Das war das Willkommensbild meines Jakobsweges, den ich knapp 4000 km von Hannover nach Santiago vom 14. März 2008 - 23. Juli 2008 ging.

 

Fernsehbeiträge

Pressemitteilung

Gewinnspiel

Blogarchiv

Pressespiegel

 

 

Updates: 23.07.2008: Bin in Santiago angekommen // 21.07.2008: Neue Bilder im Fotoarchiv (ganz hinten) // 13.07.2008: Wie es mir derzeit geht // 14.04.2008: 100 Jakobsmuscheln aus Jade und Tigerauge zu gewinnen //

 

 

Aktuelle Meldung: Santiago (9144 km), den 24. Juli 2008

Compostela. Kathedrale. The End.

Heute morgen wachte ich gegen zwei Uhr auf dem Mont do Gozo, dem „Berg der Freude“ auf. Döste ein wenig. Dachte nach. Brachte es aber nicht übers Herz, den letzten Tag in Spanien anzubrechen. Spanien ist wie ein seltener Wein: Man hat nur einen davon und er ist einem teuer. Aber, dann, um fünf Uhr, Stimmen vor meinem Fenster. Und das nervtötende Geklackere der Nordic-Walking Stöcke, ohne die kein Pilger mehr gerade gehen möchte. Die Pilger bahnen sich Ihren Weg durch die Nacht. Ihren Zielen entgegen. Ich streckte und reckte mich in dem wohligen Bewusstsein, dass meine Exkursion an die Grenzen des Glaubhaften per Dekret beendet worden war: Die „Compostela“ ist mein. Der Sündenablass erfolgt. Bin dann doch aufgestanden. „Verdammt! Wo ist nur die Seife hin?“ Huch! Zack! Schon war die erste Sünde im gerade noch so sündenbefreiten Dasein eingeschlagen wie ein Dart im Bullauge. Tja, da muss ich ihn halt einfach noch mal gehen, den Camino. Und zwar im Winter 2009/2010.

Und ich war froh, diese „Pilger“ hinter mir lassen und in ein Leben zurück fliegen zu dürfen das nicht vom prätentiös wie eine Standarte vor sich hergetragenen Pilgerlächeln begleitet wird. Die Freude über die Ankunft in Santiago jedenfalls, die scheint mit der Kürze der Pilgerfahrt zuzunehmen: Je kürzer der Weg, desto lauter der Jubel. Am lautesten jubelten die, die erst ein paar Tage vorher losgegangen waren. Die Langzeitpilger schwiegen. Nicht betroffen. Aber anscheinend auch nicht sonderlich bewegt. Und der Grund ist dieser: Wir haben uns tausende von Kilometern auf die Ankunft vorbereitet. Sie kommt also nicht überraschend. Und wir fühlen uns glücklich und erfreut. Aber auch nicht viel mehr. Das Ende unserer Pilgerfahrt ist die Addition von Millionen kleiner Schritte. Ich war also froh, als ich mich in Taxi setzte und gen Flughafen düste. Und nachdem ich den Fahrer bezahlt, meinen Rucksack geschultert und das Flughafengebäude erreicht hatte, da öffnete sich die elektronisch betriebene Drehtüre und

… ich hatte meine Pilger wieder. ALLE! Ryanair ist die Pilgerhansa schlechthin! Alles wollte nach Frankfurt-Hahn. „Hallo Du. Isch bin die Doris und isch bin in Sarria losjelaufen. Und Du?“ (Nur alleine schon das Geduzt-werden von einem wildfremden Menschen. Jetzt. Wo ich doch gar kein Pilger mehr sein möchte! Boh. Ich sag’s Dir!). „Ja auch da. Doris. Ganz in der Nähe“. Somit war ich nicht weiter interessant und Funkenmariechen (die sich extra für den Anlass im Souvenirladen mit T-Shirt und Jacke eingekleidet hatte auf denen überall gelbe Pfeile und Muscheln prangten) versuchte den nächsten Pilger anzuzapfen. Während ich mir eine Priority-Card kaufte…

Bei Ryanair funktioniert das so: Es werden keine Sitzplätze vergeben sondern jeder muss sich dahinsetzen wo noch ein Platz frei ist. Man kann aber (wenn man das will – und ich wollte!) für fünf Euro einen kleinen gelben Zettel erstehen. Wenn man den Zettel gekauft hat, dann wird man zuerst ins Flugzeug gelassen. Und dann erst die anderen. Und also geschah es: Ich war der zweite, der den Jet bestieg und hockte mich mal gleich in die erste Sitzreihe ans Fenster. Mein Lieblingsplatz (weil dort die Triebwerke am leisesten sind…). Dann döste ich ein wenig. Gab vor nichts zu hören als die neben mir sitzenden Ex-Radpilger versuchten, mich in ihre Gespräche zu verwickeln. Dann landeten wir in Frankfurt-Hahn. Woraufhin mich meine Mitflieger erschreckten. Die applaudierten! Sind die gratis geflogen worden?! Ich habe für mein Ticket bezahlt. Also erwarte ich flugtaugliches Gerät und ein Pilot der das Ding starten, fliegen und wieder landen kann. Ich klatsche doch meinem Hausarzt auch nicht Beifall wenn er mir Blut abgenommen hat. Schwachsinn sowas.

Die Flugzeugtüre ging auf und der Jakobsweg zu Ende.

 

 

Aktuelle Meldung: Arzua (9101 km), den 22. Juli 2008

Ich sass in einem kleinen Café. Immer wieder liefen Pilger am Vorhang vor dem Eingang vorbei. Fand ich interessant. Und machte dieses Foto.

Da bin ich wieder. Aber nicht lange, denn ich muss ein wenig ausruhen. Spanien hat, zum Ausklang meiner langen Wanderung, wieder ein paar Kohlen aufs Feuer gelegt und ist so heiß wie eh und je (in Sevilla). Ich kann heute keine Post abrufen. Weil der Funkzugang, der mir versprochen (und auch eingehalten wurde) sehr, sehr langsam ist. Trotzdem danke ich an dieser Stelle für die vielen guten Wünsche zu meinem 38sten. Ich werde mich nun auf mein Zimmerle verziehen, ein wenig schreiben und Euch nachher in einem sicherlich lustigeren Bericht erzählen wie man mit 190 Mexikanern auf dem Jakobsweg überlebt. Und, damit Ihr auch vorher was zum Grinsen habt, sende ich Euch den Link zu einem der wohl schönsten "australischen" Videoclips auf Youtube. Eine echte Perle! Hier hört Ihr wie ein Fluglotse den Start eines russischen Transportflugzeuges kommentiert ("...the Vodka-Burner is rolling"). Einfach zum Wegwerfen - und mit einem absolut unglaublichen Ende!

 

 

Aktuelle Meldung: Palas del Rei (9067 km), den 21. Juli 2008

Unwahrscheinlich. Massig. Zahlreich. Die Heerscharen der Pilger. Was für Bilder.

Am Morgen des 22. Juli: Der Jakobsweg so wie er heute, im Jahre 2008 existiert, ist eine logistische Herausforderung und Meisterleistung. Der Weg ist kein Zufall mehr, sondern ein hartes, durchgeplantes und in Umsetzung befindliches Konzept: Hunderttausend Menschen und mehr wollen Wasser haben, die Kanalisation benutzen, einen Weg auf dem sie gehen können ohne vom Verkehr belästigt zu werden. Der Verkehr möchte ebenfalls nicht von Pilgern belästigt werden. Dann braucht es einen Café, erhältlich an jeder zweiten Ecke. Und WLAN auch. Das wäre auch nicht schlecht... Einkaufen. Supermärkte. Handynetze. Alles wird auf den Pilger zugeschnitten - und die zukünftigen Pilgerströme, die ja noch deutlich wachsen, werden berücksichtigt. Die Spanier hängen sich voll rein! Auf den letzten 100 Kilometer - das sind die Kilometer, die der Gläubige braucht, um sich von seinen Sünden reinzuwaschen - da ist der Weg eine einzige Bar. Die Jakobsbar. Und weil auch ich, neben dem spanischen Wein natürlich, dem Cafe con Leche verfallen bin werde ich mich nun schleichen und schauen, dass ich den vorletzten Marschtag ehrenhaft absolviere. Einmal mehr spüre ich die Viskosität der Distanz: Die letzten Kilometer werden vor Santiago immer zäher und mühsamer. Ich werde mich heute den ganzen Tag auf Morgen nachmittag freuen. Und am nächsten Tag, da trauere ich dem Jakobsweg hinterher. Ist immer so. War immer so. Und geht den meisten so: Ach bin ich froh, wenn ich leider fertig bin. :-)

21. Juli: Bin heute im Pulk marschiert. Witzig: Immer wenn ich erwähne wo ich losmarschiert bin herrscht schockiertes Schweigen. Aber meist rede ich nicht. Ich gehe meinen Weg. Und bin mit meinen Gedanken schon nicht mehr da, sondern in Deutschland. Wo es unfreundliches Wetter sein soll. Und ich komme im T-Shirt (schwarz natürlich, wie immer). Da muss ich mir wohl noch einen schwarzen Pulli kaufen. Oder so. Eigentlich wollte ich noch weiter und drüber hinaus, aber dann fand ich in „Palas del Rei“ ein wundernettes, kleines Hotel (mit WLAN wie man liest) und da blieb ich dann hängen. Schnell wurde eine Wassermelone für meine Zwecke eingespannt und eine Flasche Wein fand sich ebenfalls. Ein eigenes Zimmer hat vorteile. Das Toilettenpapier ist nicht gestohlen (wie überall sonst), das Klo ist auch nicht verkackt oder nicht-abgezogen und das Bett wanzenfrei.

 

 

Aktuelle Meldung: Portomarin (9042 km), den 20. Juli 2008

18.7. Trabadelo (38 km) - 19.7. Triacastela (47 km) - 20.7. Portomarin (45 km)

Unwahrscheinlich. Massig. Zahlreich. Die Heerscharen der Pilger rasten. Und ich aus.

Vorweg: Es sind noch 30 Tage bis zu meinem Clapton-Konzert das ich mir im Krankenhaus gewünscht habe und das ich nun realisieren darf. Dann: Aus gegebenem Anlass die Frage, die mir öfters gestellt wird ist: Bin ich mediengeil? Mit diesem unterschwelligen Vorwurf müssen sich nahezu alle Überlebenden eines Kapitalverbrechens oder Angehörige auseinander setzen. OK. Lassen wir die Frage einfach mal zu. Und, da die Fragenden ja keine Ahnung haben was im Leben von Überlebenden oder Hinterbliebenen eines Kapitalverbrechens vorgeht, hier das, was hinter den Kulissen passiert:

Mir wurde um 1:04 Uhr der Hammer von hinten in den Schädel geschlagen. Das spritzende Blut verunstaltete meine Wohnung erheblich. Meine gute Freundin Frauke putzte den Sabber nachher :-) Dann, 30 Minuten später, wurde ich, mittlerweile vor der Haustüre, mit einem Fleischermesser angegriffen und erlitt weitere, erheblich blutende Stichwunden. Um 2.40 Uhr lag ich auf dem OP Tisch. Unangenehm. Weil ich keine frische Unterhose anhatte. Um 5.30 Uhr wurde ich auf die chirurgische Station verlegt. Um 6.00 Uhr landete der Polizeireport bei den Zeitungen: „Hammer. Messer. Zwei Personen. Eine schwer verletzt. Im Heidjerhof.“ Um 6.30 Uhr schickten die Redaktionen die ersten Reporter in den Heidjerhof. Auftrag: Guckt mal nach Blut und klingelt Nachbarn raus. Irgendjemand wird wohl was gesehen oder gehört haben. Es mordet sich schließlich nicht still. Kurz vor sieben Uhr war das Haus gefunden (logisch, Blut vor der Türe ist ein deutlicher Hinweis). Um sieben Uhr klingelten sie die Nachbarn heraus und hatten schon bald ihr erstes Opfer gefunden: Michael – der mir fünf Stunden vorher das Leben gerettet hat. Und so nahm die Berichterstattung ihren Lauf. Im Krankenhaus wurde ich, aus guten Gründen, als „ANONYM!“ geführt. Das Ergebnis des Gerichtsverfahrens wussten meine Mitpatienten schon lange bevor ich wieder im Krankenhaus war – der NDR brachte das in den Nachrichten. Trotzdem gibt es Leute, die finden Bert Simon einfach mediengeil. Würde er sonst mit Kerner sprechen, der Simon? Ja würde er. Und er wird in Zukunft noch einiges mehr tun als das. Mittlerweile habe ich 13 Fernsehsendungen, die warten. Manche vergebens. (Ich stelle mich nicht hinter Paris Hilton an). Einige mit Potential. Die Sender kommen auf mich zu. Und ich gehe, anstatt ins Studio, mal erst auf den Jakobsweg. Zum Ausruhen, denn einen Fernsehsender in Deine Seele hineinschauen und hineinbohren zu lassen – und damit Dein unterbrochenes Sterben erneut zu visitieren - das ist physisch und psychisch wahnsinnig anstrengend. So anstrengend, dass ich rund sechs bis sieben Kilo verlieren werde. So ist das mit den Medien. Und der Geilheit.

Und nach dem Dreh, da werde ich bei einem guten Freund, meinem Subcomandante, untertauchen und erst zum Start meines nächsten Projektes (von Stuttgart nach Stuttgart) wieder auftauchen. Ausgeruht. Vielleicht. Klar konzipiert. Sicherlich. Voller Disziplin. Auf jeden Fall. Und ganz in schwarz. Wie immer. Was wir drehen? Och, so ähnlich wie Kerner. Ich schreibe Euch, wenn’s so weit ist, OK? :-)

Hier, in Portomarin jedenfalls, habe ich soeben die Wirtin glücklich gemacht. Sie kann mir den Doppelzimmerpreis berechnen (35 Euro – mit Klo und Dusche). Was die Wirtin nicht weiß: Sie hat mich glücklich gemacht, denn im Dorf selbst waren bereits alle (!) Pensionen voll. Ich hatte große Angst, nicht in einer Pension sondern in einer Herberge zu landen. Das würde ich nicht unbeschadet überstehen. Schaut Euch das heutige Bild an. Das ist nur ein Ausschnitt vom Rande des Jakobsweges. Und so sieht das öfters aus. Öfter als mir lieb ist. Ich fürchte mich vor diesen Massen und habe heute nur einmal mit Leuten geredet – einem Vater/Sohn-Gespann aus Rastatt. Keine Ahnung wie diese beeindruckenden Menschen hießen, aber sie waren sehr, sehr nett. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nur sehr wenige „unnette“ Pilger getroffen. Aber es ist so wahnsinnig schwer für mich, mich zu öffnen und ein Gespräch zuzulassen. Ich sitze gerne für mich alleine. Trinke meinen Café con Leche ganz schnell und marschiere dann, wenn sich die Gelegenheit gerade bietet, in einen lehren Raum – ohne Menschen um mich herum. Werde ich Menschen jemals wieder richtig vertrauen können? Nein. Aber ich liebe Menschen wesentlich mehr als vorher. Paradox, nicht? Das kommt daher, dass ich weiß wie arg verletzlich wir alle sind.


19.7. Triacastela (47 km)

Pilgermassen zwingen mich ins Gästehaus. Nicht nur, weil die Herbergen schon längst voll sind wenn ich noch dreißig Kilometer entfernt bin, sondern auch weil ich große Schwierigkeiten mit diesem Rhein der Leiber habe. Allein die körperliche Nähe zu so vielen Menschen ist mir unerträglich. Und so schnappte ich mir das letzte Doppelzimmer. Zimmer werden hier auf den Dörfern immer am Stück verkauft und nicht geschnitten. Will heißen: Egal ob Du oder Du und noch jemand in dem Zimmer schlafen – es kostet 30 Euro. Im heutigen Fall zumindest. Dafür habe ich meine Ruhe. Und, ganz nebenbei, sind es noch vier Marschtage und 135 Kilometer. So lange muss ich diese Zustände noch aushalten. Danach ist es endlich, endlich, endlich vorbei. (Ich leide wirklich!).


18.7. Trabadelo (38 km)

So. Da. Bin in Trabadelo angekommen. Wollte ich eigentlich gar nicht. Sondern viel weiter. Aber dann leitete mich das Schicksal mittels gelber Pfeile auf den „Camino Duro“, den „harten Weg“. Und der ist so hart wie schwachsinnig: Es geht zuerst hoch hinaus. In schwindelnde Höhen. Und noch höher. („Tolle Aussicht, oder?“ Fragten mich ein paar Pilger, die im Tal geblieben waren. „Ja“, sagte ich. Und: Unbedingt!“, sagte ich, vergaß aber hinzuzufügen, dass Dir der Schweiß unablässig in die Augen rinnt und Du den verdammten Pfad praktisch blind gehst. Von wegen Aussicht. Eine Plackerei ist das... :-) Und dann, wenn Du ganz oben bist, dann geht es wie im Leben auch hinunter, ins tiefste Tal.

Drei junge Pilger aus Münster, 16  Jahre alt, Bier und Schokolade zum Abendessen, haben ebenfalls den Weg hierher geschafft und sind – genauso wie ich – den Camino Duero gegangen. Klasse Jungs, muss ich schon sagen. Anstatt Ballerspiele und Mofas auf dem Marktplatz knattern zu lassen werden einfach mal 900 Kilometer gewandert. Super!!! Der eine den heutigen Ausflug auf den Camino Duro mit einem kaputten Knie bezahlt und hofft nun auf leichtere Strecke. Was er nicht weiß ist, dass bis Santiago kaum mehr eine Ruhepause kommt, sondern erst einmal die Berge Galiziens und dann viele kleine Hügel bis Santiago. Bis zum Ende: Der Weg wird sich über Gipfelchen und durch Tälerchen winden wie ein Korkenzieher. Der Dir den Korken endgültig zieht. Nichts richtig Dramatisches mehr – aber eben auch keine Ebene. Deswegen sind die Menschen auch so erleichtert, wenn am Ende Santiago in Sicht kommt – weil die Quälerei ein Ende hat. Der letzte Hügel heißt nicht ohne Grund „Berg der Freude“, weil sich die Pilger so sehr freuten endlich in Santiago zu sein. Dabei hatten die mittelalterlichen Pilger ja auch noch den Rückweg vor sich… der bei uns von Ryan Air übernommen wird, der Airline die von Santiago direkt nach Frankfurt-Hahn fliegt.

Mittlerweile, da ist es 3.30 Uhr. Ich war schon halbwach. Wie immer. Ihr kennt das. Bert und seine kurzen Nächte. Dann aber krabbelte irgendwas an mir herum. Und wie ich so mit meiner Taschenlampe auf Erkundungstour leuchte, da blinken mich gleich zwei Bettwanzen hellwach an. Denen habe ich dann mein Bett überlassen und mich in den Salon gehockt. Um zu schreiben. Die vierte Stunde wurde mit einem mörderisch lauten Schlag angekündigt. Über mir. Und dann begann ein Gepolter bis die Spanier des Zimmer 1 sich hier unten, im Salon, eingefunden hatten. Sie wollen, nein müssen ganz früh los. Meinen sie. Und jetzt, um 4.45 Uhr sind sie einfach in die Nacht gegangen. Ich weiß nicht, was solche Leute reitet. Aber das wissen die nicht mal selber. Die werden dann um ein Uhr oder zwei Uhr nachmittags an irgendeiner Herberge abhängen während ich, bei Tageslicht gestartet, vorübergehe. Denn ich werde heute einen langen Tag hinlegen. Dabei ist der Weg heute kein Ungefährlicher: Es geht durch die Berge Galiziens – und die sind nicht so ganz ohne.

5.30 Uhr: Neben den Bettwanzen ödeten mich auch die Pilger ein wenig an. Die eine Italienerin ist permanent mit ihrem verfluchten Handy zugange, der andere guckte irgendeine Soap mit Hanswurstdarstellern im Fernsehen. Dann eine debile Quizshow in der jeder Straßenköter mit dem Hauptpreis, einer Hundewurst, davon dackeln würde. Während drei Spanierinnen Karten kloppen. Boh, Mann, ich bin Jakobsweggeschädigt! Ich wünsche mich nach Santiago und werde trotzdem keinen deut schneller als die anderen marschieren – nur länger. Denn die Pilger, die sich von Frankreich hierher durchgequält haben, die sind mittlerweile erstaunlich zäh geworden. Sie hinken zwar. Aber sie hinken ausdauernd!

 

 

Aktuelle Meldung: Ponferrada (8912 km), den 17. Juli 2008

Ich am Cruz de Ferro. Dem eisernen Kreuz.

Am Morgen des 18. Juli: Gestern zogen wir über ein „Gebirge“. Und dann erreichten wir die vorletzte Provinz, die wir auf dem Weg nach Santiago zu durchqueren haben – den Bierzo. Und auch im Bierzo wird ganz passabler Wein hergestellt. Nur nebenbei, natürlich. Einsam steht am Weg das Cruz de Ferro auf 1500 Metern über dem Meeresspiegel; ein kleines eisernes Kreuz auf einem großen Baumstamm. Habe meine Mitpilger hernach ein wenig geschockt und das Gerücht in die Welt gesetzt, dass, gerade als ich gehen wollte, ein Auto gekommen sei. Ein Mann sei hochgeklettert, hätte das Kreuz oben abgesägt, wieder runtergeklettert, das Teil in den Kofferraum geworfen und davongebraust. „Nein?! Im Ernst!“. „Klar…“ „Das gibt’s doch nicht!“. Ja, so schnell setzt Du ein den Jakobsweg völlig verändert zurücklassendes Gerücht in die Welt :-) In wenigen Tagen werden sie in Santiago aus Solidarität mit dem Cruz de Ferro in den Hungerstreik treten – so lange, bis das Kreuz wieder herkommt!

Tatsache ist, dass es kaum ein wichtigeres Symbol auf dem Jakobsweg gibt, als das von Menschenhand geschmiedete Kalb, pardon Kreuz, ganz oben auf seinem Stamm (den irgendjemand in den 90er Jahren mal mit einer Kettensäge gekappt hat). Hätte der Mensch soviel Liebe und Schutz, Würde und streng eingehaltenes Regelwerk erfahren wie das Kreuz, dann würde es der Menschheit besser gehen.

In der Herberge zu Ponferrada, einer kleinen Stadt aus der heraus, wie überall in Spanien, zig Baukräne ragen um mit EU- und sonstigen Geldern Stadtteile aus dem Boden zu stampfen, waren schon 174 Pilger eingebucht. 180 Betten stehen in Ponferrada zur Verfügung. Überall standen, sassen und wuselten die Pilger herum. Da wurde es mir ganz unbehaglich zumute und ich flüchtete, so schnell ich konnte. Und ich kann ganz schnell flüchten! Wie ein Karnickel! Ganz weit weg von den vielen fremden, lärmenden Menschen. Ins Hotel Los Templarios. Und hier verstecke ich mich. Wie beinahe jeden Abend. Es sind einfach wahnsinnig viele Menschen auf dem Jakobsweg unterwegs. Tagsüber verteilen die sich auf der Strecke. Aber am Abend, da knäult sich alles in den Herbergen. Und da habe ich nicht unbedingt Angst aber... hmmm, wenn ich das Gefühl ehrlich beschreiben soll, dann eben doch. Angst. Ich bin ein vorsichtigerer, ängstlicherer Mensch geworden. Nicht grundsätzlich misstrauisch. Aber immer auf dem Sprung. Man weiss nie, wann wieder der Cro-Magnon-Mensch aus dem Anzug des Gegenübers springt und Dir mit einer Keule hinterher rennt weil Du Sammler bist und er Jäger. Dabei habe ich an Ponferrada nur positive Erinnerungen. Es ist eine schöne Stadt mit schönen Wassermelonen und freundlichen Menschen. Der Ort hat sogar seine eigene Burg aus dem zwölften Jahrhundert. Klein zwar, aber genau so, wie sie Kinder mit Lego bauen würden - mit Zinnen und allem drin und dran. Wobei drinnen nicht mehr arg viel ist. Ausser viel Platz. Für die Touristen und Tourilger.

Tourilger wie mich. Denn ich habe, glaube ich, das Pilgergefühl endgültig verloren. Ich gehöre nicht dazu. Ich empfinde keine Freude beim Gehen. Keine Erlösung beim Cruz de Ferro. Ich lebe in meiner Vergangenheit und blicke in eine dunkle Gegenwart die vor allem von Einsamkeit und Verzicht geprägt ist. Und Angst. Aber nebenbei, da reisse ich wenigstens noch ein paar Kalauer oder muss die alles entscheidende Frage im "Pilger-Forum" beantworten, woher ich das Geld nehme für diesen Jakobsweg. Das Geld???!!! Woher nehme ich das Leben. Das ist die Frage, die man stellen sollte. Wo alles um mich herum stirbt. Christine. Reser. Petra. Joshua. Mike. Philipp... die Liste ist endlos. Ich habe mehr Freunde im Jen- als im Diesseits. Und beinahe wäre ich auch auf dieser Liste gestanden. Geld? Woher? Keine sonderlich intelligente Frage. Antwort: Weil ich nichts ausgebe. Ich habe kein Auto. Ich habe keine teuren Hobbys. Ausser dass ich in einem Zimmer mit eigener Türe schlafe. Mehr bietet mir dieses Leben derzeit nicht. Wobei ich aber froh bin dass es das nicht tut, denn ich traue den Sonderangeboten des Lebens derzeit nicht so recht.

Das einzig wirklich Erstaunliche ist, dass ich jeden Tag immer noch in die Schuhe steige und abmarschiere. Meine Kilometer gehe. Meine Leistung abrufe. Und versuche die Dinge nicht so schwarz zu sehen, wie ich sie fühle - sondern schwarz in verschiedenen Schattierungen. Von Dunkel-Schwarz bis Hell-Schwarz. Und Morgen, da geht es weiter. Im Leben. Und auch hier. Ruht Euch gut aus. Habt einen erholsamen Schlaf. Morgen ist (fast) Wochenende!

Dies geschrieben, bleibt eine der universellsten Fragen unseres Lebens tatsächlich die vom Kräfteverhälnis des Habens vs. des Seins: Die eine Kraft wirkt sich auf die andere aus; heben sich die beiden gegenseitig auf, so erwirkt dieser Limbo nicht unbedingt Glück, sondern manchmal auch Leere.

 

 

Aktuelle Meldung: Rabanal del Camino (8879 km), den 16. Juli 2008

Links - Nordic Walking Stöcke. Rechts - Nordic Walking Knüppel!

300 Gästebucheinträge? Ja was für ein Zwischenstand :-) Danke für Eure rege Anteilnahme und Eure vielen guten (und auch kritischen) Beiträge. Ich habe sie alle gelesen. Als Belohnung versuche ich immer, schön zu schreiben. So oft es eben geht. Ich bin gestern sehr schnell von der Strecke verschwunden, da ich vorgestern keinen Ruhetag in Astorga eingeschoben habe. Obwohl ich den mir eigentlich versprochen hatte. Ich habe mich ein bisserl über Astorga aufgeregt. In „meinem“ Hotel war kein Zimmer mehr frei. Möglicherweise zanken sich wieder einmal Gastronomie und Pilgerherbergen. Immer wenn sich die Hotels benachteiligt fühlen, treten die örtlichen Unternehmen in einen Streik und geben keine Zimmer mehr an Pilger ab. Nur die Junior-Suite war noch zu haben. Aber dafür bin ich schon zu alt... Also verließ ich mein geliebtes Astorga und die ersten paar Dörfer gleich auch. Nicht wirklich sauer. Eher froh, dass ich noch ein paar Kilometer wandern durfte, denn nach wie vor bin ich versessen nach jedem Kilometer. Ich würde am liebsten gar nicht aufhören zu wandern sondern den Jakobsweg in einem durch gehen. Von vorne bis hinten durch. Ohne Pause, Tütenknisterer und Vollzeitschnarcher. :-) 

Gestern dann bin ich von Sta. Catalina nach Rabanal del Camino gestürmt. Und ich bin erschreckt, was der Camino aus diesem verschlafenen, kleinen Ort Rabanal geschaffen hat. Der Weg verändert einmal mehr die Welt um sich herum. Hat er vor ein paar hundert Jahren den Islam aus Europa gedrängt, so schafft er nun durchgehende Infrastruktur. Mehrsprachig. Mit Boadbandanschluß. Hier, in Rabanal, da gab es 1997 ein düsteres Restaurant mit hässlichen, klebrigen Zimmern (in dem ich nun wohne, weil es hell, freundlich und mit WLAN versehen ist) und eine Herberge der Engländer. Das war’s. Ende Banane. Jetzt gibt es in Rabanal 3 Bars, einen Laden, eine Apotheke, die ehemalige Herberge und zwei weitere Hotelbetriebe. Und trotz dieser großen Versorgungsstrukturen wohnen in Rabanal del Camino nach wie vor nur 35 Einwohner. Unglaublich.

 

 

Aktuelle Meldung: Benavente (8867 km), den 15. Juli 2008

14.7. La Baneza 37 km – 15.7. Sta Catalina de Somoza (39 km)

Unsere Wege haben sich kurzzeitig aufs Engste verknuepft... Ich und der Mann, der mir das Leben rettete.

@ Michael Eckmann: >> Eine Produktionsfirma will an den Tatort & Dich sprechen. Melde Dich mal. Liebe Grüße, Bert. << So. Da. Wenn das Mailfach voll ist, gibt’s halt hier ne Großansage :-) Michael Eckmann ist der Mann, der mir das Leben gerettet hat. Ein merkwürdiger Mensch. Der sich einfach mal nachts um zwei Uhr in den Weg eines 25 Zentimeter langen, heimtückisch vor sich hinmordenden Fleischermessers stellt und einem ihm damals noch ganz unbekannten Bert Simon das Leben rettet. Ritterlichkeit gibt es eben auch noch im 21sten Jahrhundert.

Es ist früh am Morgen. Früh! Ich liege auf meinem Stockbett „Vanguard“ und tippe. „Vanguard“?! Wer, bitteschön, kommt für ein einfaches Stockbett aus gelbem Stahlrohr grob zusammengeschweißt, auf „Vanguard“ ohne tütenweise Dope??? Und draußen, da ist die Welt noch in Ordnung. Zumindest gehe ich davon aus, dass sie es ist. Denn sie schreit und wimmert nicht. Im Grunde könnte ich heute die Strecke nach Astorga beenden – es sind nur noch 62 Kilometer. Aber… dann wäre ich 10 Tage und 250 Kilometer von Santiago entfernt – mit einem Schnitt von 25 Kilometer am Tag. Was bedeutet, dass ich dann noch zwei oder drei Ruhetage einbauen müsste. Auf dem Camino Frances. Oder langsamer gehen müsste – und mir den Smalltalk der anderen Leute anhören muss bis sich meine Ohren entzünden. Grahhhh. Nein. Das ist nicht so richtig hitverdächtig. Da lasse ich lieber zwei Tage Luft nach Astorga und stelle mich morgen Abend in der Schlange nach Santiago an. Ich kann mir ja noch den Geck erlauben und zum Flughafen Santiago rausmarschieren :-) Ob ich ans Kap Finesterre wandere? Ans Ende der Welt? Ich weiß nicht so recht. Habe ich noch nie gemacht. Für mich endet die Pilgerfahrt grundsätzlich mit dem Erreichen der Kathedrale.

In der Kathedrale, da steht so eine merkwürdige Statue aus Stein, die ausschaut wie Joe Cocker. Und vor Joe, da steht eine lange Schlange der Leute, die ihn umarmen wollen. Fans halt. Auch das werde ich mir verkneifen. Finde ich höchst eklig sogar. Alle begrabbeln das Ding. Wenn wenigstens alle Stunde ein Priester mit einem Sagrotantuch den Cocker abrubbeln würde. Aber nein. Die ungewaschenen Klofinger von zigtausenden. Ja igitt. Dafür nehme ich meine Sünden lieber wieder mit nach Hannover.

Wahrlich, wahrlich ich sage Euch ich bin kein Mann der Rituale. Lieber 5-Gang-Pragmatik statt Kirchenautomatik. Wenn ich was mache, dann muss das einen Sinn haben. Nicht unbedingt einen tieferen, aber immerhin. Sinn. Nach Santiago zu gehen, das machte Sinn. Ich bin Langstreckenmarschierer. Und das Marschieren ist, was ich derzeit als einziges so richtig ohne Einschränkungen kann. Und nach Santiago ist es eine lange Strecke. Manch ein Pilger, den ich traf, der hat diese Strecke mit seiner Gegenwart verkürzt. Aber die Mehrzahl der CCLP hat den Weg ganz schön lang gemacht… Aber einen Stein zu umarmen aus dem ein Steinmetz gegen Bares vor ein paar hundert Jahren Joe Cocker herausgehauen hat? Ey, wenn’s Clapton wäre… OK. Dann könnte man mit mir verhandeln.

Aber so? ’Tschuldigung. Da umarme ich lieber eine letzte Flasche Tempranillo. Zum Abschied (ich denke, ich werde es zwei Tage vor Abflug nach Santiago schaffen), da gibt es eine frühzeitliche Flasche Marquez de Murrieta Ygay oder so ein Zeug. Zum Feiern. Übrigens warne ich, als kleiner spanischer Weintipp, grundsätzlich davor, diese Einhundert-Euro-Weine zu kaufen. Die Preise für diese Weine sind gepusht. Du kaufst nicht den Wein, sondern die künstlich klein gehaltene Produktionsmenge und die künstlich weisgemachte Nachfrage. Meistens schmeckt das Zeug NICHT, weil es zu komplex und wirr ist. Und es verkauft sich auch nicht gut. Sehr, sehr (sehr) gute Spanier gibt es für maximal 40 bis 50 Euro und zwar generell aus den Jahrgängen 1994, 1995 und 1996 (Nein, ich will jetzt nichts hören! 1996 ist ein hervorragendes Jahr quer Beet durch Spanien – die Spanier haben sich nur nach 1994 und 1995 geschämt 1996 ebenfalls als Superjahr zu bezeichnen – aber es ist besser als 1995), 2001 (!) und, neuerdings, 2004. Vermeiden: 1997 (riesige Weinblätter an den Reben und kleiner Wein) und 2003 (oh je). Und nach dieser letzten kleinen Feierstunde kommt, mit rasend schnellen Schritten, das nächste Projekt. Von Stuttgart nach Stuttgart steht an und ich muss schauen, dass ich meine Homepage umgestalte. Aber keine Bange: Das aktuelle Jakobsthemenbild wird wiederkommen - denn 2009 marschiere ich zwei seltene Deutsche Jakobswege. Wäre toll wenn Ihr dabei bleibt. Und die USA... ist auch nicht übel. Endlich kann ich so richtig ablästern… :-)

Apropos lästern: Sowieso finde ich das religiöse Fundament des Jakobsweges mehr frag- als würdig. Cocker hin oder her. Jeder Mensch weiß, dass in Santiago weder Haarlocke, noch Fingernagel, noch Vorhaut des Apostels liegen. Nichts von alledem. Das Grab ist so leer wie die Versprechungen dazu. Die Kirche hat über Jahrhunderte ihre Gläubigen dieserart verarscht: Hier ein Stück vom Kreuz (in Wahrheit ein Span aus der Türe vom Schweinestall des Konvents) und dort drei Tropfen Blut (der Pfarrer hatte Nasenbluten und da war die Idee geboren) und hier die Gebeine von Maria Magdalena. Und da auch. Und dort auch. Es gab stellenweise mehr als zwanzig Großkirchen im katholischen Reiche, in denen Maria lag... Und anstatt dass das Volk ihre priesterlichen Lügenwichte von den Zinnen ihrer Kathedralen stürzen würden, da unterwerfen sie sich den absonderlichen Auswüchsen der Inquisition mit allergrößter Hingabe. Nach wie vor. Der Jakobsweg ist nicht nur das Zuhause Europas, sondern fußt zudem auf einer faustdicken Lüge. Also ist, formalreligiös betrachtet, die Pilgerfahrt zum nichtexistenten Grabe des Apostels Jakobus eine Sünde in sich. Die Gott nicht gerade wohlgefällig stimmen dürfte, wenn man den Regeln, die er da so aufschreiben hat lassen, glauben schenkt.

Mittlerweile bin ich im friedlichen La Baneza angekommen. Die Sonnenscheibe trat heute um – ich habe mir das genauestens angeschaut – um sieben Uhr und 18 Minuten in Erscheinung. So Spät! Bei Euch, 2000 Kilometer östlich, ist sie vermutlich schon um 5.30 Uhr da, oder? Ich war (und bin) den ganzen Tag über topfit (gewesen). Und hätte die letzten 24 Kilometer bis Astorga locker zurücklegen können. Das wären dann 62 Kilometer geworden. Aber: Ich habe bereits einen Haufen Vorbereitungen zu treffen für das nächste Projekt. Briefe zu schreiben. Ausrüstung zu bestellen. Da bin ich nach 37 km schön gepflegt in die Herberge gegangen und habe angefangen, meine vorhandenen Energien in die Tastatur zu klopfen.

Huch. Irgendwie geht draußen gerade die Welt unter. Ich geh mal zugucken. Bin gleich wieder da. Ahja. Ein Nachbar hat das in sich aufkommende Gefühl, Steinplatten mit einer Flex zerschneiden zu müssen, beruhigen wollen. Wer will ihm das verübeln? Um 21.49 Uhr! POOOLIZEEEIIII!!!! Wenn das in Deutschland passieren würde! Der Nachbar würde sofort Dorfverbot bekommen.

Und morgen geht's weiter...

 

 

 

Aktuelle Meldung: Benavente (8791 km), den 13. Juli 2008

9.7. El Cubo de Tierra del Vino (35 km) – 10.7./11.7. Zamora (32 km) – 12.7. Riego del Camino (34 km) – 13.7. Benavente (34 km)

Hier trennen sich die Wege - links Orense. Rechts Astorga. Ich bin rechts abgebogen.

Und heute (Benavente): Zuerst mal gabs wieder eine Störung. Anstatt unter der Dusche (gestern), lag ich diesmal dösend im Bett als um zehn nach sieben (!) die Herbergschefin (und Bürgermeisterin) zum Putzen die Herberge stürmte. Ja Herrgottmargot was will die denn schon um diese Zeit? Sauber machen wollte sie. Und so wuselte sie um mich herum während ich aufstand, frühstückte und mich für den Tag wässerte. Dann marschierte ich in den gleissend hellen Morgen. Recht schnell wurde es recht warm. Zwei riesige Hofhunde lagen mitten auf dem Weg. Und nicht im Hof. Ui. Was nun tun? Ich ging einfach schnurstracks weiter. Gab vor, die Hunde gar nicht zu bemerken. Der eine öffnete kurz seine Augen. "Ach. Schon wieder so ein Pilger". Dachte er. "Ich habe schon ein paar probiert. Die sind alle so dürr...". Und machte die Augen wieder zu. Der andere stand auf. Ein Pferd von einem Hund. Streckte sich. Nagte kurz ein paar Flöhe von seinem Rücken. Machte dann einmal kurz halbherzig Wuff. In meine Richtung. Und fiel dann wieder um. Plumps. Vermutlich war die Siesta noch nicht zu Ende. Und in der Siesta, da ist in Spanien alles geschlossen. Auch der Hofhundsicherheitsdienst.

Der Weg blieb flach. Die Sicht war weitaus weniger berauschend als der Verkehr auf der N-630. Der folgte ich nämlich heute viele lange Kilometer. Spanier sind oft sehr erfreut, uns Pilger zu sehen. Schließlich haben wir sie von den Muslimen befreit. Vor sechshundert Jahren oder so. Da sollen sie mir, Dipl. Pilg. Bert Simon, mal dankbar sein für! Und so hupen sie. Und ich winke. Oder die winken. Und ich auch. (Hupen kann ich ja nicht). Unangenehm ist es nicht auf den spanischen Straßen zu gehen. Ausser dass die Spanier, pauschal erlebt, ihre Autos nicht so richtig beherrschen. Deswegen sind die Kisten auch alle verdellt. Ringsrum. Gestern sah ich einem Spanier beim Einparken zu. Zuerst stieß er mit dem hinteren rechten Rücklicht an eine Hauswand. Was aber nichts ausmachte, da die Hauswand zu einer unbewohnten Ruine gehörte und das Rücklicht vorher schon nicht mehr da war. Dann kurbelte er nach links. (Nach links! Wieso? Fragt mich nicht). Aus Versehen machte das Auto nun einen Sprung zurück. Und der Spiegel landete, durch dieselbe Hauswand abgerissen, auf dem Gehsteig. Der Spanier zog die Handbremse an. Würgte den Motor ab. Stieg aus. Guckte kurz. Das Auto stand nun in seiner ganzen Länge rund drei Zentimeter von der Hauswand entfernt. Das war wohl gut so. Denn der Guteste schlug die Tür zu. Und ging in die Bar.

Überhaupt haben die Iberer ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Kisten. Vor ein paar Abenden spielten ein paar Kinder auf der Straße Fußball. Wieder vor einer Bar. Alles spielt sich in Spanien in, vor oder um Bars ab. Spanien ohne Bar ist schwer vorstell-bar. Jedenfalls zog einer der Jungs vollspann ab und traf punktgenau den Spiegel des silbernen Mercedes Vito Busses der dort geparkt stand. In Deutschland wäre eine halbe Sekunde später die Balkontüre aufgesprungen und der Eigentümer des Vito hätte mit bösen Worten oder Schrot geschossen. Oder sich vor lauter Ärger vom Balkon gestürzt. Oder wenigstens die Polizei gerufen. Ärger. Frust. Stress. Hier, in Spanien, da kam der Besitzer aus dem Haus, drehte den Spiegel, dem nichts passiert war, wieder richtig und stellte sich dann vor seinen Bus und begann auf der Vito-Auslinie herumzuhopsen wie der Torwart der spanischen Nationalmannschaft. Und alle lachten. Das ist Spanien. Und deshalb liebe ich dieses Land heiß und innig. Weil es vor allem eines ist: Komplett unkompliziert und demütig mit erhobenem Haupt. So und nun ist gut. Ich packe mich jetzt und suche die hiesige Pilgerherberge und einen großen Salatteller.

 

Riego del Camino, den 12.7.: Habe heute nach nur 34 Kilometern die Schuhe weggestellt. Die Herberge ist schön. Kein Mensch da. Bin alleine. Supermarkt gibt’s auch (ein Minimarkt im eigentlichen Sinne des Wortes). Und ich sitze mittlerweile inmitten zahlloser, erfolgreich erschlagener Fliegen. Alle paar Minuten höre ich auf zu tippen, nehme die bereits arg ausgefranste Fliegenpatsche und schlage um mich!

Aber sei es drum. Ich habe gestern gut gelebt. Heute wird wieder gepilgert ;-) Bin heute Morgen um halb acht in einen stark bewölkten Morgen aufgebrochen. Es fühlt sich seltsam beengt an, wenn nach langen Wochen strahlend blauem Himmel, der bis zu den Sternen reicht, plötzlich Wolken einen Deckel auf die Vía de la Plata legen und den Horizont zustellen. Und dann ging es bergauf. Bergab. Bergauf. Bergab. Immer ein kleines, abgemähtes  Hügelchen nach dem anderen. Bis ich schließlich in… Moment, ich muss schauen wo ich eigentlich bin… genau, in Riego del Camino angekommen bin. Heute werde ich ganz pragmatisch für morgen früh einkaufen. Es droht nämlich Sonntag zu werden. Habe ich festgestellt. Und damit kommt Spanien quietschend zum Stillstand. Glocken läuten. Und erwachsene Männer laufen mit Bullen durch Pamplona. Letzteres habe ich mir heute im Ferneseher einer Bar angesehen. Ein Reporter interviewte denn auch einige der Männer. Ich habe, da ich kein Spanisch spreche, einfach meine eigene Übersetzung gemacht.

Hallo! (Reporter)
Hhhallo (Mann, weiß gekleidet, mit Wampe, keuchend, schwitzend und mit rotem Wimpel um den Hals)
„Sie laufen also“.
„Wie?“ (keucht)
„Na mit den Bullen“. (genervt)
„Achso. Ja. Ich laufe. Genau. Mann ist das scheiße heiß hier. Wo gibt’s n Bier?“
„Wieso laufen Sie eigentlich so?“
„Wegen der Bullen. Die sind gefährlich, wissen Sie!“
„Genau. Deshalb gibt es auch Absperrungen. Sie laufen aber vor der Absperrung herum. Wieso?“
„Keine Ahnung. Fragen se doch meinen Nachbarn. Julio, weißt Du, warum wir hier laufen? Mit den Bullen?“
 „Hä?“ (Julio, pinkelt gerade sein Bier an eine Hauswand)
„Laufen. Bullen. Warum?“ (Reporter)
„Mach mer halt so. Ham mer immer gemacht so. Erst laufen. Dann saufen. Und dann auf dem Marktplatz urinieren und in einem Hauseingang pennen. Tradition wissen Sie? Muss gepflegt werden! Kann ich noch meine Mama grüssen?“.
„Danke Julio!“. (Reporter)
Aus dem Off der Moderator im Studio (Mikro nicht ausgeschaltet): „Ach schaltet wieder zu den Bullen. Das sind die einzig Intelligenten auf den Straßen Pamplonas“.

Mittlerweile habe ich eingekauft. Und soeben begonnen zu duschen. Und just wie ich ganz und gar unterm Seifenschaum verschwunden bin, da klingelt es an der verdammten Türe. Stundenlang kein Pilger. Und dann, wenn ich mal gar keine Störung brauche, nass, eingeseift, halbsauber, da klingelt irgendjemand an der TÜRE!!! Ich also abgespült. Handtuch genommen. Natürlich Reisehandtuch. Klitzeklein. Nackter Arsch. Türe auf. Logisch. Radpilger. Spanisch. Wie immer. Um diese Zeit. Unzeit! Und so ließ ich ihn, aber mich nicht auf ein Gespräch mit ihm ein. Spanier sind unwahrscheinlich redselig. Sie wollen reden. Den ganzen lieben langen Tag. Laut schreiend. Unglaubliche Weißwasserbäche an Worten reißen Dir den Boden unter den Füßen weg und ertränken Dich. Deine Hilferufe, die hört niemand. Denn jeder redet so laut er kann.

Diese unglaubliche Geschwätzigkeit ist eine der weniger schönen Seiten Spaniens. Ein Spanien, das kaum wenig schöne Seiten hat. Von der schrecklichen, unmenschlichen und kriminellen Behandlung der Basken einmal abgesehen, die sich aber sehr gebessert hat. Wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Jahren baskische Kinder in den Schulen von den Lehrern windelweich geprügelt wurden, wenn sie anstatt spanisch ihre baskische Muttersprache sprachen… Irre. Und das in Europa.

Zamora, den 11.7.: Vorweg: Neue, gute Bilder von der Vía de la Plata gibt es in wenigen Tagen, da der PC an dem ich gerade sitze seltsame Dinge tut. Unter anderem mag er meine Dateien nicht. Morgen trennt sich die Vía de la Plata in zwei Teile. Auf dem ersten Teil wandern die Pilger via Ourense nach Santiago, auf dem anderen Weg pilgern wir via Astorga (und das ist die Route, die ich nehmen werde). In vier Tagen also werde ich also wieder auf dem Camino Frances, dem Weg der als Jakobsweg in Deutschland bekannt ist, ankommen und die restlichen Kilometer mit hunderten anderer Pilger nach Santiago wetzen. 

Und nun das Wichtigste: Es sind 37 Tage BC (nix before Christ - sondern before Clapton). Es tut mir leid, dass ich Euch den heutigen Artikel nicht schon gestern hochgeladen habe. Ihr hättet es verdient gehabt. Aber gestern war nicht mein Tag. Und die letzten Jahre nicht meine Jahre.

Als Christine und ich vor ein paar Jahren nach einem Besuch unserer Patientenwohnungen in Berlin nach Hannover zurück gefahren sind, da kamen wir an einem frischen Unfall vorbei. Ein BMW war bei der Auffahrt auf die Autobahn beim Beschleunigen ausgebrochen und in die Leitplanke geschossen. Ein Haufen Kinder an Bord. Die wir dann in unser Dienstfahrzeug setzten, weil es draußen ganz schön kalt war und die Autobahn kein Ort ist an dem man Fangen spielt. Christine hatte den Jüngsten, vielleicht vier Jahre alt, auf dem Schoss sitzen. Der Knirps wollte, wild entschlossen, der ganzen Sache auf den Grund gehen. „Was ist denn nur passiert?“ piepste er. Christine: „Ihr habt einen Unfall gehabt“. Er jammerte, völlig entrüstet: „Ich will aber keinen Unfall haben!“

So ist das. Ich will keinen Unfall haben. Falsches Geschenk. Du blödes Schicksal. Meine Belastungsgrenze jedenfalls ist mit meinem Besuch in Zamora nahezu erreicht. Es ist ein Ort des erstaunenden Erschreckens für mich, ein Höhenzug, von dem aus ich die goldene, schöne und unbekümmerte Zeit noch gut sehen kann, die einst war.

Dabei ist Zamora eine herrliche spanische Stadt. Romanisch. Steinalt. Die engen Gassen so verwinkelt, dass Du nach wenigen Minuten die Orientierung verlierst und von Einheimischen auf den rechten Pfad geleitet wirst um Dich eine Minute später wieder verlaufen zu haben. Bislang gibt es deutlich mehr Einwohner als kleine Strassen. Sollte sich das ändern wird es problematisch für uns Touristen. Interessant auch die Zusammensetzung der Bebauung: Ein halber Strassenzug Stadtwohnungen aus den 20er Jahren. Dann, unversehens, eine romanische Kirche aus dem 12 Jahrhundert, eingequetscht in eine Stadt, die es damals nicht gab. Und dann weitere Stadthäuser. Bis zur nächsten Geschichtsoase. Neben den Händlern der Souvenirgeschäfte klappern auch die Störche - direkt vor meinem Fenster auf der Kirche. Nein, die Händler klappern nicht auf der Kirche, sondern nebenan.  Die Bürgersteiger werden in Zamora erst gegen ein Uhr hochgeklappt. Vorher ist die Stadt von Menschen bewuselt.

Fünf Jahre, nachdem ich erstmals hierher wanderte, komme ich als am Leben beinahe gescheiterter Mensch angekrochen. ‚Versagt’ könnte das Gesamturteil lauten, wenn Du hart bist. ‚Schicksal’, wenn Du milde urteilst. Im Grunde habe ich mich anständig an die Regeln gehalten. Das Leben nicht. Es hat mich zuerst mit Grauen geprüft und dann, wie an der IKEA Kasse, noch schnell das Paket „TØT“ oben draufgelegt. Eine Lampe. Ein Lebenslicht. Ohne Leuchtmittel.

Als die riesige, romanische Kathedrale von Zamora in Sicht kam, da wurden mir jedenfalls vor Entsetzen die Knie weich. Zwar kein so ein blankes, endgültiges Entsetzen wie als damals der Hammer in meinem Kopf einschlug. Aber trotzdem ein tiefes, wissendes Entsetzen eben. Das Wissen, das Dir das Leben hinter jeder Kurve eine Fratze des Wahns zeigen kann. Gerade hat es noch gelächelt wie Claudia Schiffer, das Leben. Und dann sieht es auf einmal aus wie Klaus Kinski in Nosferatu. Wenn  man mir das damals erzählt hätte, ich hätte die Worte zwar verstanden aber die erschreckende Tiefe dahinter niemals. Als dann die Pension in Sicht kam, in der ich fünf Jahre zuvor schlief, das Hostal La Reina am Plaza Mayor und schließlich die Telefonzelle, an deren Ende ich nun einen toten Anschluss weiß… Hach, das Leben ist manchmal einfach Scheiße. Diplomatisch ausgedrückt. Ich bin mal erst weiter gegangen. Geradeaus. Anderthalb Stunden durch die Stadt. Eine Gasse nach der anderen. Bis ich mich traute an der Pension zu klingeln. Jetzt sitze ich da und brüte. Dumpf. Und abgebrüht auch.

Und trotzdem müssen wir weitergehen. Durch dieses Leben. Trippelschritt für Schritt. Wir haben die Pflicht dazu. Wisst Ihr, unsere Toten werden durch das Leben geehrt, das wir führen, und nicht durch unseren Tod. Wir haben seinerzeit, 2003, unseren Verein für Transplantierte hier gegründet – Christine in Deutschland und ich hier. Ich denke, es ist der richtige Ort, an dem ich eine neue Aktion basteln sollte. Wer von Euch ist dafür??? Hand hoch! Einfach mal wieder bauen. Aus Trotz. Man kann mir alle Bauklötze wegnehmen. Dann werde ich eben aus dem Holz meiner Wurzeln neue Klötze schnitzen und anfangen zu bauen.

Mittlerweile ist es Abend geworden. Das Internetcafé ist voll mit Jugendlichen die gar nicht mehr so viel ballern wie noch von einigen Jahren sondern mehr chatten und surfen. Neben mir steht heute mein Belohnungswein, eine Flasche 2004er Quinta Quietud. Ich habe Zamora nicht nur ausgehalten, sondern das Beste aus meinem Aufenthalt gemacht. Und anstatt 23.90 bei www.vinos.de bekommt man die Weine des Toro im Weinanbaugebiet Toro selbstverständlich günstiger - für 15 Euro. So unterschiedlich ist Europa (noch) und vermutlich sind auch die gestiegenen Transportkosten ein wenig Schuld daran, denn es ist eine lange Strecke von hier nach uns.

 

 

Aktuelle Meldung: Salamanca (8656 km), den 8. Juli 2008

4.7. Carcaboso (40 km) – 5.7. Baños de Montemayor (50 km) – 6.7. Fuenteroble (33 km) – 7.7. San Pedro de Rozadas (29 km) – 8.7. Salamanca (25 km)

Hugh aus Sydney. Ein weiteres Opfer der Vía de la Plata. Mitten in der Nacht kam eine Ostheopatin und legte hand an. War zwar sehr schmerzhaft (Hugh hatte sich den Knöchel verstaucht) aber gut! Ein Engel des Camino.

Am Morgen des 9. Juli: Die Sonne bemüht sich aufzugehen - spät wie immer, beinahe aus der Zeitzone fliegend. Während dessen rumpelt und kracht es in den Straßen von Salamanca: Der Straßendienst scheint die Stadt zu zerlegen, dann zu säubern und wieder zusammen zu bauen. Ab fünf Uhr Morgens. Denn spätestens ein paar Minuten später wird die ganze Stadt bevölkert sein. Der kühle Morgen wird genutzt. Gegen 12 Uhr legt sich Salamanca dann entvölkert ermattet zur Siesta ab. Und ab 18.00 Uhr, da sind die Straßen und Plätze, die hier Plaza heissen, wieder voll. Die Cafés voll. Die Parkbänke, die zum Teil im Nichts stehen - und bei denen Du Dich fragst, ob die da nicht aus Versehen abgekippt worden sind - alle voll. Die Spanier sitzen schon gern draussen. Aber nur wenn es erträglich ist. In der hiesigen Region ist es das selten. Es gibt Sprichwörter, die darüber Bände sprechen: "Hänge Deinen Mantel nicht vor dem 40. Mai in den Schrank!" (Hasta el 40 de mayo no te quites el sayo) oder "Neun Monate Winter, drei Monate Hölle" (Nueve meses de invierno y tres meses de infierno).

Mir persönlich ist das wurscht. Heiß. Kalt. Naß. Trocken. Hauptsache ich habe meine Wassermelone nach Ankunft, und am Abend eine schöne Flasche Wein vor mir stehen. Alles andere lässt sich ertragen. Ob mit oder ohne Mantel. Tatsächlich ist es so, dass Dich das Pilgerleben genügsam macht. Nach vier Tagen auf den Dörfern freust Du Dich über die reiche Auswahl der Städte. Hier gibt es Dinge, die es auf den Dörfern eben nicht gibt. Frische, kalte Milch sogar. Oder einfach das beruhigende Gefühl auch um 22.00 Uhr noch einkaufen zu können (auch wenn mans gar nicht muss). Da aber gute Gefühle auch irgendwann einmal enden müssen, werde ich nun mein Bündel schnüren und aus meinem schnieken Zimmer des Ibis Hotels in die vermutlich weniger schnieke, dafür aber nach Socken riechende nächste Pilgerherberge abwandern. Heute Abend möchte ich gerne im 35 Kilometer entfernten El Cubo de la Tierra del Vino ankommen und morgen (spätestens morgen) melde ich mich bei Euch aus Zamora. Für die Zeit dazwischen gebe ich Euch, quasi als kleine Anästhesie, ein Liederl mit dem Erich zur Beruhigung und (noch mal kurz durchgezählt) stelle fest, dass Eric Clapton's Konzert in Zürich noch 40 Tage weit weg ist. Nicht nur noch. Sondern noch!

 

Angekommen! Ich bin soeben in Salamanca angekommen. Diese prächtige, alte, wunderbare, Wassermelonen verkaufende Stadt liegt 444 Kilometer von Santiago entfernt. Wenn ich berechne, dass ich noch 16 Tage Zeit habe, dann muss ich nur noch einen Schnitt von 29,6 Kilometer gehen. Gähn. Komisch ist, dass mitten im höchsten Sommer die Sonne hier relativ spät aufgeht. So gegen sieben Uhr. Um sechs Uhr ist es noch stockfinster. Das hängt damit zusammen, dass wir uns auf der Vía de la Plata in der östlichsten Gegend unserer mitteleuropäischen, „deutschen“ Zeitzone entlang hangeln. Wenn bei Euch die Sonne schon mittelmäßig hoch am Himmel steht, dann geht sie hier erst auf. Portugal, die nächste Zeitzone, ist nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Und dort würde die Sonne dann wieder zur richtigen Zeit aufgehen. Früh. Wie sich das für Sonnen im Sommer eigentlich gehört :-)

Für die Weinliebhaber unter Euch: Ich habe mir einen schweren Wein aus dem Anbaugebiet Toro ("Stier") eingekauft. Tinta de Toro heisst die hier heimische Rebe. Ist aber nur ein regionaler Name für die typisch iberische Traube Tempranillo. Allerdings ist Tinta de Toro die Urtraube. Lange nachdem die hier ihren Wein angebaut hatten kam die Traube in das Gebiet La Rioja und somit auf den internationalen Tisch. Untypisch ist der Alkoholgehalt der hiesigen Weine. Der Weinbauer mag seinen Wein hier schwer. Sehr schwer! 14 % Volumen und mehr. (Meiner heute 14,5 %). Als leichter Sommerwein taugt er also nicht. Es sei denn, man möchte noch am Anfang des Grillabends vornüberkippen. :-) So, und nun gibt es einen Aufwasch der letzten Tage.

 

4.7. Carcaboso: Heute habe ich wieder einen 40 Kilometer Happen von meiner verbleibenden 620 Kilometer Tortilla abgebissen. Und bin bei Elena gelandet. In deren Wohnung ich schon 2003 schlief. Ach, was Ihr nun wieder denkt... in jeder Stadt einen Koffer. :-) Nein, nicht in ihrem Bett, sondern in der dort eingerichteten Pilgerherberge. Morgen dann sollen noch mal 40 bis 50 dazu kommen. Grund der energischen Wanderei: 1.) Ich möchte mich nach wie vor müde laufen - ansonsten finde ich nicht in den Schlaf. Und 2.) möchte ich noch einen Ruhetag in Zamora einlegen, einer Stadt die mir sehr viel bedeutet, da Christine und ich seinerzeit einen Verein zur Betreuung von Transplantationspatienten 2003 gründeten während ich in Zamora auf der Vía de la Plata unterwegs war. Und dann kenne ich da noch einen Laden in der die großartige Weine des Anbaugebietes Toro direkt von den Winzern verkauft werden.

Jetzt, nur 5 Jahre später, einer Zeit die so kurz scheint wie ein paar Atemzüge, ist Christine tot, ich war es beinahe und das Leben ist zu einem Drahtseilakt zwischen „ich will nicht mehr“ und „ich kann noch was ausrichten“ geworden. Vor allem der letzte Punkt ist für mich überlebenswichtig: ich muss es schaffen mir erneut ein mit Bestimmung erfülltes Leben, unter Berücksichtung der Dinge die ich durch die Verletzungen eben nicht mehr kann, einzurichten. In den nächsten vier Wochen werde ich versuchen die Weichen dazu zu stellen. Zwischendrin aber bleibt genug Zeit für ein Späßlein hier und da. In weniger als einem Jahr wird meine Beinahemörderin aus dem Gefängnis entlassen. Dann ist Schluss mit Lustig.

Irgendwo habe ich heute Carsten verloren. Endgültig, denke ich. Denn morgen steht eine schwierige Etappe von mindestens 40 Kilometern an, die marschiert werden muss weil es zwischendrin keine Orte gibt, an denen man sich wohl fühlen könnte. Es gibt zwar einen Wirt im nächsten Ort, der Telefonbettelpilger per Auto errettet, wenn sie genug betteln. Aber das war’s dann auch schon. Der Rest geht tapfer in die Einöde - hoffentlich mit genug Wasser, denn ich teile meine Wasservorräte nur sehr ungern - und kommt irgendwann einmal ermattet und staubig aus den Korkeichenfeldern gekrabbelt. Korkeichen sind sehr, sehr wichtige Bäume. Lebenswichtig für mich. Denn ohne Korkeiche kein Kork. Und ohne Kork keinen Wein. Und ohne den… ein nüchterner Bert. Der zwischen ein und vier Uhr durch die Pilgerherbergen pilgert. Wie Indiana Jones. Auf der Suche nach dem verlorenen Schlaf.

Und privat? Och, vorgestern hatte ich es mit einem Mann zu tun, der sich in ähnlichem Grauen wiederfindet wie ich. Ein Helfer. Ein guter Mensch. Dem das Kind getötet wurde. Auf unvorstellbar gemeine Art und Weise. Aber dann... die meisten Morde sind unvorstellbar gemein und herzlos. Ich habe noch nie von einem gut vorstellbaren und netten Mord gehört. Der Vater jedenfalls, der ist seither bitter wie Galle. Und er hat mich in einem kurzen und eigentlich belanglosen Brief mal eben verätzt. Einfach so. Die gefährlichsten Menschen, das sind für mich die, die ihre Worte mit der gleichen Tiefe sprechen können wie ich. Aber anstatt Freundlichkeit und Liebe -- das sind die Dinge, die ich versuche zu verwenden -- traf mich ein Eimer Säure, bestehend aus Bitterkeit und abgrundtiefem Hass. Ich habe heute vierzig Kilometer lang geächzt. Da war kein Licht in mir. Nur Dunkelheit. Es wird Tage dauern bis ich diese Säure von meiner Seele getupft habe. Und es war mir eine Lehre: Sei verdammt vorsichtig wenn Du Ebenbürtige triffst!

Wisst Ihr, ich könnte eine Party oder einen schönen Grillabend mit ein paar Sätzen komplett entstellen. Ich könnte Menschen entsetzen. Zu Tränen rühren. Könnte meine hart gesottenen Eltern mit wenigen Worten zum Weinen bringen. Könnte mich einsam schießen. Und die Welt strafen. Verbrennen. Ihnen das nehmen, was sie so sehr genießen: Sicherheit. Liebe. Zuversicht. Und Hoffnung. Aber zu was dient das?

Hier liegt, glaube ich, der große Unterschied zwischen Überlebenden und Hinterbliebenen eines Kapitalverbechens: Überlebende haben den Hass kennen und fühlen gelernt. Wir waren der Glut des Hasses ausgesetzt und wir fürchten sie mehr als die Menschen, die den Hass zustande gebracht haben. Wir fürchten Hass so sehr, dass wir ihn selber nicht mehr produzieren wollen. Hinterbliebene gehen mit ihrem Hass und Zorn unbedarft um. Sie sehen zwar, was er angerichtet hat. Aber sie verstehen nicht, dass die Quelle ihres Zorns die gleiche ist, die den Täter gespeist hat.

Das Leben, Ihr Lieben, das muss zelebriert werden. Jeder Tag eine kleine Feier. Nur so ehren wir unsere Verstorbenen. Und die Täter strafen wir, in dem wir ein noch besseres, ein sinnvolleres Leben beginnen als es das vor der Gewalttat jemals war. Dann, und nur dann, endet der Verlust, den ein Mord mit sich bringt. Im Grunde ist das in zwei Formeln zu packen: Entweder steht da „Mein Leben“ – „Verlust“ = Ist-Zustand. Oder: „Mein Leben – „Verlust“ + „das was ich Positives daraus machen kann“ = ein sich dynamisch verbessernder Zustand. Davon bin ich noch weit entfernt – aber ich habe zumindest die Fährte aufgenommen!

Im Praktischen sieht das so aus. In den siebziger Jahren fährt ein kleiner Junge im süddeutschen Winnenden mit seinem Kinderfahrrad vom Freibad nach Hause. Ein VW-Käfer kommt, sieht das Kind nicht und fährt es um. Der Junge liegt auf der Straße. Mittelschwer verletzt. Der Autofahrer hilft. Die Passanten helfen. Aber es dauert eine Stunde bis der Rettungswagen kommt. Als der Krankenwagen endlich kommt ist es zu spät. Björn stirbt an einem Schock. Er würde leben, hätte es ein Warnsystem gegeben. Mit dem die Krankenwagen schneller hätten kommen können. Seine Eltern trauern. Komplett überwältigt vom leeren Kinderzimmer. Und dann machen sie etwas, was unser Land, ganz Europa, ja die ganze Welt verändert: Sie schaffen ein Rettungsleitsystem. Gibt es bis dahin gar nicht. Bauen Notrufsäulen an Landstrassen und Autobahnen. Schaffen Rettungshubschrauber an. Heute, dreißig Jahre, nachdem Björn Steiger gestorben ist, ist er lebendiger denn je! Ich schreibe gerade über ihn. Die Zeitungen ebenfalls. Und Millionen Menschen verdanken ihm ihr Leben. Das, Ihr Lieben, ist wie wir mit unseren Verlusten umzugehen haben. Vermisst die Familie Steiger ihren Jungen? Bis heute! Aber er ist nicht umsonst gestorben. Er ist, im Gegenteil, immer noch gegenwärtig. Björn lebt nicht in der Stille. Er fliegt mit jedem Rettungshubschrauber der Deutschen Rettungsflugwacht durch die Luft und war bei jedem Tastendruck an der Autobahn-Notrufsäule gegenwärtig. Seit mehr als dreißig Jahren, täglich wichtiger den je: Björn Steiger und die nach ihm benannte Stiftung.

Das ist das Beste, was aus einem Unglück geschaffen werden kann. Danach sollten wir streben. Da ist das Ende der Trauer und der Beginn des Glücks im Unglück.


5.7. Spanien ist zu mir so, wie ich es erhofft habe: Freundlich, entgegenkommend, lustig, herzlich und bodenständig. Alle Klischees, die ich über die Jahre gepflegt habe, hier darf ich sie finden und miterleben. In 19 Tagen hat mich Deutschland wieder. Auch ein schönes, gutes Land. Und Spanien wohnt in meinem Herzen weiter. Olé! Wer das als zu pauschalisiert empfindet… Ihr Liebe, wir Leben im Zeitalter der Pauschalreisen. Spanien ist, von Bert Simon, pauschal betrachtet, einfach saugut.

Natürlich stehe ich nicht mitten in der Landschaft und trällere das Hohelied der teutonisch-iberischen Liebe. Dazu war es heute einfach zu lang und weilig. Habe mir, während ich durch die einsame Öde stapfte – 40 Kilometer gab es nichts zu sehen, als eine monoton wiederkäuende Landschaft – Gedanken dazu gemacht, warum manche Menschen in ihrer Trauer fest hängen – und sich verdammt noch mal auch nicht aus dieser, ihrer Trauer hinausbewegen wollen.

Das ist, glaube ich, weil Trauer ein natürliches Opiat ist. Ein Suchtmittel. Trauer macht das Schlimme weniger schlimm und das Unerträgliche erträglicher. Trauer schafft Dir eine eigene kleine Welt, in der die Dinge erträglich sind die der Trauernde sonst nicht zu ertragen vermag. In der Trauer darf man Dinge tun, die man nicht tun darf, wenn man nicht trauert. [Huch. Käse zu Ende. Moment… so. Wieder versorgt].

Bis hierher gefolgt? Gut. Denn jetzt wird’s kompliziert: Trauer ist zudem polymorph! Der Gefühlscocktail, der die Trauer bildet, der ändert sich zu jeder Zeit und in jeder Situation. Mal ist Selbstmitleid vorherrschend („Ich kann nie mehr mit ihr sprechen…“, „Ich werde ihn nie wieder sehen…“, „Ich habe mich nicht verabschieden können“. „Ich werde keine Enkel haben“). Dann wieder überwiegt das Mitleid („Wie hat sie nur leiden müssen!“, „Warum darf er nicht weiterleben?“). Dann wieder gewinnt Hass die Oberhand – auf den Täter oder auf die Gesellschaft, die nicht schützte oder nicht mittrauern möchte; auf die Richter, die viel zu sanft verurteilen. Dann folgt Liebe. Dann Einsamkeit. Dann Stolz. Dann… ach, Ihr könnt diese Reihe komplett machen. Ihr wisst, wie Trauer ist. Wir alle haben schon getrauert. Um den Hamster. Die Puppe. Unsere Kindheit, die zu schnell vorbei war. Die Dinge die wir immer tun wollten, aber -- gegen Geld -- verraten haben.

Manche Menschen aber, die wollen aus ihrer Trauer nicht raus, weil die Trauer sie zu etwas Besonderem macht. Man ist ausgesondert aus der Gesellschaft. Und die Gesellschaft nimmt endlich einmal Rücksicht auf einen. Nimmt einen ernst. Dazu nimmt man ein paar Kilo ab. Oder zieht ein besonders trauriges Gesicht. Oder rasiert sich nicht mehr. Menschen, die so trauern dass man es nicht übersehen kann, die tun das aus einem Zweck und nicht aus einer Gefühlslage heraus.

So, die Flasche Wein ist leer. Morgen geht’s weiter. Und übermorgen bin ich in Salamanca. Da nehme ich mir ein Hotel mit WLAN und sende Euch die Geschichte. Danke, dass Ihr so lange auf mich gewartet habt und mir die Treue haltet. Ich fühle mich sehr geehrt und irgendwie habe Eure Aufmerksamkeit gar nicht so richtig verdient, finde ich. Ihr seid einfach nur toll! Danke für Euer Kommen.

 

 

Aktuelle Meldung: Canaveral (8479 km), den 3. Juli 2008

Carsten. Lehrer. Latein. Trier-Kontz. In der Einöde. Die Landschaft bietet sich zum Vokabelnlernen geradezu an...

45 Kilometer wurde der heutige Weg lang. Ein guter Einstieg nach einem guten Ruhetag. Direkt nach meinem Abmarsch aus Cárceres klapperten über uns viele Störche ein freundliches Adios. Nach einer Stunde sahen wir sie in nur rund 60 Meter Entfernung in einem Feld links des Weges bei der Mäuse-, Eidechsen- und Froschjagd wieder. So nahe bin ich Störchen noch nie gekommen! Aber das Federvieh hatte rasch genug von uns, erhob sich schwerfällig um sogleich hinter einem Hügel zu verschwinden und unserem ehrfürchtigen Storchbestaunen ein Ende zu bereiten. Die Zugvögel verzogen sich.

So. Dann begann der anstrengende Teil der Reise. Es ging durch Einöde, die beiderseits des Weges gleich langweilig war. Lediglich vor uns hielt uns ein faszinierender Ausblick auf die nahen Bergketten von Castilla y León wach, der nächsten Region durch die wir uns beissen werden. Schließlich gesellte sich ein Stausee dem bereits sehr ansprechenden Panorama dazu. Tajo heißt er. Und Tacho spricht man ihn aus. Carsten Stiller, mein salsatanzender Lateinlehrer aus Trier-Konz, blieb am von den Römern vor rund 2000 Jahren angelegten Tajo-Stausee in der dortigen Herberge. Ich ging alleine weiter. Pilgern ist ein ständiges Verabschieden und Begrüßen. Schade netter Kerl. Der Carsten. Nach 12 weiteren Kilometern erreichte ich schließlich den Ort Canaveral. Die hiesige Herberge, die zu den Schummerschuppen der Vía de la Plata zählte (schmutzig von der ersten bis zur letzten unterm Dreck vermuteten Fliese) gibt's nicht mehr. Im Nachhinein war man mit Herberge doch besser dran als mit ohne :-) Das Dach war dicht und der Dreck trocken. Man konnte ihn einfach zusammenfegen. Jetzt ist das Dach auch dicht, es gibt kaum Dreck, das Handwaschbecken ist verstopft und Du zahlst 20 Euro. Für die Pension Malaga. Das ist ein schwerer Rückschritt. Aus der Sicht eines Schwaben betrachtet.

Bevor ich mich aber nach „Malaga“ begab, ging ich shoppen. Dieses Vergnügen ist in Spanien schnell bewerkstelligt, denn die Läden sind wenig größer als Telefonzellen. Hier, mitten auf dem Land. Der gute Mann an der Kasse erkannte mich als Pilger. Mein Rucksack verriet mich. Er führte mich zum Weinregal auf dem der Wein für 1.30 Euro geparkt war. Boh. Neee. Nicht heute. Bitte. Ob er auch einen Wein habe der nach Spanien schmecke, fragte ich. Hat er. Lachte er. Auf einem anderen Regal. Ah. Besser. Dieser schreckliche Kelch ist noch einmal an mir vorbei gegangen. Dann erworb ich Wasser – 5 Liter Solan de Cabras, das beste spanische Wasser, das es gibt. Aber wer im Sommer durch die Extremadura wandert, der trinkt jedes mal das beste Wasser, das es gibt. Egal wie es schmeckt. Hauptsache es sättigt. Der Durst ist so grausam manchmal, dass man ihn richtig sättigen muss. Stillen ist ein zu schönes Wort dafür. Zum Wasser gesellte sich meine typische H2O-Melone und eine Dose Oliven. Fertig. 13 Euro abdrücken und … ich lief Carsten in die Arme.

Der Jakobsweg ist ein ständiges Begrüßen und Verabschieden. Ja wo kommst jetzt Du her? Die Pilgerherberge am Tajo-Stausee war dicht und mit großen Schmerzen (seine Achillessehne knarrt und rattert) machte er sich daran die 12 Kilometer nach Malaga zu ertragen. Da, wo ich auch nächtige. Er schaffte es. Aber er hatte arge Probleme. Ja, die Vía de la Plata und ihre Opfer… Was die Füße hier lädiert, das ist der Wassermangel auf der einen und die stundenlange, große Hitze, die von unten auf die Füße einwirkt, auf der anderen Seite.

Wir unterhielten uns während des Einkaufs über die Kühe und den einen riesigen, oder besser monströsen Bullen die alle auf UNSERER Vía de la Plata standen. Die Kühe sind ja noch halbwegs durch „HEIIII und HAAAA“ zu beeindrucken, kullern verschreckt mit den Augen und fangen sofort ganz nervös zu pinkeln an. Bei einem Toro, da möchtest Du Dir solche Anfälle besser verkneifen - es sei denn Du möchtest ausbluten. Diese mächtigen Tiere sind mit Testosteron so voll gepumpt wie sonst nur Tour de France Sieger und sie verstehen auch gar keinen Spaß. Also überließ ich dem Stier freundlich meinen Jakobsweg und wanderte langsam und bedächtig einen gut bemessenen Sicherheitsumweg und schaute weiter auf ein Canaveral das einfach nicht näher kommen wollte.

Hier in der Extremadura siehst Du Deine Ziele schon von weitem. Und Du kommst den Orten scheinbar nicht näher. Wie Ameisen krabbelst Du durch die Landschaft, verbeißt Dich ab und an im mitgenommenen Proviant und zockelst dann weiter auf der Ameisenstraße Santiago, dem Ziel aller Jakobspilger, entgegen. Und während wir hier in Zentralspanien schwitzen und die Sonne unsere Haut versengt, da marschieren die Pilger auf dem Camino Frances im Regen und müssen sich jeden Abend ihre Schuhe trocknen. Gibt es in Spanien eigentlich auch noch normales Wetter. So wie in Wanne-Eickel?

 

 

Aktuelle Meldung: Cárceres (8434 km), den 2. Juli 2008

29.6. Merida (30 km) - 30.6. Alcuéscar (37 km) - 1.7. Cárceres (39 km)

Und dann fiel das 1:0 - und alles feierte. Zurecht.

Am Morgen des 3. Juli: Bin am Packen. Wie jeden Morgen. Viel habe ich nicht. Mein Hab und Gut verteilt sich auf derzeit acht Kilogramm. Eigentlich habe ich gar keine Zeit noch lange zu schreiben. Draussen ist es kühl und dunkel. In zehn Minuten, der Morgen wird dann grauen, werde ich meinen Rucksack schultern und dann greife ich die restlichen 700 Kilometern nach Santiago an. 50 Kilometer wäre natürlich ein guter Auftakt ;-) Euch daheim wünsche ich einen tollen und erholsamen Tag. Ich melde mich, wenn ich wieder kann. Einfach wieder vorbeischauen.

2.7.: Heute, an meinem Ruhetag, habe ich wieder mal ein wenig Zeit zu denken. Und ich denke immer noch sehr oft über Leben und Tod, Sterben und Gehenlassen nach. Wie könnte ich das auch nicht. Vorweg aber noch einmal das Buch, das ich vor ein paar Wochen hier empfohlen habe. Einige von Euch haben darum geben, dass ich den Titel bitte nochmal wiederholen wolle. Also, das Buch heisst Dienstags bei Morrie und wurde vor etwas mehr als zehn Jahren von Mitch Albom geschrieben. Es ist unermesslich wertvoll, gerade weil es die vermeintliche "Tiefe" vermissen lässt, die andere Bücher über das Thema Leben und Sterben oft wortreich an den Tag legen. Es ist erfreulich unesoterisch, einfach, freundlich und wissenschaftlich - und taucht nicht in Tiefen die kein Mensch jemals gesehen hat und dann noch darüber berichtet hätte können. Es ist sinnlos über den Tod zu spekulieren. Denn der Tod ist wortlose Stille - und aus der kann mein kein Buch schreiben.

Ganz anders das Leben: Schreiben kann man zum Beispiel über den Jakobsweg. Das ist eine nie enden wollende Fundgrube kleinerer und gröberer Absurditäten. Hape Kerkeling ist in aller Munde und es vergeht kein Tag, an dem nicht irgend einer seinen Namen nennt. Es ist der Camino Kerkeling geworden. Wobei ich das Buch nicht schlecht finde. Sondern ganz gelungen. Es gibt den Weg so wieder, wie er ist - und von den meisten Pilgern auch erlebt wird. Unprätentiös. Ehrlich. Per Anhalter.

Vor ein paar Tagen von Almendralejo losmarschiert, ging es erst einmal in die Römerstadt Mérida. Da meine Füße Auflösungserscheinungen zeigen, hoppelte ich nicht über die Schotterwege am Rande sondern marschierte am Rande der unbefahrenen Nationalstraße 630. Während ich mich unten abmühte, flogen über mir die Störche in lautlosen, großen Kreisen. Mühelos. Neugierig. Und müde vom Nachwuchsaufziehen. Die kleinen Störche hocken mittlerweile gut sichtbar in ihren Nestern und werden wohl bald das erste Mal fliegen müssen. Das wird ihnen Angst machen. Lernen kann Angst machen. Und bevor sie in ein paar Monaten auf großen Schwingen nach Afrika fliegen, geht es erst einmal richtig abwärts. Über die Nestkante. Und wie!

Und da heute Ruhetag ist, hat sich das Wetter ebenfalls beruhigt und eine schützende Wolkendecke ist aufgezogen - um all diejenigen zu schützen, die wandern. Wozu ich nicht zähle. Die Spanier unterdess ziehen ihre Siesta gnadenlos durch. Siesta bedeutet, dass man ermattet in der Ecke liegt und döst. Und wenn es aber nicht heiss ist? Dann wird eben so getan, als sei es heiss. Und in der simulierten Mittagshitze, da haben die Geschäfte geschlossen und die Menschen stöhnen in ihren verdunkelten Wohnungen. Auch wenn es draussen wunderbar temperiertes Wetter ist. Das ist wie bei Phantomschmerzen - die Hitze ist zwar weg, tut aber trotzdem noch ganz arg weh. :-)

Ich habe mich gerade von der Plaza in mein Zimmer zurückgezogen und arbeite nun an einer Flasche 1997er Vinas del Vero - einem Hochrisikowein. Was vor elf Jahren gewachsen ist, das muss nicht immer gut sein. Heute. Wenn man den Korken zieht. Aber der Wein lässt sich durchaus noch trinken. Nur ein Geschmackserlebnis ist er nicht mehr. Bissel korkig. Bissel jauchig. Und nachdem ich nun ein Glas getrunken habe schwöre ich, dass ich nie wieder ein Glas davon anrühren werde. Wenn die Flasche alle ist. Das ist einer der eher grausigen Stoffe aus dem Jahr 1997 die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Das möchte ich aber nicht der Winzerei anlasten. Wer weiss schon, wo die Flasche in den letzten 11 Jahren überall rumgegurkt ist?

Während draussen die Sonne sinkt, klappern die Störche sich ein herzliches Hallo. Habe mir das heute ein wenig angeschaut. Störche, der unser Vogel des Jahres 1984 und 1994 war, scheinen immer dann zu klappern, wenn sie sich Abends im Nest begrüssen. Weltweit sollen derzeit 230.000 Brutpaare vorhanden sein. Die meisten davon leben - abgesehen von ihren winterlichen Afrikaurlauben - in Polen. Merwürdiger weise hat sich Spanien in den letzten Jahren so sehr erhitzt, dass die Störche hier bleiben und nicht mehr nach Afrika weiter ziehen.

 

1. Juli 2008: Bin wieder online und melde mich aus der Stadt der Störche. Überall auf den Dächern hier hocken sie, die Klapperer. Hunderte davon. Die Stadt Cárceres ist stolz auf ihre langbeinigen Untermieter. Die Störche sind friedlich, mögen es allerdings gar nicht wenn Du unter ihrem Nest stehen bleibst. Da werden sie ganz nervös und fliegen irgendwann erste Aufklärungsrunden. Gleich nachher werde ich Euch schreiben, was so alles geschehen ist in den letzten Tagen. Und es wird neue Bilder geben - und neue Geschichten vom Jakobsweg. Und einen Ruhetag auch. Morgen nämlich. Und einen Rückflug habe ich auch schon gebucht - am 24. Juli fliege ich von Santiago retour nach Deutschland...

Bevor ich allerdings in einen Jet der Ryan Air steige (ich habe mir erlaubt, einmal die Briten auszuprobieren) habe ich noch 700 Kilometer zu erwandern. und damit das auch ganz reibungslos klappt habe ich mir für morgen einen Ruhetag gegönnt. Natürlich nicht freiwillig. Ich habe eine Infektion am linken Großzehen. Aber eine die sich gewaschen hat! Und weil ich, reflektorisch, den Zeh beim Wandern beim Abrollen schütze, hat sich die komplette rechte Ferse geöffnet. Und da ich nicht noch eine weitere Infektion riskieren möchte, werde ich die Schwachstellen morgen austrocknen und flicken.

Die Spanier feiern noch immer ihren verdienten Europameistertitel. Fröhlich, fair und freundlich. Das Finale, das ich in der ersten Halbzeit in einer Bar in Mérida angesehen habe war toll. Und weil ich (armer Deutscher) bereits 0:1 hinten lag wurde mir der Salat, den ich während des Spiels aß, gestiftet. "Heute wird nicht bezahlt", meinte der Wirt. Und so, wie ich - und viele von Euch sicher auch - es vorausgesagt haben: Guter Fußball mit einer klar besseren spanischen Mannschaft. Und die Spanier haben lange warten müssen. Das letzte Mal haben sie 1964 díe Europameisterschaften im Fußball gewonnen. Umso größer also der Jubel im Land von Tango und Tapas.

 

 

Aktuelle Meldung: Almendralejo (8328 km), den 28. Juni 2008

Da musste ich mal schnell zur Seite. Weil diese Tiere manchmal sehr schreckhaft sind. Und ich auch.

Am Morgen des 29. Juni 2008: Heute ist der Tag der Tage. Deutschland gegen Spanien. Ich werde mich jetzt auf die Socken machen. In 28 Kilometern liegt die römische Stadt Mérida. Ich  werde, wenn alles gut geht, dort übernachten - dann bekomme ich ein wenig die Stimmung mit, die sicherlich überkochen wird, wenn Spanien das Spiel gewinnt. Und ich kann untertauchen, sollte sich Deutschland wieder einmal Durchschlingeln. :-) Ich denke, dass ich mich später wieder melden werde und wenn nicht, dann ganz sicher in den nächsten Tagen. Die Extremadura - und das Lehmland, durch das ich jetzt wandere ('los Barros' bedeutet 'Lehm') sind nicht so reichlich mit Internet versorgt - zwei mal hintereinander online zu gehen... das ist, wie wenn wir heute fünf-null gewinnen. Unwahrscheinlich.

Ich denke, wir sollten es einfach halten wie Abwehrspieler Toni Pfeffer. Die 5:0 Rücklage seiner österreichischen Nationalmannschaft gegen Spanien im EM-Qualifikationsspiel von 1999 (Endstand 9:0) kommentierte er mit einem trockenen "Hoch gwinn' wer ma nimmer": :-)

28.6. Da bin ich schon wieder! Neben der Strecke. Und beinahe neben der Kappe. Eigentlich wollte ich wegen der Mörderhitze schon nach 20 Kilometern das Wandern einstellen und ruhen. Aber dann war die Herberge geschlossen. Kein Wasser bekommen. In der sieben Kilometer entfernten Stadt Villafranca de los Barros zwar Wasser bekommen. Aber kein Obdach. Weil drei Hochzeiten die Hotels ausgebucht hatten. Als Obdachloser weitermarschiert - 18 Kilometer nach Almendralejo. Hier gibt's ein Hotel. Das Hotel Espana. Das mich haben wollte. Und wie es der Zufall so will haben die auch noch WLAN. Und somit kann ich Euch heute berichten, was alles so in meinem Kopf vorgegangen ist während er gekocht wurde.

Zuerst einmal haderte ich mit meinen eigenen unwichtigen Problemen. Gestern hatte ich beschlossen, den allabendlichen Weinkonsum einfach mal ausffallen zu lassen. Wein ist für mich ein reines Anästhetikum. Ich werde nicht aggressiv. Nicht munter. Nicht redseelig. Ich werde einfach nur müde und falle nach hinten um. Ich brauche ihn um in den Schlaf zu finden. Entweder Wein. Oder Pillen. Und da ich Pillen nicht mag (ich  habe noch keinen guten Jahrgang erwischt) eben Vino. Ergebnis: Ich lag bis kurz vor vier Uhr wach, schlief zwei Stunden und stand um sechs Uhr wieder auf. Ohne ein paar Gläser Beruhigung geht komme ich einfach nicht aus meiner geistigen Tretmühle heraus. Das wusste ich aber schon vorher. Warum also wider besseres Wissen probiert? Vermutlich um nachher sauer auf mich zu sein. Und so war ich sauer auf mich. Und auf halb Spanien. Erstens weil die Leute keine Kneipe offen hatten, um mir einen Kaffee zu brühen. Der Weg nicht sauber ausgeschildert war. Überall Müll rumlag. Die Leute zu laut redeten. Oder zu viel Spanisch. Es gibt herrlich dumme Gründe, sauer zu sein. Wenn man möchte. Und dann, dann benutzte ich einen Trick den mir Morrie beigebracht hat: Ich fühlte mich durch mein Sauersein ganz hindurch - und distanzierte mich davon.

Ab dann schien wieder die Sonne - als wenn sie das nicht die ganze Zeit über schon getan hätte - und die Temperaturen stiegen in lebensbedrohliche Bereiche. In den hiesigen Regionen ist zwischen 12.00 Uhr und 18.00 Uhr niemand auf der Straße, wenn er nicht mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen wird. Selbst die Hofhunde bellen mich aus ihren Hundehütten faul und despektierlich an. Diogenes schließlich würde Alexander bitten, genau da bitteschön in der Sonne stehen zu bleiben. Denn so eine Tonne, die wird in Griechenland längst nicht so scheißeheiß wie hier. In der Extremadura.

 

 

Aktuelle Meldung: Zafra (8290 km), den 27. Juni 2008

23.6. Astorga/Sevilla (20 km) - 24.6. Castilblanco de los Arroyos (44 km) – 25.6. Almaden de la Plata (31 km) – 26.6. Monasterio (39 km) – 27.6. Zafra (48 km)

Spiegelungen, Säulen und gezielte Verwacklung in der Kathedrale zu León.Kurz das Aktuellste vorweg (am 27.6. in Zafra): Heute haben wir „Hitzealarm“ in den Zeitungen. Die Temperaturen kletterten auf über 42 Grad im Schatten, stellenweise 44 Grad, während ich mich an meinen 48 Kilometern abmühte die gerade zu Ende gegangen sind. Aber wieso eigentlich Alarm? Vorsicht! Hitze!? Die Leute werden das schon selber sehr schnell merken wenn sie die Türe aufmachen und ihnen die 42 Grad ins Gesicht fahren wie ein Flammenwerfer. Aber naja, Zeitungen müssen halt geschrieben und verkauft werden. Und da ist jede Nachricht recht. So und nun was sich ereignete in den öden Weiten des Universums und sonst wo:

Wieso schreibt er nicht mehr, der Bert Simon? Weil ich jetzt im Süden, auf der Vía de la Plata, im und durchs Nichts marschiere. Bin, um das kurz zu rekapitulieren, am 23.6. um 14.00 Uhr viel zu schnell in Astorga angekommen. Zu schnell, weil ich weiß, wie viel schwieriger die Vía de la Plata zu gehen ist. Vor allem im Sommer. Und der ist jetzt. Bin also zur Bushaltestelle gelaufen. Auf dem Weg noch schnell den Gaudi-Palast fotografiert (Fotoalbum) und habe um 15.35 Uhr den Bus nach Madrid genommen. Sitzplatz 54. Ganz hinten. Mir war nach einer halben Stunde und dann die ganze Zeit schlecht. Im Bus. Aber ich habe mich nicht getraut zu kotzen. Um 19.30 Uhr am Busbahnhof Madrid angekommen. Metro zur Atocha Station genommen (in der El-Qaida die vier Metro-Bahnen sprengte, wir erinnern uns). Dort einen AVE Hochgeschwindigkeitszug der Serie 100 um 21.00 Uhr erwischt und um 23.30 Uhr in Sevilla ankommen sollen. Erster Klasse immerhin. Denn die Preise bei AVE unterscheiden sich nur geringfügig – zweite Klasse 80, erste Klasse 112. Dafür bekommst Du in der ersten Klasse allerdings mehr geboten als nur lakonisches Fahrkartenabknipsen a la Bundesbahn. Zuerst einmal gibt es eine Lounge mit Snacks und Getränken und netten Hostessen. Es gibt viel mehr Platz und Knopfhörer. Dann ein frisch gebrühtes Erfrischungstuch (Vorsicht! Heiß!). Dann gibt es ein Begrüßungsgetränk. Hernach wird ein dreigängiges Abendessen serviert (kein Scherz - drei Gänge, ich habe nachgezählt!). Dazu gibt es frische Brötchen. Sowie ein oder zwei Fläschchen ansehnlichen Wein -- ich hatte zwei kleine Fläschchen Banda Azul – Marco F. Du kennst den noch, gell? :-) – Gut gefrühstückt kamen wir zehn Minuten zu früh, um 23.20 Uhr in den Bahnhof eingerollt. Bin dann, ganz dienstbefliessen, aus dem Bahnhof rausgewandert. 10 Minuten durch die 28 Grad warme Nacht gehuscht (Panik in den Augen, Gänsehaut im Genick) und in der nächsten Pension für 35 Euro die Nacht im klimatisierten Doppelzimmer untergekommen. Gut geruht.

Am nächsten Tag gabs dann katholisches Theater an der Kathedrale: Die Touristen, die dürfen um 11.00 Uhr in die Kathedrale einfallen. Die Kathedrale ist das drittgrößte Gotteshaus Europas und, so mein Empfinden, auch eine überaus hässliche Kirche. Christopher Columbus liegt dort begraben. Das nur eine Merkwürdigkeit am Rande. Während die Touristen also ab 11.00 Uhr die Kirche bestaunen, bekommen die Pilger erst ab 11.30 Uhr ihren Stempel in den Pilgerpass. Was dumm ist, da Pilger ja nicht aus einer Bar kommen und dann wieder in eine Bar zurückkehren, sondern loswandern wollen. Ab. Auf die Vía de la Plata. In die Hitze Andalusiens. Durch die Einöde die sich direkt hinter Spaniens definitiv schönster Stadt erstreckt.

Schließlich kam er der Priester, hinter ihm ein Mann, der seine Verkleidung trug. Gold und Brokat. Um die armen Seelen zu beeindrucken, die im Halbdunkel kauern und sich Erlösung erhoffen. Wenns nach den armen Seelen geht, dann wollen die übrigens gar nicht weniger sündigen sondern, wenns geht, lieber ein bissel mehr erlöst werden. Wieso kann man einen Gottesdienst eigentlich nicht in einem schlichten dunkelgrauen Anzug abhalten? Ich kassierte jedenfalls meinen Stempel und marschierte ab. 39 Grad im Schatten hatten sich wie ein schlechter Gast angesagt. Und ich wurde den Gast auch nicht mehr los. Bis zum bitteren Ende des Marschtages. Bis nach Castilblanco.

CCL-Pilger (Café con Leche Pilger) brauchen hier erst gar nicht mit Fußschmerzen und sonstigem Tralala ankommen. Die Strecken der Vía de la Plata sind beinhart, lang, heiß und gnadenlos einsam. Sie geißeln Dich! Diese Strecken. Mich auch. Busse und Taxis fahren hier auch nicht. Nicht einmal Autos. Die erste Strecke führte mich vorsichtige 44 Kilometer von meinem Hotel über die Kathedrale nach Castilblanco de la Irgendwas. Und der nächste Tag, der spült den geneigten Pilger durch die in blanker Hitze erstarrte Sierra del Norte de Sevilla. Wer hier über Blasen jammert, der kann sich die Energie sparen. „Die nächsten 20 Kilometer kein Wasser!“ steht im Reiseführer. Und, nein, auch keinen Café con Leche. Und es gibt auch niemanden den das Gejammer groß interessiert, denn am Abend wird in den Herbergen auffallend wenig geredet. Man ist freundlich miteinander. Und gemeinsam kaputt. Hier wandern im Sommer die, die schon so ziemlich alles andere abmarschiert haben und auch ein wenig die Einsamkeit suchen. Aber keine Bange: Alle paar Kilometer, da kommt irgendwas. Um Dich, den einsamen Wanderer, aufzuheitern. Ein Zaun meistens. Oder ein Weidetor. Aber so ein Zaun, das ist keine Lösung für eine leere Wasserflasche oder kaputte Füße. Wer hier, im iberischen Glutofen nicht mehr kann, der sollte auch nicht mehr wollen!

Nehmt meine Wäsche beispielsweise: die habe ich vor einer halben Stunde gewaschen, dann draußen in die Sonne gehängt. Und die ist jetzt knochentrocken. Aber ich lasse sie noch hängen, da wir draußen auf dem Hof in Koexistenz mit rund einhundert ein- und ausfliegenden Wespen leben. Die armen Fliegeviecher ignorieren uns allerdings, denn sie wollen nur an den tropfenden Wasserhähnen trinken um nicht zu verdursten.

Ich habe vor ein paar Stunden eine Wassermelone gefuttert. 7 Kilo das Ding (€ 4,70)! Und wie oft war ich pinkeln? Null! Nichts! Das Wasser, das ich auf den heutigen 31 Kilometern verloren habe, das hat sich mein Körper nun durch die Wassermelone zurückgeholt. So ist das hier. Im Frühsommer. Und morgen sollen es 43 Grad werden. Meine Mitpilger machen sich Sorgen und haben ihre heutige Tagesetappe auf 17 Kilometer zusammengestrichen. Ich hänge noch eine 21 Kilometer Etappe dran und werde es bis nach Monasterio schaffen. So oder so.

Ich stehe also zu normaler Zeit auf – was bedeutet, dass ich ab drei Uhr wach liege und um sechs Uhr aufstehe – und gehe gegen sieben Uhr auf die Strecke. Die Hitze der Sonne heizt meinen Körper langsam auf und gegen zwei Uhr beträgt meine Körpertemperatur knapp 40 Grad. Ab dann kann ich Leistung bringen ohne Ende. Ich merke allerdings, dass ich mich an die Hitze noch nicht ganz gewöhnt habe: Meine Hände verkrampfen beim Tippen andauernd. Das ist noch nicht gut, denn es zeigt, dass das Nervensystem die Hitze noch nicht akzeptiert. Du und die Hitze müssen eins werden. Das ist gar nicht so schwierig. Es ist so heiss, dass Du manchmal denkst, es ist nicht Schweiss, der da tropft sondern schmelzende Haut. Du fühlst Dich an, wie Du schmilzt. Ganz besonders brutal wird die Hitze zwischen drei und vier Uhr Nachmittags. Das ist die Zeit, in der Du kaum atmen kannst, weil die Luft in der Sonne auf über 60 Grad aufgeheitzt ist. Echte Wüstenglut ist ein wirklich gewaltiges Naturereignis. Die Natur knackt und knistert und stirbt den Hitzetod.

Heute auf dem Weg von Irgendwo nach hier (Monasterio) dann eine mittelprächtige Katastrophe: Ich erwischte schlechtes Wasser! Das merkte ich sofort, als ich den ersten Liter intus hatte: Mein Magen begann zu grummeln und dann hieß es ab in den Graben. Durchfall. Und wie. Stundenlang waren keine Autos an mir vorbeigefahren. Also war es sowieso wurst wo ich es laufen ließ. Denkste. Nach ein paar Sekunden fuhr das erste Auto an mir vorüber. Ein Holländer. Der guckte nicht schlecht. Als wenn er noch nie einen blanken Hintern gesehen hätte. Ich guckte gar nicht, sondern konzentrierte mich damit fertig zu werden. Denn ich hatte jetzt ein Problem: Schlechtes Wasser das Durchfall hervorruft. Bei 43 Grad im Schatten und 10 Kilometer im Umkreis nichts als weiteres schlechtes Wasser das warm in Tümpeln steht… das ist eine leichte Kathastrophe. Wenn ich Wasser trinke gibt’s mehr Durchfall. Wenn ich kein Wasser trinke schaffe ich es nicht bis in den nächsten Ort. Also Hintern zusammenkneifen und durch! Ich schaffte es – mit dem Mute der Verzweiflung und der Hoffnung auf ein Klo, in das ich explodieren darf. Ohne fliegende Holländer.

Auf dem Pass, der Monasterio vorgelagert ist, stehen kirchliche Gebäude, die mich zum Denken anregten: Da waren doch mal drei Weise aus dem Morgenland. Die wollten zum Neugeborenen Jesuskindlein. Also folgten sie dem Stern, der sie zu dem Baby leiten würde und brachten mit sich Windeln, Honig und einen Strampelanzug?! Nein. Sie brachten Gold, Weihrauch und Myrrhe. Hach. Männer. Gut, dass sie nicht Schraubzwinge, Bier und BILD mitgebracht haben. Schon damals waren die Weisen so weit weg von der Weisheit wie das Jesuskindlein zu Beginn ihrer Reise. Sie wären mit ihrem Geraffel besser im Morgenland geblieben. Myrrhe?! Haben die eine Ahnung wie die Körner in der Krippe pieksen? An dem Hang der Weisen zu Macht und Reichtum hat sich bis heute nichts geändert. Ah, sagt Ihr, die Weisen wussten doch, dass Jesus Gottes Sohn war und wollten ihm ganz etwas wertvolles mitbringseln. Ja Himmilherrgatt – warum bringen sie dem dann Gold mit? Wenn Jesus Weltensohn genannt wird und er der ist, der die Weisen glauben dass er ist, dann ist Gold so wertvoll wie Kiesel für ihn - denn er hat beides geschaffen. Aber so was leuchtet einem erst dann ein, wenn man, durch Durchfall auf nahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, über die Vía de la Plata fegt.

Jetzt ist Abend und der Spanier schaut sich sein Fußballspiel an. Espania – Rusia. Was für ein Knaller. Gestern war die Bar hingegen leer. Keine Sau schaute. Kein Wunder. Die Säue werden hier ja auch nur für ihre Ärsche, pardon Schinken, gehalten, Das ist ganz schön herb hier: In jeder Bar hängen diese Jamones von der Decke, abgetrennte Schweinehinterläufe samt Arsch die zwei Jahre eingesalzen in der Luft getrocknet werden. Und dann noch ein paar Monate im Zigarettenqualm der Bars hängen. Danach werden die Schinken hauchfein aufgeschnitten und serviert. Für mich ist das Fußballspiel eine Zumutung, denn der Sender Cuatro überträgt. Und das Logo des Senders – und das machen die auch alle paar Minuten – ist tropfendes Blut. Ich nehme mal an, dass das mit dem Lied aus dem spanischen Bürgerkrieg Los cuatro Generales zusammenhängt, so ein infantiler Revolutionssong starker Männer. Das Paradoxum: Immer wenn es den Menschen nach besseren Lebensverhältnissen dürstet, zieht er in den Krieg. Und immer wenn ein Tor fällt grölt der Schuppen. Und immer wenn ein Spanier fällt ebenfalls.

Beim Wandern in der Extremadura, so heißt die Landschaft in der ich nun unterwegs bin, gibt es hin und wieder noch Überbleibsel alter Wasserläufe oder, schlimmer, Teiche. Diese konzentrierte Kloake ist so beissend, dass man das Trinken vermutlich überlebt. Das Riechenmüssen allerdings ist tödlich! Wandern in den Weiten der Extremadura, die so groß ist wie die Schweiz und nur eine Million Menschen beherbergt, ist problematisch. Denn in der Einsamkeit (und dadurch ausgelöster Langeweile) wiegt jeder Schritt eben ein Schritt. Du kannst ihn Dir nicht durch Ablenkung erleichtern. Es gibt einfach gar nichts, was Dich von Dir ablenken könnte. Und auch nicht von Mitpilgern. In Castiloblanco hatte ich einen liebenswerten Mallorquiner oder wie man die nennt. Er berichtete mir alles mögliche. Das er Nachts wandere. Bei der Hitze (die da noch gar nicht so heiss war wie heute die). Und dass das ja gut möglich sei beio Vollmond. Bei Vollmond? Hä?! Ich nickte artig. Unser Mond ist nicht mal mehr halb und nimmt ab und der sieht ihn voll? Was für Zeug nimmt denn der? Dachte ich so bei mir. Und am Morgen, da ging ich auf den Balkon um meine getrockneten Klamotten zu holen und er baut sich gerade a.) eine Tüte (nein, hier meine ich nicht zum Einkaufen) und b.) versteckte  schnell... Kanülen! Ja leckscht mich am Ärschle. Ich habe mich dann recht schnell aus der Pilgerherberge verzogen. Es gibt nicht arg viel Schlimmeres, als im Ausland mit Drogen oder in der Nähe von Drogen erwischt zu werden. 

So, es ist spät geworden! 9.30 Uhr am Morgen! Ich eile nun hinaus in das, was die Meteorologen als gefährlichen Tag bezeichnen. Vielleicht werfe ich ja schon nach zwanzig Kilometern das Handtuch. Aber ich bezweifle es. So wie ich mich kenne. Ich gebe keinen Kilometer preis! :-)

 

 

Aktuelle Meldung: Hospital de Órbigo (8108 km), den 22. Juni 2008

Beim Wandern kurz nach Liévans schnell mal den Selbstauslöser bedient.

Ganz kurz nur - bevor mich die Hospitalera hinauswirft: Ich bin nun unterwegs nach Astorga und werde mich auf der Strecke noch einmal melden - wenn das möglich ist :-) Bis später!

Nach vorsichtigen 52 Kilometern bin ich soeben in Hospital de Órbigo angekommen. Vorsichtig deshalb, da die Temperaturen in der Sonne sehr hoch waren (ca. 50 Grad). Wer nicht langsam tut, der riskiert nicht nur Hitzschlag sondern auch  Entzuendungen der Sehnenscheiden. Diese sind meist auf zu wenig Fluessigkeit im Koerper zurueckzufuehren. Wenn Ihr lange und gut marschieren moechte dann trinkt viel und benutzt Wasser aus Kanaelen um Euch zu kuehlen (damit der Koerper nicht so viel Schweiss aussondern muss). Heute war zudem meiner letzter Tag auf dem Camino Frances, der Pilgerautobahn nach Santiago. Morgen marschiere ich in aller Herrgottsfruehe nach Astorga und biege umgehend (nach links) auf die Via de la Plata ab, die Silberstrasse. Es wird heisser, einsamer und auch viel spanischer, da die Strecke - vor allem jetzt im Sommer - nur von wenigen Pilgern begangen wird: Temperaturen von 40 Grad im Schatten sind keine Seltenheit und bei diesen Temperaturen wird selbst das Schlafen problematisch: die Naechte kuehlen kaum ab und die Spanier sind erst ab 22.00 Uhr auf der Strasse. Wie schoen fuer mich. Ich liebe die Hitze. Je heisser desto besser! So, und da es heute ein langer Tag war - und morgen ein langer Tag werden wird haue ich mich nun aufs Ohr.

Euch daheim einen schoenen Rest-Sonntag und bis Morgen!

 

 

Aktuelle Meldung: Mansilla (8056 km), den 21. Juni 2008

Tourilger beim Packen. Die Nacht 7 Euro, das Frühstück 2,50 - Reisen zu Pilgerpreisen.

Angekommen! Und Amerikaner in der Herberge. Immer ein Knaller! Muss man gucken. Gerade machen die zwei amerikanischen Mädels Nachtisch. Man nehme so man hat: 500 Gramm Kuvertüre am Stück. 300 Milliliter gezuckerte Kondensmilch. 100 Gramm Butter. (Amerikanerinnen. Beim Zubereiten ihrer Nahrung. Habe ich doch erwähnt, oder?). Noch ein bisschen Zucker. 150 Gramm gehackte Nüsse. 100 Gramm Kokosnuss. Seit zehn Minuten orgelt das Ding nun in der Mikrowelle. Die Schokolade (ein ganzer Klumpen am Stück) will nicht schmelzen. Auch nicht unter Androhung von Invasionen, Bombenteppichen oder sonstiger Gewalt. Mittlerweile sinkt die Stimmung. Der Krieg gegen den Schokoklumpen ist anscheinend nicht zu gewinnen. Trotzdem wird weiter gewurstelt. Klumpen raus aus der Welle. Schnell ein „Wow“ und „Yeah“ eingeschoben. So. Nun wieder rein in die Mikrowelle. (Ich berichte live. Habe ich erwähnt, dass es Amerikanerinnen sind?). Irgendwie sieht das Zeug nun aus wie eine Fangopackung. Von der Hitze her dürfte das auch stimmen. So nun wird der Fango in eine Form gegossen. Gott ist das Zeug eklig. Die eine Amerikanerin findet schon dass das alles in den Ausguss geschüttet gehört. Finde ich auch. Aber anstatt in den Ausguss stellen die das ins Eisfach. Cool. Danach sollen alle Pilger gefrorene Butter mit Kondensmilch und teilweise zerlassenem, teilweise böswillig klein gehacktem Schokoklumpen essen. Sorry, Barbies, aber ich passe! Wirklich! No, thank you. No Fango für mich.

Am Morgen geschrieben: Wie die Tourilger zu ihrem Namen kamen… So, nun muss ich Euch noch den Rest der Geschichte hier erzählen. Hier in Sahagun, aus dem ich gleich aufbreche. Die 15 Pilger, das sind zwei Gruppen. Die einen zu Rad, die anderen zu Fuß. Wandern ohne ein Auto aber, das ist schwierig. Und so haben die Leute Gepäck dabei, dass es beinahe so ausschaut als hätten sie ihre Häuser ausgeräumt und mit auf die Strecke genommen. Selbst diejenigen, die ganz dienstbeflissen tagsüber ihren winzigen Rucksack über die Piste schieben, die reisen tatsächlich mit dem guten Gefühl im Rücken abends auf ihren Reisehausrat zurückgreifen zu können. Töpfe. Pfannen. Sogar ihr eigenes Geschirrspülmittel haben die dabei. Und Radio. Und kleiner Fernseher für die EM. Nicht etwa Mangel, Entbehrung und Ruhe vom Konsum sind Kern ihrer Sache, sondern ein Urlaub im Pilgerbudget. „Tourilger“ nennt der hiesige Hospitalero diese Pilgerheimer und lacht ein wenig. Peinlich berührt. „Was willste Machen?“ Habe ich auch keine Ahnung. Ich halte mich von den Leuten fern. Wie von den meisten Leuten. Auf dem Jakobsweg. Es sind Blender und nicht mal richtig gute. Richtig gute Blender stellen ihr Auto nicht auf den Hof sondern zwei, drei Straßen weiter und machen wenigstens vorher ihre Schuhe staubig bevor sie in die Herberge kommen um ein bisserl Pilger zu spielen :-)

Bei mir ist unterdessen der Pilgernotstand ausgebrochen: Die Filiale der Deutschen Bank befindet sich in Leon und ich habe noch ganze 18 Euro Barmittel im Sack. Minus 2,50 Euro fürs Desayuno (spanisch für Frühstück) und ich bin bei 15.50!!! Uaaaaah. Ich werde verhungern. Und verdursten. Sie werden mir eines dieser üblen Kreuze an den Weg stellen auf dem die frommen Pilger auf ihrem Weg zur nächsten Bushaltestelle Steine ablegen. Meine abendliche Flasche Wein rückt in weite Ferne. Mal sehen. Vielleicht klaue ich ein paar Schuhe und verkaufe diese den Beklauten zurück. Niemand ist so froh, seine alten, eingelaufenen Schuhe wiederzusehen wie ein Pilger. Glaubt mir das. Ich habe es erlebt. :-) Scherz beiseite: Ich bin Schwabe und werde mich bis morgen durchkratzen, wenn's sein muss. Die 20 Euro Gebühren kann ich mir nicht nur sparen, die muss ich sparen! Amen. :-)

 

 

Aktuelle Meldung: Sahagun (8018 km), den 20. Juni 2008

Kurz nachdem die Sonne aufging wanderte ich an einem Kanal entlang. Das Wasser dampfte. Kein Lufthauch störte die Stille. Der Morgen war perfekt.

Angekommen. Bin angekommen. In Sahagun. Der Tag war lang und weilig. Weil es über eine Ebene ging, die gar nicht enden wollte. Du hattest den Eindruck, dass Du in ein paar Kilometern über die Erdkante fallen wirst. Ebene bis zum Ende. Deshalb sind auch viele der CCLP (Cafe con Leche - Pilger) per Bus nach Leon vorgefahren. In Leon findet ab heute ein Festival statt. Das ist ein guter Grund. Für die CCLPs. Deshalb haben sie auch nicht die fiesen kleinen schwarzen Fliegen kennen gelernt, die Deinen Kopf umschwärmen und die ganze Zeit in Deine Augen fliegen wollen. Also setzte ich um sieben Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, meine Gletscherbrille auf und tastete mich fortan durch das künstliche Halbdunkel gen Santiago. Hauptsache keine kleinen Fliegen im Auge. Die brennen nämlich beim Sterben. Schließlich, um ein Uhr Nachmittags, kam mir der Wind zur Hilfe. Und sobald ein noch so kleiner Wind weht, müssen die Fliegen weichen. Weil sie allesamt grosse Schwächlinge sind. Ich haue mich nun aufs Ohr, da ich heute 42 Kilometer lang Durchfall hatte und dementsprechend ausgelaugt bin. Morgen geht es weiter! Ich möchte ganz gerne so nahe wie möglich an die Großstadt Leon heranmarschieren. Übermorgen marschiere ich dann nach Leon und habe mit der Vormittagssonne die wunderbare Gelegenheit von den 125, knapp 2000 Quadratmeter großen Kirchenfenstern tolle Aufnahmen für Euch zu machen. Für mich ist die Kathedrale zu Leon eine der schönsten Großkirchen Europas - auch wenn sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts beinahe eingestürzt wäre weil man die Kirche zu schön und zu grazil bauen wollte... 

Von der Strecke: Na da habe ich mich aber geirrt, gell? Portugal raus, Deutschland weiter? Ist das wirklich so. Oder hatten wir hier in Spanien nur eine Bildstörung? Zudem schaute ich noch einmal genau meine Weinflasche an. Ich war immer noch beim ersten Glas! Das konnte es also auch nicht sein. Ich bin mir sicher, dass das Deutsche Team ("Deutschland") sofort wieder zum Titelfavoriten gekürt wird. Sofort. Wieder. Vergessen der Krampf, den die Burschen die vergangenen zwei Spiele abgeliefert haben. Wir sind die besten der Welt! (Auch wenn's nur die Europameisterschaft ist). Die Nummer eins. "Wir" sind wieder da. Und ich bin dann mal weg.

Wieder auf dem Jakobsweg. Wieder in Unterkünften, die man oft kaum mit Europa in Verbindung bringen mag. Und: Es gibt eine dezente Bettwanzenplage auf dem Jakobsweg. Viele Pilger sind arg zerbissen. Und obwohl die Herbergen alles versuchen (beten, Weihwasser, ausräuchern, Chemie...) werden sie den Biestern nicht Herr. Logisch, die nächsten Pilger schleppen eben neue Wanzen ein und ersetzen die gerade erlegte Brut. Ich bin die Wanzen schon aus Indien, Pakistan und anderen Orten gewohnt, in denen das Bettzeug permanent beschlafen aber nicht gewaschen wird. Und das ist wohl die einzige Geheimwaffe gegen die Blutsauger: Reinlichkeit. Hygiene. Wenn es in einer Pilgerherberge schon riecht wie in einem Nahverkehrszugsklo dann haben die Viecher leichtes Spiel - und leckere Beute. Pilger aus aller Welt. :-) Manche Pilger, so wie meine Amerikanerin die ich vor zwei Tagen traf entwickeln ihre eigene Bettwanzenabwehanlage: Sie hat sich einen Duschvorhang gekauft, auf den sie sich nun jede Nacht legt. Die Bettwanzen sind natürlich fürchterlich blöd, denkt sie, und lassen sich von dem Duschvorhang davon abhalten sie anzunagen. Das einzige, was ein Duschvorhang abhält, und das müssten auch Amerikaner wissen, ist das Spritzwasser beim Duschen. Deswegen heissen die Dinger auch Duschvorhang und nicht Bettwanzenschutz.

 

 

Aktuelle Meldung: Carrión de los Condes (7976 km), den 19. Juni 2008

Beim Wandern kurz nach Liévans schnell mal den Selbstauslöser bedient.

Von der Strecke: So. Da bin ich wieder. Auf der Strecke. Zwei weitere Pilger sind definitiv ausgefallen. Sie leiden an einer Convenient-Maladitaet. Convenient-Erkrankungen sind wie Convenient-Food - einfach Ruckzuckkrankheiten, die einem Urlaub von der Pilgerfront verschaffen. Oder eine Busfahrt. Oder das Mitleid der Mitpilger. :-) Ich gehe mittlerweile davon aus, dass mehr als 70 Prozent der Pilger ihre Wanderung nach Santiago nicht mit Schuhen sondern auch mit Autos und Bussen absolvieren. Kaum einer, den ich getroffen habe, ist lueckenlos unterwegs. Ich auch nicht, denn ich bin ja 18 Kilometer mit dem Taxi gefahren, nachdem mir und vier anderen Pilgern die Schuhe geklaut wurden. Es gibt so viele "haessliche Industriegebiete" bei denen "ich doch besser den Bus genommen habe". Und die Knie und Knoechel tun weh "da bin ich doch einfach vorgefahren und habe ein paar Tage ausgesetzt". Aber, und das ist das Interessante - ich beginne die Menschen zu verstehen. Und trotz ihrer Schwaechen zu respektieren. Die Menschen sind keine Profiwanderer und versuchen sich, trotzdem sie sowas noch nie in ihrem Leben gemacht haben, an einer 800 Kilometer langen Wanderung. Wenn nachher "nur" 600 Kilometer zu Buche stehen... HUT AB! Das ist besser als Daheim auf der Couch zu sitzen, den kleinen Katechismus zu lehren und dabei niemals die Hoehen und Tiefen einer Pilgerfahrt erlebt zu haben.

Liebe Freunde, ich mache mich jetzt wieder auf den Weg. 36 Kilometer sind noch zu absolvieren. Heute, so habe ich mir das gedacht, nehme ich mir ein Hotel. Ich habe die Schnarchhuetten satt, die wie ein ungewaschener Fuss riechen und in denen ich mit 40 anderen Menschen versuche ein wenig Schlaf zu finden waehrend fuenf davon unendlich saegen (und am naechsten Morgen gut ausgeruht aufwachen waehrend der Rest wie Klaus Kinski ausschaut...). Und dann verliert ja heute auch noch Deutschland gegen Portugal - das moechte ich mir auch ansehen. Also: Bis heute Abend :-)

Und der Abend ist jetzt: Die Strecke war heute arg langweilig. Und auch nicht mehr 36 Kilometer lang. Denn ich habe bereits in Carrión de los Condes mein Quartier bezogen. Es ging den ganzen Tag ueber geradeaus. 5 Meter von der Strasse entfernt. Glatt. Flach. Keine Steine. Also holte ich mein Buch aus dem Rucksack und begann zu lesen. Waehrend des Gehens. Das mache ich oefters. Denn so geht wenigstens die Zeit rum und ich bilde mich. Das Buch? Immer noch Dienstags bei Morrie (aber nicht mehr lange, da die Buchstaben sehr gross und das Buch viel, viel zu kurz ist).

Und nachdem ich gerade, eine Minute nach der Inbetriebnahme des Computers, erst einmal den PC lahmgelegt habe (ich hatte versucht meinen USB-Stick zu benutzen) schaut der Café-Besitzer jetzt immer ganz misstrauisch in meine Richtung ("Was macht der jetzt schon wieder!"). Also lasse ich das mit dem USB-Stick lieber und lade die Bilder irgendwann hoch. Ich habe naemlich heute einen "Volltreffer" gelandet - ein einmalig schoenes Bild. Das gibt es halt das naechste Mal.

Bedanken moechte ich mich fuer die vielen, vielen Briefe, E-Mails und Gaestebucheintraege. Unglaublich, wie sich mein Leben in den letzten achtzehn Monaten veraendert hat. Wer mir das vor zwei Jahren alles erzaehlt haette - ich haette demjenigen einen Besuch beim sozialpsychologischen Dienst empfohlen. Unglaublich aber auch, wie viele Menschen Anteil an meinem Schicksal genommen haben und nehmen. Das finde ich sehr, sehr bemerkenswert und schoen. So fuehle ich mich wenigstens nicht ganz so alleine. (Alleine muss man durch das Drama schon durch, aber es fuehlt sich gut an, wenn jemand da ist der einem die Daumen drueckt).

Ich bin in den letzten Monaten ein paar Mal gefragt worden, so auch heute, ob ich mich nicht an der Gruendung von Vereinen / Organisation beteiligen moechte. Ich finde es ganz wichtig und toll wenn wir uns engagieren. Flagge zeigen. Vor allem dann, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft zu verbessern. Deswegen bin ich Botschafter des WEISSEN RING. Ich wuerde mich freuen, wenn sich viele von Euch gemeinsam mit mir dem WEISSEN RING anschliessen: Lasst uns unsere Kraefte buendeln. Es ist wichtig, dass das Angebot des WEISSEN RING an die Bevoelkerung herangebracht wird: Gestern habe ich waehrend der Wanderung mit Anna, einer freundlichen Pilgerin aus der Naehe von Hamburg, gesprochen. Ihre Freundin wurde ueberfallen und dabei verletzt. Auf die Hilfe des WEISSEN RING wurde sie nicht hingewiesen, ein Antrag ans Opferentschaedigungsgesetz wurde nicht gestellt und auch sonst keine sinnvollen Hilfsmoeglichkeiten angeschoben. Und das ist schade, denn beim WEISSEN RING finden sich Menschen, die sich mit Kriminalitaet und Opfern auskennen.

So, ich mache Schluss, denn ich schaue nun gleich dem netten Herrn Loew und seinen Bundesnationalopfern zu. Ich glaube, wir haben gegen die Portugiesen eine gute Chance. Und zwar dann, wenn die sich in der Kabine vorher zugekippt habe