäre, wie wenn jemand in Deutschland an der Pommesbude für ne Currywurst Rot-Weiß 30 Euro verlangen würde. „Know what? It’s zero, mate!“. Wenn der mich bescheißen kann, dann kann ich das auch. Ich packte meinen Rucksack, grüßte und ging. Die Leute kamen noch zweimal mit ihrem Motorrad hinter mir her und versuchten mich in Zahllaune zu bringen - es sollte dann auch nur noch 30 Rupien kosten (immer noch zu viel). Ich hatte aber keine Zahllaune mehr. Sondern prächtige Laune. Habe sogar mal längere Zeit gegrinst :-) So, genug für heute. Morgen weiß ich noch nicht, wo ich hinmarschiere. Aber ich werde sicher zur rechten Zeit dort ankommen. 17.2. Isri Bazar (25 km): Bin da. Internet gibt es wieder mal nicht und Strom auch nicht. Das macht in Indien eigentlich nichts aus. Es gibt keine Rolltreppen. Keine Drehtüren. Und auf Computer verzichten die meisten Betriebe. Dafür gibt es Blaupapier und Kopien, Schreibmaschinen und Aktenordnerberge. Was der Korruption entgegenkommt. Für mich bedeuten die unentwegten Stromausfälle dass sich meine Unterhaltungsmöglichkeiten auf nahezu Null. Und so ruhe ich vor mich hin, habe mich bereits geduscht und mein Gesicht mit einer Feuchtigkeitscreme verschönert die bei meinem letzten Besuch im Reformhaus in Hannover hängen geblieben ist. Da gab es Schönheitscremen für erschreckende 50 Euro in einer Dose in der man vielleicht gerade mal dreißig Portionen Schnupftabak unterbringen hätte können. Nicht mehr. Da muss man ja schon ganz schön hässlich sein, wenn es so viel Geld für eine Creme braucht. Meine kostete immerhin 15 Euro, war aber „Sehr gut“ getestet worden und enthält vermutlich nichts Schädliches. Das Schönste, was ich bei meinem Besuch in Hannover gesehen habe, war übrigens ein Brief mit blauweißem Logo der im Posteingang meiner Gastfamilie lag – die sind doch tatsächlich nach meiner Beichte bei Kerner Mitglied im WEISSEN RING geworden. Das ist super. Das baut auf! Es ist genial, dass man so etwas ganz Sinnloses in etwas Brauchbares verwandeln kann. Auf jeden Fall bin ich heute an einem Schild vorbeigekommen auf dem stand, dass Kalkutta nur noch ca. 300 Kilometer entfernt ist. Mein Indienabenteuer liegt als in den letzten Zügen. Nur noch sieben Marschtage sind übrig. Danach geht es auf den Jakobsweg. Ich freu mich schon drauf. So, und jetzt schaue ich mir Hannover gegen Bayern München LIVE im Fernsehen an – Neo Sports überträgt das für den indischen Markt. Wen das hier interessiert? Keine Ahnung. Einen Zuschauer haben se schon mal – mich.
Aktuelle Meldung - Aurangabad (4682 km), 12. Februar Die Inder pflegen eine resolute und gut funktionierende Mülltrennung: Sie trennen sich von ihrem Müll sofort – wo auch immer sie gerade stehen. Der Müll fällt nach unten und der solchermaßen von seinem Müll erleichterte Inder geht von dannen. Das funktioniert so gut, dass, sobald ein Regenguss einsetzt, die Abwassergräben in den Städten binnen Minuten anschwellen weil der Müll dem Wasser die letzte Abflussmöglichkeit nimmt. Sofort setzt allerorts ein heftiges Gestochere und Geschaufele ein. Die Inder wollen nun ihren Müll gerne wiederhaben und ziehen ihn mit großem Aufwand aus der Gosse. Wobei sich dann ein Problem darstellt: Das Wasser steht nicht nur an einer Blockade, sondern, sobald diese beseitigt ist, an der nächsten. Und dann an der nächsten. Der verflixte Wasserspiegel will einfach nicht sinken! Und bis die Drainage hinten wieder frei geschaufelt ist, werfen vorne die ersten schon wieder ihren Müll hinein. Wenn Ihr also das nächste Mal aufgefordert werdet, Brot für die Welt bzw. Bangladesch und seine Flutopfer zu spenden (passiert jedes Jahr so regelmäßig wie sonst nur kirchliche Feiertage) dann denkt ein wenig daran, dass diese Fluten keine von der Natur erzwungenen Desaster sind, sondern von den dort lebenden Menschen verursacht werden. Es braucht kein Brot, sondern Schulung – damit die Menschen lernen. Wie sagte noch eine Kinderpsychologin: „Um gute Entscheidungen treffen zu können braucht der Mensch Erfahrung. Und Erfahrung gewinnt er, wenn er schlechte Entscheidungen trifft“.
Aktuelle Meldung - Varanasi (4654 km), 11. Februar 8.2. Chandaurli 31km: Gestern Nacht angekommen sein und heute wieder weiter marschieren, das setzt ein gnadenloses Vertrauen in die eigene Leistungs- und Leidensfähigkeit voraus. Gut, die Lufthansa hat mich bestens genährt und gepflegt. Ich habe noch einmal die Bordvinothek geschröpft (jetzt werde ich wieder trocken sein müssen bis zum 6. März…). Spanier gab es zwar keine, aber einen vorzüglichen Franzosen. Und doch: Nachdem ich mir den kantigen Hintern auf fünf Flügen rund gesessen habe und ich nebenbei noch ein wenig dehydriert und schlapp war, hatte ich beim ersten Marschtag zumindest mit zuwenig Flüssigkeit keine Probleme: Als ich aufwachte fühlte sich schon alles irgendwie merkwürdig feucht an. Und als ich aus dem Fenster sah staunte ich Bauklötze: Es regnete nämlich! In Indien! Vor meinem Fenster. Und überall auch. „Och eigentlich… Regen… Vielleicht… Noch ein Ruhetag?" „Vergiss es, Bert! Wenn Du in Kalkutta ankommen möchtest, dann nimm die Füße in die Hand und lass es noch einmal richtig krachen!". Ich stieg also in die 4516-Kilometer-und-noch-geht-was-Schuhe, packte mein Wanderzeug, sagte meinem bequemen Hotelzimmer lebe wohl und marschierte in den späten Morgen (ich hatte zudem auch noch verschlafen). 9.2. Mohandi 40km: Während ich meinen allabendlichen Text schreibe läuft auf meinen Ohren „Layla And Other Assorted Lovesongs" von Derek & The Dominos. Kennt das jemand von Euch? Ein Album, das meinen Musikgeschmack zu einhundert Prozent trifft (besonders die Titel 2, 6, 10 und natürlich 13 begeistern mich). Das Album ist deshalb so unglaublich gut, weil Clapton bei diesen Aufnahmen einen ebenbürtigen, manche sagen noch besseren Gitarristen im Studio hatte (Durane Allman von den ‚Allman Brothers’). Was man aber nicht mit abschließender Sicherheit sagen kann, da Durane im Alter von 24 Jahren mit dem Motorrad tödlich verunglückte als er einem LKW ausweichen wollte der plötzlich ausscherte. Die Begegnung der zweien ist witzig: Clapton war in Miami, glaube ich, und die Allman Brothers gaben da ein Konzert im Stadtpark. Clapton hatte nichts zu tun, war offensichtlich noch halbwegs nüchtern und wanderte mit einem Freund da hin. Sie wurden, da Clapton zu der Zeit Superhyperstarstatus hatte („Clapton is God", gell…) von einem Ordner zwischen Bühne und Publikum geschleust – wo ein Sandsackbarriere stand. Da hockten sie sich hin. Durane spielte gerade ein Solo mit geschlossenen Augen. Als er sie öffnete saß da Clapton vor ihm auf dem Boden. Durane erstarrte schlagartig und hörte auf Gitarre zu spielen. Sein Bruder, der zweite Gitarrist wollte übernehmen weil er dachte eine Seite sei gefatzt. Da sah er auch Clapton, der auf dem Boden saß und zuschaute, und drehte sich schnell um und kehrte Clapton und dem Publikum den Rücken zu. So jedenfalls eine von vielen Geschichten rund um das legendäre Album „Layla And Other Assorted Lovesongs". Wo war ich… Achsoja: Ich habe, als erste Aktion des Tages, erst einmal verschlafen. Ja zefix noch mal. In einer Woche hat sich mein Tagnachtrhythmus so arg verschoben? Ich glaube ich werde alt… Sitze jetzt im Bett, gerade kalt geduscht und rasiert, und futtere die letzten Reste meines Bio-Ciabatta (mit Oliven) das ich am Bahnhof zu Hannover am frühen Morgen auf dem Weg zum Flughafen noch schnell erstanden habe. Ich kaufe gerne in Bioläden. Der Grund ist ganz einfach: Wenn immer weniger Menschen dort kaufen, dann werden wir am Ende nur noch Lidl und Aldi haben. Und das würde mir mehr wehtun als die paar Goschen mehr, die es im Reformhaus kostet. Das Brot muss nun dringend weg. Sonst fressen es die Sporen. Da ich erst um zehn Uhr auf der Strecke war legte ich eine kleine Nachtschicht ein und wanderte anderthalb Stunden in der Finsternis. „Indien ist doch so gefährlich!" meinte ein Motorradfahrer vorwurfsvoll als er mich nicht mitnehmen durfte. „Jaja", meinte ich. Mann, das ist doch immer wieder die gleiche Urscheiße: Der Mensch, der am Feuer sitzt hat Angst vor dem, was in der Dunkelheit passiert. Da draußen. Da wo man nicht hinsehen kann. Das schlimmste, was mir passierte, war, dass ich in einen bösartigen (menschlichen) Scheißhaufen stiefelte und die nächsten Kilometer versuchte den Dreck abzumarschieren. Drei Kilometer vor meinem nicht sichtbaren (?) Ziel kam ich an einer finsteren „Dhaba" vorbei (Dhabas sind Fernfahrerrestaurants). Niemand da außer der Koch und die Menschen, die einen bedienen. Die waren völlig perplex, ja geradezu geschockt, als ich aus der Dunkelheit in ihren dunklen Laden kam. Dabei wollte ich gar nichts. Nur essen. „Namasteji. Khana hai?". „Hai! Khana Hai"". „Chai?" „Hai". „Atcha". „Eg Alu Ghobi wo pantsch Roti". Und dann setzte ich mich. „Pani pio?" „Yes". Das ist zwar Bullshit-Hindi aber zumindest redet man so nicht aneinander vorbei. Der Koch kochte in absoluter Finsternis. Aber ich wusste, dass er blind kochen kann. Ich aß mein Essen in Finsternis. Und wusste, dass ich auch blind essen kann. Und trank meinen Tee auch blind. Nur beim Zahlen brauchte ich ein wenig Licht um nicht 50 mit 500 zu verwechseln. Dann marschierte ich wieder in die Dunkelheit dem finsteren Mohandi entgegen. Nach einer halben Stunde war ich da. Kein einziges Licht war an. Stromausfall. Mal wieder. Wie in den letzten Tagen. Lediglich das Gästehaus der Regierung hat einen Generator im Garten stehen den man eigentlich auch in Deutschland hören müsste. So laut ist der. Jedenfalls bin ich angekommen. Und das ist gut so. Morgen stehen 48 Kilometer auf dem Programm. „Krachen lassen" ist das Programm der nächsten drei Wochen. Und das werde ich. 10.2. Sasaram (45 km): Ein langer, stressiger und dem Ende zu unberechenbarer Marschtag geht bzw. ist zuende. Ich bin zu Müde um zu duschen. Habe mich daher nur schnell gewaschen und haue mich sofort aufs Ohr. Nacht. Bert. 11.2. Dehri (22 km): Haette ich geahnt was heute auf mich wartet, ich wäre ich nicht so erstaunt gewesen. Gestern abend teilte sich die Strasse kurz vor Sasaram in zwei gesperrte Fahrspuren und einen winzigen Ur-National Highway, den ich vor 13 Jahren gegangen bin. Dieses unglückliche Strässlein - damals schon voellig überlastet ist nun mit LKWs vollgestopft - und zwar Stossstange an Stossstange! Und das für (durchatmen Bert) 25 (!) Kilometer. Den gesamten heutigen Tag wanderte ich an einer stehenden Blechschlange entlang und musste geduldig hunderte Menschen erdulden die mich anschrien, mir zujohlten, zugegeben aus Versehen aber eben doch in meine Richtung spuckten oder Mittagessen aus den offenen Fenstern warfen unter denen ich just in diesem Augenblick vorbeimarschierte. Nein, der heutige Tag war nicht meiner. Ich bin froh in Dehri angekommen zu sein. Morgen geht der Tag mit einem Highlight los - einem Marsch über was die längste Bruecke Indiens und die zweitlängste Brücke Asiens sein soll. Zwischen drei und vier Kilometer lang ist sie lang. Ich habe sie auf dem Internet noch nicht gefunden, werde sie mir daher erst einmal morgen ansehen und Euch morgen Abend berichten wie sie heisst und wie lange sie ist. Brücken sind immer auch ein schwierig. Ich bin dann alleine mit den LKWs auf einer von Menschenhand geschaffenen Konstruktion die nur einen Fluchtweg bietet - nach unten. Aber ich werde das schon schaffen :-) Was heute auch eintrudelte war ein weiterer Fernsehsender der mit mir drehen moechte. Habe bereits prinzipiell Interesse bekundet. Es ist ein gutes Format. Deutschlandweit. Gute Qualität. Aber auch hier brauche ich weitere Informationen um zu wissen, wo's lang geht. So, ich mache mich nun fertig fürs Bett und wünsche Euch daheim einen angenehmen Tag und einen noch besseren Abend. Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Varanasi (4516 km), 7. Februar 21.11 Uhr Abends: Ich bin bettschwer. Ohne Hilfsmittel. Heute angekommen habe ich nun mein Zeug zusammengelegt und bin startklar fuer die "Zielgerade" nach Kalkutta. 680 Kilometer sind es und am 2. Maerz sollte ich eigentlich angekommen sein - wenn alles so laeuft wie es das soll. Und so kurz vor dem Ziel rechne ich eigentlich nicht mehr mit Ueberraschungen. Ich wuensche Euch daheim einen angenehmen Abend und melde mich wieder - sobald ich kann. Herzliche Gruesse, Bert Simon. 14.30 Uhr Mittags: Zwei weitere Fluege mit der Indischen "Jet" und schon bin ich wieder in Varanasi. Varanasi hat sich, kaum zu glauben, in den letzten sieben Tagen nicht veraendert. Ich auch nicht. Also ist alles beim Alten geblieben - inklusive Schuhe und Rucksack. Lediglich die Kamera ist eine andere und heute werde ich ein neues "Bild der Woche" hochladen. Schaun mer also mal ob die Qualitaet mit der Kamera, die vierzehn Mal weniger kostet als die Canon 5D tatsaechlich so dramatisch nachlaesst ;-) In Varanasi angekommen wurde ich sofort Opfer einer wilden Horde von Taxi-, Bus- Rikscha- und sonstigen Fahrern. Wie ein Schwam Heuschrecken fielen sie ueber mich her. Ich kaempfte mir heldenmutig meinen Weg zum Taxi-Pre-Paid-Stand durch. Als die Meute das sah, nahm sie Abstand. Verflixt. Schon wieder ein Tourist, der sich ein Taxi vorab bezahlen laesst. Und wie ich gerade 400 Rupien fuer die Fahrt bezahlte, da kam ein Belgier des Weges der ebenfalls ins Stadtzentrum wollte und so teilten wir uns den Kuh-Slalom in die City (immerhin 23 Kilometer). Ich werde jetzt erst einmal duschen und dann Seife & Rasierzeugs kaufen das ich in Deutschland vergessen habe... Bis speater. Bert Simon. 1.00 Uhr Nachts: Soeben sind wir in Kalkutta an Bord der 'Cuxhaven' gelandet, einem Airbus 330-300 (eigentlich das selbe Flugzeug wie die vierstrahlige A340 nur mit zwei Triebwerken). Es ist WARM hier!!! Endlich. Ich bin dem Erfrierungstod in Deutschland entkommen und erhole mich nun bei 21 Grad Celsius (noch) im internationalen Terminal des Dum-Dum-Airports. Ich werde in wenigen Minuten die paar Meter vom internationalen Terminal zum "Domestic" wandern - einfach aus dem Ausgang raus und nach links. Um 6.30 geht mein Flieger nach Delhi und ein paar Stunden spaeter duese ich nach Varanasi - dem Ziel meiner, naja, Traeume. Sozusagen. Morgen, am 8. Februar, werde ich wieder auf der Strecke sein und die letzten 680 Kilometer nach Kalkutta zuruecklegen. In Die Ankunft in Frankfurt war "dramatisch". Wir waren viel zu spaet. Dann aber half mir das Glueck: Der Adria Airways Jet, eine CRJ 200, parkte direkt (!) gegenueber des Gates, an dem der Kalkutta-Flug gerade im Begriff war zu schliessen. Ich huepfte in den letzten Bus und war an Bord! Lufthansa. International. Nett. Zuvorkommend Aber auch ein wenig umstaendlich. So kann man das Fluggefuehl beschreiben. Irgendwie haben wir Deutschen den Hang dazu, die Arbeitsablaeufe immer ein wenig komplizierter zu gestalten, als sie es von Natur aus sein wuerden, wenn man einfach locker und freundlich arbeiten bzw. improvisieren wuerde. Alles passiert zum Zweck. Und dieser Zweck passt sich halt manchmal einfach nicht an die Realitaet an. Die Deutschen begehen dann folgenden Fehler: Sie versuchen die Realitaet dem Zweck anzupassen. Nicht umgekehrt. Und das schafft eben Spannungen... Aber auch bei der Lufthansa ist mittlerweile angekommen dass der Passagier verschiedenste Moeglichkeiten hat von A nach B zu kommen und so versucht die Kranich-Airline ihr bestes, die Passagiere bei Laune zu halten. Meist durchaus mit Erfolg. So, ich werde mich nun noch ein wenig durchs Internet wuehlen (eine halbe Stunde habe ich noch) und mich dann in Richtung Inland verziehen. Ich wuensche Euch alles, alles Gute aus weiter Ferne. Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Wien (4516 km), 6. Februar Moin zusammen. Mein Deutschlandaufenthalt ist heute am ungekämmten, mondlosen frühen Morgen zu einem Ende gekommen. Nach drei rasend schnellen Dreh- und zwei wunderbaren Erholungstagen befinde ich mich während Ihr diese Zeilen lest im Anflug auf Kalkutta und werde bereits morgen wieder in dem Hotel übernachten, in dem ich vor ein paar Stunden meine Wanderung unterbrach. Was ich nicht mitgenommen habe sind neue Schuhe. Ich habe beschlossen, dass die Stiefel die nächsten 680 Kilometer noch aushalten werden und erhöhe damit die Gesamtlaufleistung des aktuellen Paar Schuhe auf 5200 Kilometer. Theoretisch kann ein Paar Wanderstiefel auch mehr Kilometer zurücklegen. Praktsich allerdings ist die Leistungsgrenze dann irgendwann einmal auch erreicht. Hintergrund dieses Materialtests ist, dass der Schuh in seiner Gesamtheit ohne Reparatur über die Distanz gebracht werden muss. Sobald eine Öse, ein Schnürriemen oder das Leder bricht, ist der Dauertest beendet. Mein bereits über 4516 Kilometer "eingelaufenes" Paar Schuhe jedoch ist nach wie vor in einem hervorragenden Zustand und kann deshalb weiter eingesetzt werden. Mittlerweile warte ich artig bei Kaffee Nummer drei auf meinen Zubringer nach Frankfurt. Moment, Kaffee heißt hier Melange. Also warte ich bei einer Melange. Die Adria Airways fliegt mangels Fluggerät anderthalb Stunden verspätet weil der ankommende Flug irgendwo klemmt. Das gibt mir wiederum die Chance, die wunderbare österreichische Gastfreundschaft auf dem Wiener Flughafen zu genießen. Anders als bei unseren Deutschen, von Geiz und Gastunfreundlichkeit geprägten Flughäfen muss man hier nicht Euro um Euro an z.B. die Telekom zahlen um ins Internet zu gehen. Der Flughafen in Wien hat ein offenes Netz. Jeder der will kann online gehen. Umsonst. Immer. Was die Reisenden denn auch milde stimmt. Kommt der Flug nicht, chattest Du halt noch ein wenig. Oder liest n-tv online. Mittlerweile wird das Spiel ein wenig kritisch, da ich in Frankfurt nur noch 35 Minuten Umsteigezeit habe. Maximal. Ich werde es probieren. Drängeln. Mich vorschieben. Platz da! Und wahrscheinlich klappts. :-) Nun noch ein abschließender Hinweis: In Indien gibt es derzeit limitiertes Internet, da die einzige Internetverbindung, ein Unterseeglasfaserkabel vor Ägypten, gekappt wurde. Die Reparaturschiffe sind bereits bei der Arbeit und versuchen in den nächsten Tagen den Schaden zu beheben. Es kann sein, dass ich mich nur selten werde melden können da das Internet in Indien ganz schön gerupft zu sein scheint. Mehr Infos zu diesem spannenden und ungewöhnlichen Thema findet Ihr >>> hier. Passt bitte auf Euch auf und bis bald! Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Hannover (4516 km), 3. Februar Heute haben wir den letzten Tag abgedreht. Und sind fertig. Alle. Zig Taxifahrten, hundert Kaffees, einige Viertele Wein und sieben Stunden Material später ist die letzte Klappe gefallen und ich habe jetzt erst einmal keine Lust mehr viel zu reden sondern verziehe mich übermorgen zurück nach Indien. Einen Monat lang ausruhen. Und 680 Kilometer marschieren. Danach komme ich kurzzeitig zurück und dann steht das nächste Programm an.
Bei meiner Gastfamilie in meinem Zimmer. Aufenthaltsort: Unbekannt.
Wenn Millionen Menschen zusehen, dann nehmen sich Sender besonders viel Zeit und wollen alles so richtig gründlich machen. Es geht nicht nur um Quote, sondern auch um persönlichen Ehrgeiz. Die Regisseure sind keine Grünschnäbel mehr sondern gestandene Journalisten. Die Fragen werden nicht vom Zufallsgenerator produziert oder aus der Hüfte geschossen sondern geplant. Die Einstellungen müssen passen. Die Sequenzen sollen nachher ein Ganzes ergeben. wenn möglich ohne Lücken. Zeit ist nicht wichtig. Das Ergebnis ist, was zählt. Für jedes Thema haben die Redakteure ihre ganz besonderen Lieblingskamerateams. Unseres war aus Frankfurt angereist. Und „richtig gründlich“ bedeutet, dass viele Szenen mehrfach aufgelöst werden müssen. Ein schneller Schwenk ist nicht genug. Es wird alles aus X Perspektiven abgefilmt. Spannend aber auch sehr mühsam. Vor allem weil es gestern und heute verdammt kalt war und ich eigentlich die Wärme des Subkontinentes gewohnt bin. Das war zeitweilig echt unangenehm aber machbar. Denn die Sache dient einem klaren Ziel: Das Stalking muss weniger und der Weisse Ring stärker werden. Auch heute nahm die Kette der Besuchten oder besuchenden Menschen nicht ab, die an dem Beitrag teilnehmen. Nach einem Dreh bei meiner Gastfamilie (keine Aussenaufnahmen, keine Adresse, keine Spuren…) machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Drehgenehmigung lag bereits vor und so begannen wir meine An- und Abreise zu filmen. Nebenbei wollte ich ein Käsebrötchen zu Mittag haben. Die Leute von der Käsebrötchentheke hatten aber keine Käsebrötchen. Überall nur Fleisch und Wurst. Auch mit Käse. Aber nur Käse? Gibts nicht. Keine Ahnung, was mit den Leuten los ist. Also verschoben wir das Mittagessen kurzfristig auf später.
Die gute alte Zeit war nicht gut, ist aber alt. Bernd erinnert sich sehr gut daran...
Am Spannendsten für mich war das wunderbare Wiedersehen mit Bernd. Bernd und seine Frau Petra waren mit Christine und sind mit mir befreundet. Wir kennen uns jetzt seit einem halben Jahrzehnt. Gleichzeitig hatten die beiden auch Kontakt zu unserer Jägerin gehabt. Darüber sprachen wir heute ein wenig gemeinsam und Bernd nachher alleine im Interview. Es war spannend zu hören, was bei anderen Menschen vorging und wie sie die ganze Sache aus einem anderen Blickwinkel beschrieben.
Die Arbeit ist zu Ende, die letzte Klappe gefallen. Erleichterung. Entspannung.
Aktuelle Meldung - Hannover (4516 km), 3. Februar Gestern war ein langer Tag. Wir haben stundenlang gedreht. Bekannte und Freunde besucht. Christine besucht. Am Grab von Christine gab es einen ersten kleinen Riß in meiner Eisfassade: Von der Familie, die sich mit entfernten Bekannten von Christine während ihrer Beerdigung am Sarg lautstark stritten, von den Bekannten und Nachbarn die nur zwei Stunden nach Christines Tod in ihre Wohnung eindrangen und ihr (und mein) Hab und Gut durchwühlten und alle Wertsachen mitnahmen, von dem Sozialbegräbnis das Christine erhielt (nachdem alles Wertvolle ausgeräumt war wurde das Erbe fix ausgeschlagen) bis zu dem falsch geschriebenen Grabstein, der heute auf ihrem Grab liegt, ist der Umgang mit Christine nach ihrem Tod durch die Bank ziemlich unwürdig gewesen. Ich habe mit Christine oft über die Zeit nach ihrem Tod gesprochen und wir haben uns so ziemlich alle Szenarien durchgedacht. Was passiert ist, das hat unsere Vorstellungskraft überstiegen.Christine würde vor Lachen zusammenbrechen. "Was glaubst Du, wie viele Leute mich nachher supergut gekannt haben? Ich werde viele Freunde haben!". Da hat sie recht gehabt. Die hat sie nun. :-)
Der einzige falsch geschriebene Grabstein auf dem ganzen Friedhof.
Nach meinem Besuch bei Christine stand ein Treffen mit unserem gemeinsamen Rechtsanwalt auf dem Programm, der Christine bis zu ihrem Tode und mich bis heute vertritt. Das unendliche Verfahren gegen Christines und meine Peinigerin Tanja ist nun im fünften Jahr. Nur die Grundlage hat sich andauernd geändert - und erschreckend gesteigert: Von der einfachen Belästigung über Nachstellung über Erpressung über Stalking über Körperverletzung bis hin zum versuchten Mord. Es ist wichtig, dass ein kühler Kopf bei all dem Chaos die Übersicht behält. Dieser kühle Kopf sitzt auf den Schultern von Alexander von Bennigsen-Mackiewicz.
Täglich grüßt das Murmeltier - seit fünf Jahren diskutieren wir Recht.
Schon am Vormittag hatten wir die Außenstellenleiterin des Weissen Rings in Hannover besucht. Frau von Schroeter kennt sich mit den Merkwürdigkeiten menschlicher Verhaltensweisen gut aus: Seit Jahrzehnten betreut sie Überlebende von Gewaltverbrechen und davor arbeitete sie ehrenamtlich in Strafvollzugsanstalten und lernte so auch die Täterseite kennen. Das ganze Thema ist, das könnt Ihr Euch sicher vorstellen, ein sehr interessantes Gebiet. Aber man sollte sich nicht unter den Betroffenen wiederfinden, denn dann wird aus dem interessanten Gebiet ein Kriegsschauplatz.
Im Wintergarten des Weissen Ring - ehrenamtlich-verantwortungsvoll.
Aktuelle Meldung - Hannover (4516 km), 1. Februar Update 22.00 Uhr: Ich komme gerade nach dem ersten Drehtag zu meiner Gastfamilie zurück. Fertig. Müde. Nachdenklich. Zuerst haben wir Michael besucht, der mir das Leben gerettet hat. Es tat verdammt gut, ihn wieder zu sehen. Unglaublich aber wahr: Michael lebt nun in der Wohnung, in der ich angegriffen wurde. Es war merkwürdig und beklemmend zugleich wieder an den Tatort zurück zu kehren. Nachdem wir sechs Stunden lang gedreht haben ging's zur Döneria am Kantplatz. Für mich gab es einen Bauernsalat, für den Rest der Crew zerschnippelten Hammel & Co.
Michael (Lebensretter) und ich nach dem Döneressen.
Der Dreh mit einem so intimen, großen Thema bedeutet dass Du viel Einblick in Deine inneren Strukturen zulässt. Aber ich möchte, dass mein Erlebtes wenigstens zu kleinen Verbesserungen führt. Zu ein wenig Nachdenken anregt. Und ich denke, das schaffen wir.
Beim ersten Interview im Hotel Luisenhof in Hannover.
Es geht um nicht wenig. Es geht um Leben und Tod, um Verletzung und Schmerz, um Heilung oder eben Nicht-Heilung. Ich nehme hier auch irgendwie eine Stellvertreterrolle ein für die Menschen die über ihr Schicksal nicht mehr sprechen wollen. Vor allem Stalkingopfer haben sich jahrelang den Mund fusselig geredet aber sind nicht gehört worden. Logisch, dass manche nach einem Impulsdurchbruch des Stalkers nicht mehr reden wollen. Ein Gewaltverbrechen aus der Sicht des Überlebenden darzustellen, das ist eine Energieleistung. Und Energie ist eines von mehreren Dingen die ich nicht mehr endlos zur Verfügung habe. Und da es morgen weiter geht mit der Arbeit haue ich mich jetzt aufs Ohr und erzähle Euch morgen Abend wie die Sache weiter geht.
So. Da bin ich. In Hannover. Einer Stadt, die mir nach meinem Aufenthalt in Indien so sauber vorkommt, dass man hier getrost auf der Straße schlafen könnte. Man könnte dann am nächsten Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen. Nicht einmal der Hauch eines Straßenstaubkorns würde an der Kleidung zu sehen sein. Aber… und das habe ich aus meinen Gesprächen mit meinem Sitznachbarn auf dem Flug von Kalkutta nach Frankfurt gelernt, produzieren auch wir viel Müll. Wir verstecken ihn nur besser und er ist deshalb nicht so penetrant im Auge wie in der Nase. Verstecken. Und verheimlichen. Wie so viel Ungeliebtes in Deutschland. Der Aufzug in Frankfurt, den ich benutzte um vom Flieger auf eine andere Flugsteigebene zu kommen, der war so spiegelblank, so sauber, so gut riechend, so adrett, so herrlich funkelnd dass ich am liebsten einen Stuhl genommen hätte um ein paar Stunden im Aufzug zu verweilen. Ihn zu genießen. Kein Stuhl zu haben? Kein Problem. Ich hätte mich auch auf den blitzeblanken Boden gesetzt. Aber das ging natürlich nicht. Was würden die Leute denken, wenn sie in einen Aufzug kommen in dem ein magerer, von der Sonne verwöhnter Mann im Trachtenhemd sitzt und immer auf- und abfährt und sich einfach nur an einem sauberen Aufzug erfreut? Auf dem Flug von Kalkutta nach Frankfurt habe ich Armin, einen Designer, als Sitznachbarn gehabt der vor drei Jahrzehnten nach Ibiza ausgewandert ist und dort nun Kleider entwirft, Opern aufführt (er wurde u.a. an der Kubanischen Nationaloper gefeiert) und ansonsten ein ganz normaler Hindu ist, der jedes Jahr Zeit in Indien verbringt um seinem Glauben und um seinen Göttern nahe zu sein. Es war erstaunlich, ja beinahe verwirrend, wie sehr unsere Sicht übereinstimmte. Wie sich unsere Gedanken zu einem einzigen Strom zusammenfassten der in aller Ruhe in die gleiche Richtung floss. Ich hoffe, dass wir uns noch einmal oder auch öfters Treffen werden um unsere Philosophien aneinander wachsen zu lassen. Armin, wo auch immer Du jetzt steckst, DANKE für die wunderbare Zeit, die Du mir geschenkt hast. Angekommenb ich in Hannover mittels einer sehr gefährlichen, sehr wackeligen Landung. Ich habe meine Redakteurin ohne Probleme gefunden und bin zuerst einmal zur Medizinischen Hochschule gefahren um einen Freund auf der Intensivstation zu besuchen. Alte Prioritäten im neuen Leben. Es war ein wenig grauenhaft, die Wege zu gehen, die Christine und ich tausende Male gegangen sind. Jetzt hallen meine Schritte alleine durch die Gänge. Ich gehe alleine auf eine Station. Besuche die Menschen alleine. Verabschiede mich alleine. Und verlasse die Klinik alleine. Ohne jemanden zu haben, der die Gefühle mit-ertragen kann. Ich habe vier Jahre eine Frau an meiner Seite gehabt, die bei Gott nicht einfach war. Einfach,. lustig und gut gelaunt war sie nur bei den Urlaubsbekanntschaften und ich-komm-Dich-jetzt- mal-besuchen Freunden. Menschen, die ihr jetzt wesentlich näher sind als sie es zu lebzeiten sein wollten. Aber Christine war wichtig für meine Seele und ein wirksames Medikament für mein Herz. Danach sind wir zu meiner Gastfamilie gefahren, haben uns bei einem Italokroaten niedergelassen und zu Abend gegessen. An dieser Stelle mache ich jetzt man Schluß, denn wir beginnen in einer Stunde mit dem Dreh und ich muss mich noch schön machen. :-) Bert Simon
Aktuelle Meldung - Wien (4516 km), 31. Januar Vienna calling! :-) Guten Morgen in die Runde aus der Stadt der Viaker und des Praters, der Melange und Maronen. Gestern um 16.47 Uhr: So. Sitze am internationalen Varanasi Flugschuppen. International, weil anscheinend Thai Airways hierhin fliegt. Wieso weiß ich nicht. Aber es wird wohl zwei oder drei Passagiere geben die von Bangkok direkt nach Benares fliegen wollen. Einen kleineren Flughafen habe ich noch nicht gesehen, selbst der kleine Flugplatz von Jaipur war riesig groß dagegen. Doch, Moment, Katherine in Zentralaustralien war noch kleiner und Broome im Nordwesten Down Unders. Und auf Fraser Island ist unsere Maschine direkt auf dem Strand gelandet. Da gab es gar kein Gebäude. Nur Palmen und Moskitos. Das Gebäude des Flughafens hier ist etwa so groß wie ein Kindergarten bei uns - aber gerade durch die Winzigkeit hat der Ort einen gewissen Charme. Hier zwängen sich Koreaner und Franzosen in eine Reihe, dort begegnen chinesische Touristen exiltibetischen Mönchen. Ganz friedlich. Mein Flug begann mit großem Schrecken: Zum Check-In sollte ich nämlich die Kreditkarte vorlegen, mit der ich den Flug online gebucht hatte – was aber nicht möglich war da die vermaledeite Karte von der Lufthansa erst vor ein paar Tagen ausgestellt wurde und noch in Deutschland liegt. „Tja, keine Karte, kein Ticket. Sorry Sir. Please understand…“. Boh. Liebes bisschen. Katastrophe. Ich habe mir umgehend die Schneidezähne stumpfgesprochen und so viel Honig verteilt dass der Flughafenboden noch mehr klebte als er es ohnehin schon tat. Mit Erfolg, denn jetzt halte ich meine beiden Tickets von Varanasi nach Delhi und Delhi nach Kalkutta in der Hand. In Indien geht das. Da werden die Regeln nicht gnadenlos durchgepeitscht. Bei uns in Deutschland hätte die Check-In-Dame spätestens beim zweiten Versuch ein "ICH HABE IHNEN DOCH GERADE..." um die Ohren gehauen. Diese Flexibilität in Indien ist eine der schönen Seiten der südasiatischen Gesellschaft. In Kalkutta flüchte ich in die nächste Lounge, arbeite noch ein paar Mails ab und werde erst gegen 2.50 Uhr am frühen Morgen wieder auftauchen - wenn der Airbus 330 der Lufthansa zum Einsteigen bereit ist. Ich plane direkt nach dem Start größere Anteile einer Flasche Rotwein zu verkosten – der erste Wein seit Monaten! - und mich dann zur Ruhe zu betten. In den meisten freien Ländern dieser Welt ist Alkohol auf Flügen kein Problem. In Indien ist das ausschenken von alkoholischen Getränken hingegen für alle indischen und ausländischen Airlines verboten solange sie auf indischem Boden stehen. Indische Inlandsflüge sind generell trocken. Die größte Demokratie der Welt hat eben ihre Grenzen recht eng gesteckt: Der Inder darf an sämtlichen Nationalfeiertagen mit seinem Indienfähnlein winken aber im Flugzeug keine Fahne haben. Wenn ich wieder aufwache, werde ich etwa über Ungarn sein und nach einem kleinen Frühstück lande ich in der Heimat. Ankunftsorte. Zielorte. Aufenthaltsorte… Alles „Geheimsache“. Ich habe nie Zäune zwischen mir und Menschen errichtet – vor der Tatnacht. Jetzt ist der Zugriff auf mich stark limitiert. Zu Terminen wo ich auf Menschen treffen könnte die mir unangenehm sind kommen immer zwei oder drei Helfer mit oder ich geh’ nicht hin. Mein Sicherheitsbedürfnis ist halt einfach ein anderes geworden. 20:33 Uhr: In Delhi sitze ich nun im Domestic Terminal des internationalen Flughafens. Es ist a.) laut, b.) relativ sauber, b.1.) es gibt ein hervorragendes Klo (für hiesige Standards) und c.) gibt es kein Wireles LAN. Nicht mal zum Kaufen. Das ist ein schwerer Schlag für meine Internetsucht. Aber in 30 Minuten sollte eigentlich schon wieder weitergehen - nach Kalkutta. Der Flug dorthin dauert zwei Stunden die ich irgendwie verlesen oder sonst wie verdösen werde. Schlafen darf ich nicht sonst habe ich nachher ein Problem mit dem Einschlafen. Ich hoffe einfach mal, dass ich mich in Kalkutta auf Datensurfboard stellen darf. Wäre schön, weil ich immer gerne meine Mail abrufe und Eure interessanten Mitteilungen lese. 16.10 Uhr varanasi: Falls Du von Allahabad nach Varanasi marschieren solltest (es wird doch noch irgendjemanden geben, der das macht, oder?) dann kommt als allererstes eine mächtige Brücke. OK, diese Brücke kommt auch, wenn Du von Allahabad nach Varanasi fährst. Diese Brücke quert den Ganges oder das, was von ihm übrig ist. Im Grunde ist der Ganges die verweste Leiche der „Großen Mutter“. Es gibt keinen verfügbaren Sauerstoff mehr im Wasser und in 100 Milliliter Gangeswasser tummeln sich rund 1,5 Millionen Kolibakterien. Die Sache ist ganz einfach: Trinke aus dem Ganges und Du kannst den Rest der Reise die Klotüre von innen zunageln. Es gibt neuerdings ein paar halblebige Projekte, die den Ganges wieder mit Leben erfüllen wollen. Unter anderem wurden in Varanasi und Umland ein paar Kläranlagen gebaut. Mit dem Ergebnis, dass die Kapazitäten permanent nicht ausreichen und sich die Gülle in die Stadt zurück staut und sich dort mit dem Trinkwasser vermischt. Eine der sichersten Varianten die Sanitärflüssigkeiten aus dem Ganges entfernt zu halten ist sie zu trinken. Prost Gurgel. Kommt Wolkenbruch. Was ich sagen wollte… ahso ja. Derzeit findet unter der mächtigen Gangesbrücke die Magh Mela statt. Ein Badefest mit hunderttausenden Pilgern die sich im Ganges die Seele reinwaschen wollen. Wenigstens etwas wird sauber… Das Zeltlager sieht aus, wie im Mittelalter die Lager der Heere. Bis zum Horizont erstreckt sich der Wanderzirkus. Zelte. Wehende Gebetsfahnen. In Orange gekleidete Gläubige. Moment, ich schau mal, ob ich ein Video finde. Hier ist eines: http://youtube.com/watch?v=qpGrJ4UR4lQ
Aktuelle Meldung - Varanasi (4516 km), 30. Januar\ So. Frisch gewaschen. Geputzt. Gepackt. In neunzig Minuten kommt meine Autorikscha die mich zum Flughafen von Varanasi bringt - immerhin 23 Kilometer vor der Stadt gelegen. Von dort aus geht mein Flieger in Richtung Delhi und dann weiter nach Kalkutta. Ein weiterer Ueberraschungsbesuch in Deutschland steht an. Acht Wochen nach meinem Gespraech mit Johannes B. Kerner habe ich mittlerweile die Ruhe und den Abstand gefunden an einer weiteren Sendung teilzunehmen. Insgesamt warten sechs Fernsehsendungen auf Rueckmeldung. Aber diese Menge an Theater halte ich zur Zeit noch nicht aus. Ich lasse es ruhig angehen. Bit by bit. One by one. So, genug gequasselt. Jetzt sinds nur noch dreissig Minuten und ich muss noch auschecken. Das kann, je nach dem, zehn Minuten oder aber eine halbe Stunde dauern. Bis nachher. Bert Simon.
29.1. Varanasi: Ich bin gerade noch so online, muss mich aber sofort wieder von den Tasten trennen, da ich meine Sachen waschen und packen muss. Morgen habe ich viel Zeit zu schreiben. Da werde ich dann so richtig in die Tatstatur greifen und Euch eine kleine, humorvolle Zusammenfassung der letzten Woche geben. Passt bitte gut auf Euch auf und bis Morgen. Bert Simon
Aktuelle Meldung - Orai (4476 km), 28. Januar 27.1. Bharod (32km) - 28.1. Orai (42km) Ich melde mich nur ganz kurz weil erschoepft und muede. Ich habe fertig. Gestern Nacht habe ich nur drei Stunden geschlafen. Grund war ein Alptraum. Gut, Alptraeume habe ich oft. Aber der war wirklich Extraklasse. Allererste Sahne. Nachdem ich endlich aufgewacht bin habe ich noch ein paar Stunden gegruebelt und als die Sonne aufging, da schnuerte ich schnell meine Stiefel und war froh auf die Strecke zu kommen um etwas anderes zu sehen. Was ich sah - nur ein paar Kilometer die Strasse runter - war ein umgekippter LKW. Und wie ich naeherkam, da sah ich auch was passiert war. Auf Indiens Strassen haben alle keine Zeit. Warum, das weiss eigentlich niemand so genau. Nicht, dass am Ende der Eile ein wichtiger Termin warten wuerde. Nein, der Inder rast nur gerne (mit 50 Stundenkilometern) und ueberholt noch lieber (mit 52 Stundenkilometern). Der LKW-Fahrer wollte also ein paar schamlos langsame LKWs ueberholen und tat dies, in dem er ein wenig von der Fahrbahn ging. Dort befand sich ein kleiner Hubbel. So 40 Zentimeter hoch velleicht. Undramatisch. Vernachlaessigbar. Mit einem Polo oder einem Mini waere der Hubbel kein Problem gewesen. Aber mit einem LKW, der mit 100 Reissaecken ueberladen ist, schon. Die Ladung rutsche, der LKW kippte und quetschte die zu ueberholenden LKW (gleich zwei) an eine Mauer. So. Waehrend ich mich setzte, begann der erste gequetschte LKW-Fahrer Gas zu geben, weil er eilig weiterfahren wollte. Die Reifen orgelten, der Motor droehnte. Ploetzlich liess es einen superlauten Knall. Wie als wenn eine Handgranate explodiert waere. Wow! Dem gequetschten LKW, der durch den Druk der Ladung gegen die Mauer keinen Zentimeter vorangekommen war, hatte nun zwei intakte Reifen weniger: Ein Doppelreifenpaar war geplatzt. Habe ich noch nie gehoert. Ist wirklich ein bombenmaessiger Sound. Dann orgelte der hintere LKW rueckwaerts. Aber auch er sass in der Falle. Ende vom Lied war, dass nichts mehr ging. Ausser ich. Und zwar weiter. ;-) Das Wandern war allerdings nicht frisch und schnell und bunt, sondern einfach nur ein graues "wann kommt denn endlich der naechste Tee-Laden"? Und so hangelte ich mich von Tee zu Tee und war froh vor ein paar Minuten angekommen zu sein. Ihr Lieben ich melde mich morgen wieder und wuensche Euch eine gute und ruhige Nacht. Und mir auch. :-) Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Hanumanganj (4402 km), 26. Januar Ich musste also, von Fatehpur kommend, einen zwei-Tages-Abschnitt 'shutteln', da es zwischen Kagha und Allahabad keine Hotels gibt. Hier in Indien existiert eine andere Hotelkultur als bei uns in Deutschland. In Deutschland gibt es in jedem Dorf mindestens einen Gasthof der im zweiten Stock ein paar kleine Zimmer hat. Hier in Indien gibt es entweder reine Hotelbetriebe oder gar nichts. Und auf den letzten 86 Kilometern, da gab es eben gar nichts. Vorgestern wollte ich dann von Allahabad zurück fahren nach Kagha. Das ist nicht einfach, sondern so kompliziert, dass Du daran beinahe zerbrichst. Der Reihe nach: Zuerst stehst Du ganz früh auf. Am besten bei Sonnenaufgang, wenn es so richtig grauenhaft kalt ist. Dann fährst Du mit der Fahrradrikscha zum Bus-Stand (das ist ein Busbahnhof). Da findest Du zwanzig bis fünfzig Busse. Vor jedem Bus steht ein Mann und schreit das Fahrziel in die Runde. Also mal erst genau hinhören. Dann gehst Du zum Bus Deines Vertrauens und vergewisserst Dich fünf Mal ob das Ding auch tatsächlich nach Kagha fährt. "Jaja. Kagha!" Du steigst ein. Und fragst Deinen Sitznchbar ob der Bus nach Kagha fährt. "Jaja. Khaga!". Dann schreit von hinten jemand "Nix Kagha. Der Bus fährt in die andere Richtung". Du packst also Dein Bündel und steigst wieder aus. Nächster Bus. Diesmal klappts. Vielleicht. Sobald Du richtig sitzt (da Du ja früh angekommen bist hast Du einen guten Platz...) kommt der Abkassierer-Mann zum Abkassieren. Clou: Sobald Du gezahlt hast bist Du ein fester Passagier. Und dann beginnt die Zeit des Hoffens und Wartens. so eine Stunde braucht es schon, bis der Bus sich langsam füllt. Neben Dich setzt sich nicht ein Hungerhaken vom Land, sondern eine indische Dorfwalze! Wie eine Quarktasche schmiegt sich die warme Leibesfülle Deines Sitznachbarns um Deine Knochen. Hin und wieder beugt er sich über Dich um die rote Betelnuss-Speichel-Rotze aus dem Fenster zu spucken. Du ekelst Dich und wünschst Dir Helmut Schmidt als Sitznachbarn. Mit Kippe! Solange die Karre nicht voll ist, bewegt sie sich auch nicht. Sobald sich der Bus halbwegs gefüllt hat, halbwegs bedeutet, dass kein Sitzplatz mehr frei ist und die Leute bereits stehen wird der Motor angelassen. Und gleich wieder ausgemacht. Dann wieder angelassen. Und wieder ausgemacht. Dann wieder angelassen. Dann rollt der Bus ein bissel nach vorne. Der Motor geht wieder aus. Der Bus rollt von alleine wieder zurück. Dann wieder Motor. An. Aus. Dann geht der Fahrer erst mal wieder einen Tee trinken, kommt nach fünf Minuten wieder. Motor an. Diesmal bleibt er an. Diese Manoever dienen dazu den Menschen zu sagen "Wir fahren jetzt wirklich bald los. Kommt an Bord!" Während der Fahrer pinkelt. Dann rollt der Bus wieder vor. Und zurück. Während des ganzen Dramas hupt der Bus unentwegt und der Mann vor dem Bus schreit wie verrückt das Fahrziel in die Welt, die in Indien von stocktauben Menschen beseelt ist. Dann geht der Motor erneut aus. Du bist a.) sauer, b.) verfluchst Du die Schnapsidee so früh aufgestanden zu sein, denn mittlerweile ist es acht Uhr Morgens und Du sitzt schon eine Stunde im Bus der hupt und sich vor und zurück bewegt und c.) kannst auch nicht mehr raus, weil Du ja schon gezahlt hast. So. Und nach anderthalb Stunden geht es dann los. Der Bus rollt! Jawohl! Zur nächsten Tanke. Und dann ist der Motor wieder aus. Es wird getankt. Spätestens an dieser Stelle würde in Deutschland der Busfahrer von den Businsassen des Landes verwiesen werden! Nicht hier. Jetzt beginnt eine nicht enden wollende Fahrt die immer wieder unterbrochen wird sobald der Bus sich zu leeren beginnt. Nach drei Stunden Fahrzeit bist Du am Ziel (für 86 Kilometer!). Insgesamte Reisedaür: knapp fünf Stunden. Solchermassen verzögert begann ich meinen Marsch von Kagha in Richtund Allahabad. Und wie ich mich auch anstrengte - ich schaffte an diesem Tag von zwölf Uhr bis 17.33 Uhr (Sonnenuntergang) nur noch 33 Kilometer. Ich wanderte zwei Kilometer weiter, ins nächste Dorf und versuchte nun meine Rückfahrt nach Allahabad zu organisieren. Aber: Kein Schwein hielt an. Niemand. Kein Bus. Kein LKW. Kein Jeep. Alle hupten nur wie verrückt und gaben Vollgas. Schliesslich kamen mir die einheimischen zu Hilfe. "Die halten nicht mehr an. Es ist dunkel". Aha, sagte ich. "Ja, wissen Sie, weil hier ist ein gefährliche Gegend. Es gibt viele Kriminelle". Oh, sagte ich. "Ich rufe jetzt mal die Polizei an. Die kann uns hier sicher helfen". OK, sagte ich. Nach einer kleinen Weile kam mein indischer Helfer wieder. "Die Polizei kommt auch nicht mehr. Weil es halt gefährlich hier ist". Logisch, sagte ich. "Aber der Polizeimeister möchte, dass Sie einen halben Kilometer zurück gehen. Dort ist ein Restaurant, das A-1. Dort sollen sie übernachten. Jetzt dürfen Sie auf keinen Fall mehr weiter marschieren. Wir gehen um die Uhrzeit auch nicht mehr auf die Strasse". Ahso, sagte ich. Erstaunt aber auch irgendwie nicht. Viele Gesichter der Menschen hier trugen ungeheuer harte Züge. Harte Augen. Harte Münder. Es ist eine böse Gegend, durch die ich hier marschiere. Das hatte ich in den Tagen zuvor schon gespürt. Und nun wurde das bestätigt. Und so wanderte ich die 500 Meter wieder zurück zum A-1 Plaza Restaurant, die an den Tankstellen des indischen Reliance-Konzerns angegeliedert sind und in denen man sehr, sehr gut essen kann. Allerdings sind es keine Hoteliers im eigentlichen Sinne. Sondern eben nur Restaurants. Die Menschen im A-1 waren schon polizeilich vorgewarnt und freuten sich riesig, einen Westler unter sich zu haben. "Sowas hat's ja noch nie gegeben", freute sich meine junge Bedienung. Besser als Fernsehen. Viel besser als miteinander zu reden. Und während ich mein Abendessen ass (Paneer Butter Masala - ein weisser Kochkäse mit zerlassener Butter und scharfer Sosse) hatte ich reichlich Gesellschaft. Danach gab ich grosse Müdigkeit vor. Und, zugegeben, ich war müde. Von irgendwoher kamen Decken an, eine Liege fand sich ein und ich wurde im Nebenraum, in dem auch alle anderen Angestellten schliefen, einquartiert. Ich zog meine Hose aus, liess Hemd und Jacke an und fiel auf mein Bett. Dann kamen eher schwierige Minuten. Wie schlafe ich ein - ohne Türe und ohne Beruhigungsmittel? Eines von beiden wäre notwendig gewesen. Also sah ich so lange stundenlang an die Wand bis mir die Augen zufielen. Draussen trillerten derweil die Trillerpfeiffen der zwei Wachleute die mit schweren Schrotflinten vor und hinter dem Restaurant auf und abgingen. Das Trillern machen sie, damit die Kriminellen wissen, dass eine Schrotflinte auf- und abgetragen wird. Und damit die Wachleute sich gegenseitig wahrnehmen und sich nicht, ganz ausversehen, selber eliminieren. Solchermassen gesichert verbrachte ich eine kalte und für mich sehr unangenehme Nacht. Nach wie vor habe ich grosse Schwierigkeiten mit der Dunkelheit. Ich fühle mich sehr verletzlich sobald die Sonne weg ist. Gemeinsam mit anderen in einer unbekannten, unsicheren Umgebung zu schlafen das ist eine sehr grosse Herausforderung. Ihr Lieben, es ist wieder dunkel draussen - ich mache mich jetzt auf den Weg zurück ins heutige Hotel. Beste Grüsse aus Indien Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Allahabad (4380 km), 25. Januar 24.1. Kalyanpur (34km) - 25.1. Allahabad (51km) Ganz schnell einen Gruss irgendwo vom Highway aus einem Mini-Internetcafe. Mir geht's gut und ich bin nach einer nicht geplanten Uebernachtung weit draussen auf dem Lande nach 51 Marschkilometern soeben in Allahabad angekommen. Ich bin noch fit und frisch und werde morgen (so gegen 5.00 Uhr Eurer Zeit) einen kompletten Bericht ueber die wohl seltsamsten zwei Tage meines derzeitigen Indienaufenthaltes ins Netz stellen - den ich nachher noch schreiben werde. Nur soviel: Die Polizei hat mir aus Sicherheitsgruenden verboten meinen Marsch nach Einbruch der Dunkelheit fortzusetzen und mich in einem Restaurant untergebracht wo ich mit den Angestellten in einem kleinen Raeumlein campierte waehrend vor dem Haus und hinter dem Haus Sicherheitsleute mit Gewehren wachten... :-) Sachen gibts... Bis morgen in alter Frische! Bert Simon. Aktuelle Meldung - Khaga (4295 km), 23. Januar So langsam macht sich bei mir eine echte Indien-Müdigkeit breit. Ich habe fertig. So ziemlich. Die Distanzen sind leicht, meine Füsse schnell. Aber das Drumherum... das ist entwürdigend. Indien ist ein Land, dass zur Menschenwürde an sich keine echte Beziehung hat. Menschen gibt es hier schliesslich wie Sand am Meer. Und dem Sand gebührt auch keine spezielle Würde. Alles, was Du in Indien tun willst braucht mindestens einen Akt Gottes. Alles ist hyperkompliziert. Ewig dauernd. Zermürbend. Energieverschwendend. Das sehen die Inder übrigens genauso. Nur die Kurzzeittouristen erfreuen sich an den Hürden. Logisch. Die haben ja auch noch frische Füsse. Aber auch viele Touris sind froh, wenn es dann auch mal wieder ein Ende hat mit dem Urlaub in einem Land, in dem eben alles ein wenig unter-aller-Sau ist. Ich kann meinen Gastgebern nicht vorwerfen, sich nicht zu bemühen. Aber die Art und Weise wie sich "bemüht" wird ist schon wieder Grund weiteren lauten Gejammers. :-) Nimm das Cafe Coffee Day. Das ist die vermeintliche Vorzeige-Kaffeekette Indiens. Der Starbucks des Subkontinents. Da sitze ich und trinke sechs Kaffee. Kostenpunkt 250 Rupien. Das ist ein Haufen Geld in Indien. Dann esse ich ein Sandwich und bestelle ein Glas Wasser dazu. Das Sandwich kommt. Das Glas Wasser bleibt auf dem Tresen stehen. Weil sich niemand findet, der das Scheisswasser zu mir tragen will. Dabei arbeiten in dem Kaffee acht Leute (alles Männer, logisch) die alle rumstehen und nichts tun. Und die Inder, die jammern auch. Gerne sogar. Sie sehen sich als arme Opfer genau des Systems dass sie mit ihrer halbherzigen Lebensweise am Leben erhalten. Gestern gab es eine Situation, die ich komisch fand. Und bezeichnend für meine Müdigkeit: Ich wanderte auf meinem National Highway 2 so dahin und sah am Horizont, der sich aufgrund des unglaublichen Smogs auf drei Kilometer beschränkt, mehrere LKW am Strassenrand stehen. "Toll. Eine Dhaba. Mittagessen". Dachte ich. Als ich dann dem Fernfahrerrestaurant näher kam sah ich, dass einer der LKW havariert war. Im Grunde war er nicht havariert, er war führerhausseitig nur noch zur Hälfte vorhanden. Die andere Hälfte war einfach weg und lag zertrümmert neben und um den LKW herum. Dann stand da noch ein LKW. Der sah ganz normal aus. Komisch dachte ich. Wie das wohl passiert ist? Als ich dann ganz nahe war, sah ich was geschehen war. Der LKW mit dem halben Führerhaus war auf den normal aussehenden, am Strassenrand parkenden LKW ins Hinterteil gefahren. Und der parkende, normal ausehende LKW war deshalb nicht verformt, weil er 50 Tonnen Baustahl geladen hatte! Die kinetische Energie wirkte brachial. Als ich um die Ecke kam sass da schon die Polizei und nahm den Unfall auf. Alle Anwesenden hatten versteinerte, graue Gesichter. Auch die Kinderarbeiter, die in Indien für gewöhnlich bedienen. (Das ist deren Hobby. Kinderarbeit gibt es ja kaum noch). Und das Seltsame: Ich fand's vollkommen OK! Endlich einmal kein Mittagessen, wo über mich gelacht und gescherzt wird. Und sich die Leute über meinen Rucsack, über mich, über mein Essen lustig machen. Und mit mir spielen um eine Reaktion hervorzurufen. Und mir selbst meine wenigen Ruhepause noch kaputt machen nur um einen kleinen Spass zu haben. Endlich hielten diese Arschlöcher mal ihr dreckiges Maul! Ich setzte mich hin und bestellte Alu-Ghobi. Bratkartoffeln mit Blumenkohl. Das Essen schmeckte herrlich und ich hatte, meinem Freund, dem Tod, sei Dank, das beste Mittagessen seit WOCHEN! Seit Wochen - das meine ich nicht nur so, das ist so. Jedes Essen, das ich ja gezwungener Weise im Restaurant und damit vor aller Augen zu mir nehme, wird von den Indern dazu genutzt mit mir zu spielen. Was ich hier zum Teil aushalte, das spottet jeder Beschreibung. Keine Sekunde vergeht in der Du nicht observiert wirst. Jeder schaut Dir in die Augen. Kleines. Aber nicht für ein paar Sekunden, sondern für lange Minuten! Du wirst, wenn Du nicht reagierst, angebrüllt oder sogar angetatscht. Auch von hinten. Meiner arg verletzlichen Seite. Du wirst behandelt wie ein Tier. Ein Hund. Ein Viech. Man pfeift nach Dir. Wenn Du kommst, wirst Du vermutlich beschissen, auf jeden Fall verarscht. Wenn Du nicht kommst, macht man Dir das Leben zur Hölle bis Du ausser Sichtweite bist. Anderen Reisenden ist das auch schon aufgefallen. Allerdings haben die einen Kontakt zum Land, der sich in Grenzen hält. Bei mir ist der Kontakt zur Landbevölkerung schrecklich grenzenlos... Aber davon schreiben die meisten Heimkehrer nicht. Und die Touristen vergessen die Last der Reise schnell und berichten vom tollen, vom exotischen Indien. Das es auch gibt. Meist da, wo die Touristen wohnen. Ein paar Strassen weiter ist Indien wieder Indien und Indien brennt. Wie Salz in einer Seelenwunde. Wie Sand im Getriebe des immer-weiter-Wollenden. Einen lieben und ehrlichen Gruss Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Fatehpur (4264 km), 21. Januar Bin wieder zurueck. 48 schnelle Kilometer liegen hinter mir. Fatehpur ist erreicht. Eine Stadt die eigentlich nur dazu da ist um 100000 Menschen zu beherbergen. Mehr gibts hier nicht. Nur noch 280 Kilometer trennen mich von Varanasi. Wo es wieder was zu gucken gibt - brennende Leichen zum Beispiel. Am 30.1. sollte ich die arg heilige Stadt am Ganges erreichen. Heute war die Strecke leicht schwierig, da der Highway Nr. 2 stellenweise noch nicht erweitert bzw. im Bau befindlich ist. Die Erweiterung ist kein Wollen, sondern ein zwingendes und dringendes Muss! In den 13 Jahren meiner Abwesenheit sind nicht nur einige hundert Millionen Neu-Inder auf die Welt gekommen, sondern auch Neu-Autos auf die Strasse. Das was damals schon sehr schwer zu bewaeltigen war ist nun eine Blechlawine ungeheuren Ausmasses. Und es wird nicht besser:
So, ich werde mich nun schnell ins Hotel begeben. Draussen ist es stockdunkel (und saukalt) und ich bin zwar nicht so geschlaucht dass nichts mehr gehen wuerde. Aber ich muss noch duschen, meine Klamotten auswaschen und zwei Briefe schreiben. Und das alles geht nur mit halbwegs geoeffneten Augen. Liebe Gruesse nach Deutschland. Bert Simon.
Aktuelle Meldung - 50km vor Fatehpur (4216 km), 20. Januar Rania (28km) - Kanpur (30km) - irgendwo (25km) Beste Gruesse sende ich Euch aus dem noerdlichen Zentralinien. Heute nur ein winzig kurzer Gruss, da ich auf dem Weg ins Bett bin. Morgen steht ein 50-km-Marsch auf dem Programm und ich moechte noch vor Sonnenaufgang auf der Strecke sein. Morgen Abend erreiche ich dann, ganz wie geplant, die alte Stadt Fatehpur. Eines ist schoen: Nach dem Schock von Rajasthan, wo Touristen nur noch des Geldes wegen ein bisserl respektiert werden, ist das Wandern durch den Bundesstaat "Uttar Pradesh" eine echte Wohltat. Die Menschen sind meist freundlich und uebertreiben das Uebervorteilen nicht so masslos. Auch ist das Wandern durch die Doerfer und Staedte wesentlich weniger anstrengend. Klar werde ich jeden Tag immer noch hundert Mal angebruellt: "Hey. Du! Komm her!" (nicht auf Deutsch natuerlich, sondern auf Hindi). Aber der Grund ist meist ein netter: Die Leute wollen Dich zu einem Tee einladen - um zu erfahren, wo Du herkommst und was Du um alles in der Welt mitten in Indien treibst. Und Spiessrutenteetrinken ist allemal besser als Spiessrutenlaufen :-) Ich melde mich morgen wieder und wuensche einen schoenen Restsonntag nach Deutschland. Bert Simon.
Aktuelle Meldung - Gobirpur (4133 km), 16. Januar 13.1. Etawah (35 km) Komisch. Heute habe ich noch mal nachgedacht, wie viel offene Fläche in einem Dorf doch so vorhanden ist. Selbst um mich herum sind etliche Quadratmeter Boden auf den man reihern könnte. Wieso der Schwall unter allen beweglichen und unbeweglichen Dingen gerade mich traf… keine Ahnung :-) Da ich ein paar Fragen erhielt wieso ich denn ein Kind scheuchen würde, möchte ich heute mal ein wenig über den Unterschied „Kind“ in Indien und „Kind“ in Deutschland schreiben. Worte die wehtun. Und Worte, die wir nicht hören wollen. In Deutschland da vermutet man „Du Herbert, ich glaube unsere Nachbarn haben Nachwuchs bekommen!“. „Ist nicht wahr, Sigrid! Wirklich? Wie können die sich das leisten?“. „Naja, sicher bin ich mir nicht. Aber die Indizien sind erdrückend. Zuerst der Van. Da dachte ich noch dass das vielleicht mit dem neuen Haus zusammen hängt. Aber jetzt habe ich die Nachbarin dabei ertappt dass sie Cornflakes und Cola im Einkaufswagen hatte. Das sind doch eindeutige Beweise“. „Unglaublich. Wir haben ein Kind in der Strasse! Der Dreck! Der Lärm! Die Kindergeburtstage… Gibt es nicht irgendeine Baurichtlinie die so was verbietet?“. OK, das war ein wenig überzogen. Satire halt. Ihr habt das sicher mitbekommen. Kinder sind in Deutschland rar. Wenn ich aus Indien komme und durch die Straßen in Deutschland gehe dann sehe ich alte Gesichter überall. Was für ein Kontrast zu Indien, wo es genau umgekehrt ist – Kinder wohin Du schaust und weniger ältere Menschen. Weniger satirisch dagegen der indische Alltag. Hier in Indien sind hunderte Millionen Einwohner unter vierzehn Jahre alt. Viele werden einfach sich selber überlassen. Völlig wurst, wo es den Nachwuchs hintreibt, einfach ein unvorstellbar großes Summerhill Projekt. Zuerst das gute: Es ist schön zu sehen, wie sich eine eigene "Gesellschaft" unter den Kindern entwickelt. Antiautoritär ist das allerdings nur so lange, bis man dem nächsten starken Mann begegnet. Polizist. Politiker. Priester… Sobald eine Autorität auftritt macht sich die fehlende, weil nicht erlernte soziale Kompetenz der unteren Schichten bemerkbar. Resultat: der Mensch geht in die Knie und bedient die Obrigkeit. Das ist das System des Subkontinents. Und es funktioniert hervorragend. Für einige. Und dann gibt es – und da marschiere ich soeben durch – die Lehmziegeleien, Stahlküchen und Glashütten in denen Tagelöhnerfamilien für weniger als ein US-Dollar am Tag schuften. Die Kinder dieser Familien sind nicht nette, saubere Schulkinder sondern wild. „Ungezogen“ im wahrsten Sinne des Wortes – einfach sich selber überlassen. Rohes Leben ohne Zaum. Lange, zottelige Haare und Haut, Haare, Kleidung und der Rest der kleinen Wesen ist von mokkabrauner Farbe der Erde in der sie leben. Aus den Mündern dieser Kinder kommen keine Lieder. Sie geben mit heller Stimme die Flüche der Erwachsenen wider und aus dem Sprachzentrum des unterforderten weil nicht geförderten Hirns dringen heisere Schreie an die Umwelt. Und wer solch ein „Kind“ an der Backe hat, der hat ein Problem. Wäre das „Kind“ zwei Köpfe größer würdest Du Dich vor ihm fürchten! Bestenfalls werden sie zum Betteln abgerichtet. Weder werden die Chancen des großartigen menschlichen Geistes noch Grenzen des sozialen Miteinander entwickelt. Anstatt Hausaufgaben gibt es Hunger. So sieht das hier aus. Die Medien entdecken diese Missstände langsam und die Zeitungen berichten zunehmend über die Horrorgeschichten die weder die wohlhabenden Inder noch die Touristen so richtig interessieren. Der reiche Inder will gefälligst ein Land in dem es sich leben und der Tourist will ein Land, in dem es sich genießen lässt. Den Indern tut die Armut weh. Sie verträgt sich nicht mit dem Image aus Räucherstab und Mahatma das Indien gerne pflegt. Armut wird mittlerweile als nationale Schande empfunden. Die Lösungsansätze allerdings sind vielfach korrupt und die Hilfe zur Selbsthilfe nicht im Sinne der Inder, die mit dieser Armut ihren Mercedes finanzieren. So, eigentlich wollte ich heute, wie jeden Abend noch schnell den Bericht online stellen. Aber da gingen hier die Lichter einmal mehr aus und das Internet verabschiedete sich aus Etawah. Mehr als 100000 Leute sitzen jetzt im Dunkeln. Nur die ganz Reichen haben Backup Systeme, die Hotels ihre Generatoren und der Rest hüllt sich in Schweigen und wartet. Und die hiesigen Stromausfälle, die können lange dauern! Der Strom ist jetzt schon wieder eine halbe Stunde weg und auch heute Morgen waren die Steckdosen saft- und kraftlos. So wie ich jetzt, denn ich hatte heute den ganzen Tag Gegenwind. Und das zehrt!
14.1. 30 km vor Auraiya (31km) Habe soeben kalt geduscht. Herrlich. Fühle mich wie neu geboren, erfrischt und sauber. Und soll eigentlich gleich schlafen. Der Strom ist seit einer halben Stunde wieder weg. Aber das macht nichts. Mein kleines Mininotebook hat eine Batterie, die drei Stunden hält. Und in drei Stunden liege ich hoffentlich auf dem Rücken und atme ruhig ein und aus. Der Gegenwind hat nachgelassen. Dafür wird es jetzt richtig winterlich kalt. In der Sonne waren es vielleicht noch zwanzig Grad und im Schatten fiese achtzehn Grad. Regen habe ich seit meinem Abflug aus Wien immer noch keinen gesehen. Es scheint, als ob alle Wolken aus der Atmosphäre direkt in das Weltall entfleucht sind. Wie die Welt so ganz ohne Regen aussieht? Trocken. Das meine ich nicht als Scherz. Trocken heißt wirklich durchgetrocknet. Absolut staubig. Vor den Fernfahrerrestaurants liegen ca. zehn Zentimeter feinsten Staubes. So fein, dass er fließt! Du kommst Dir vor als wärst Du auf dem Mond.
15.1. Auraiya (30km) Und wieder ist der Strom weg. Es gibt Gegenden knapp südlich von hier da sind einige Hochspannungsmasten gesprengt worden – vor vielen Monaten. Und ganze Landstriche haben seit Monaten keinen Strom. Also bin ich dankbar, dass hier wenigstens ab und an der Saft da ist. Aber wie schon gestern hängen die Steckdosen ab exakt 20.30 Uhr zur Zierde an der Wand. Das Hotel hat ein Power-Backup-System das bis gegen 24.00 Uhr reicht. Danach ist zappenduster. Auch morgens gibt es keinen Saft. Aber man lernt damit umzugehen. Und so werde ich heute meinen Bericht kurz halten und Strom sparen, denn mein PC Bildschirm ist meine Nachttischlampe falls ich nachher mal muss… Einen superschweren Unfall habe ich heute gesehen. Muss gerade erst passiert sein, denn die Fahrzeuginsassen lagen blutend auf dem Straßenrand und der Mob-Rufdienst hat erst 150 Leute oder so zusammen getrommelt. Der Fiat-Panda-große Kleinwagen war ohne nach links und/oder rechts zu gucken auf den Highway gerollt. Dort traf ihn dann ein LKW mit ca. 50 Sachen in die Seite und drückte den Kleinwagen noch kleiner. In Indien ist die Geschwindigkeit der Fahrzeuge eigentlich zu vernachlässigen. Erstens sind die Straßen so schlecht, dass man auf ihnen nicht rasen kann und zweitens sind die Fahrzeuge allesamt untermotorisiert. Was hier in Indien die Unfälle absolut tödlich macht, das ist die kinetische Energie der Last: Alles ist überladen bis zum geht nicht mehr und wenn 40 und mehr Tonnen mit nur 50 Stundenkilometer auf Dein Auto auffahren dann ist es wurst ob Deine Karre 2 oder 20 ADAC-Crashtest-Sterne gewonnen hat, weil der LKW einfach vorne zur Crashzone hinein fährt und hinten wieder raus. Die Airbags, die die meisten Autos nicht haben, würden wie eine Plastiktüte irgendwo unter dem LKW baumeln – während der ohne anzuhalten davonfährt. Was sinnvoll ist, denn der Mob lyncht in Indien gerne. Auch wenn der LKW-Fahrer sicherlich keine Schuld am heutigen Drama hatte: Der Fahrer des Kleinwagens war eben einfach schlecht auf den Straßenverkehr vorbereitet. Was verständlich ist wenn ich manchmal Fahrschulautos an mir vorbeifahren sehe. Ich habe für meinen Führerschein heldenhafte 51 Fahrstunden gebraucht. Aber die Menschen hier fahren noch arg viel schlechter als ich!
Aktuelle Meldung - Etawah (4133 km), 16. Januar Etawah +31km - Auraiya +31km - NH2/NH25 +47km
bin wieder da. nicht dass ihr meint dass dieser bericht einfach nur leger dahin geschrieben wäre - die 'shift' taste funktioniert einfach nicht. auch nicht bei verstärktem draufhauen. wenn ich noch stärker draufhämmere gucken alle nur noch mehr. also bleiben die buchstaben eben klein. ich verschmelze derzeit mit dem national highway 2 zu einer echten einheit. ich esse am highway, schlafe am highway, wache am highway auf und bewege mich auf ihm fort. und zwar richtig schnell. das interessante: seit zwei jahren ist der alte highway, den ich vor 12 jahren gewandert bin, verschwunden. statt dem immer zu engen, dicht befahrenen asphaltstreifen existiert nun eine stattliche vierspurige bahn. | ||