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UPDATES: 20.08.2008: Wie es mir derzeit geht // 23.07.2008: Bin in Santiago angekommen // 21.07.2008: Neue Bilder im Fotoarchiv (ganz hinten) // 14.04.2008: 100 Jakobsmuscheln aus Jade und Tigerauge zu gewinnen //
Aktuelle Meldung: Zürich (CH) (9603 km), den 20. August 2008 Noch drei Stunden bis wir endlich zu essen bekommen. Vor dem Start des Konzerts bekommen wir nämlich ein kleines Mahl um nicht gar so hungrig zu sein. Dann kommt Jakob Dylan (Sohn der Legende Bob Dylan) und bestreitet das Vorprogramm. Und weil ich im Vorprogramm zum Vorprogramm nichts wesentliches zu tun habe sitze ich da, wo man mich oft findet: mit dem Rücken an der Wand im Starbucks. Das ist der einzige Ort, an dem der Kaffee in bierkrugähnlichen Tassen verkauft wird. Für 4,20 Euro bekommst Du hier einen unfassbare 0,6 Liter fassenden Pott Kaffee. Und da Starbucks modern und zeitgeistig ist, gibt es WLAN gratis oben drauf. Und einen Code für das Lokus auch. Für alle, die in Zürich mal ganz dringend müssen: Der Code ist 2-0-0-2! :-) Was ich natürlich nutze um meine weitere Reise zu planen (das WLAN natürlich, nicht das Klo). Morgen tuckere ich wieder von Zürich nach Hannover. Nach einer kurzen Nacht werde ich dann bereits um 6.00 Uhr nach Hann. Münden zurückfahren und den Weg nach Göttingen einschlagen - wo ich um 15.30 Uhr erwartet werde. Da meine Briefe in den neuen Bundesländern fast keine Beachtung fanden (von Magdeburg und Burg einmal abgesehen) schenke ich mir die Strecke an der Straße entlang und werde auf ein paar Wanderwege ausweichen die in ähnlicher Richtung verlaufen. Ich bin froh, ausruhen zu dürfen. Aber die Pressegespräche, die haben mir gut gefallen: Es fühlt sich saugut an in der Lage zu sein etwas anstossen zu können. Das gibt meinem Leben ein wenig Sinn zurück. Gestern bin ich hier, in Zürich, gelandet. An Bord eines kleinen, pummeligen Avrojets. Diese Miniflugzeuge haben unglaubliche vier Triebwerke. Ich sitze immer gerne auf der letzten Sitzreihe weil das Flugzeug da hinten Karussell spielt - es ist unglaublich unruhig bei Start und Landung und hängt manchmal ganz schief in der Luft. Das merkst Du da natürlich, weil Du am weitesten von den Flügeln entfernt sitzt. Nach der Landung guckte ich noch mal schnell nach, ob hier nicht vielleicht doch thailändisch geschrieben wird: Es war unglaublich heiß und schwül in der Schweiz. Der Zug spuckte mich klatschnass geschwitzt am Hauptbahnhof aus. Ich sah aus als hätte ich das verdammte Ding gezogen! Folgerichtig folgte dann aber recht schnell das alles abkühlende Gewitter. Mein Gastgeber ist ein Deutscher Pfleger, der auf einer psychologischen Station des hiesigen Kantonskrankenhauses arbeitet. Er hat leider Nachdienst und so haben wir uns nur gestern Abend bis 20.00 Uhr gesehen - und dann erst wieder zum Frühstück. Morgen sehen wir uns noch zum Frühstück und dann düse ich bereits wieder Richtung Norden, Hannover entgegen.
Aktuelle Meldung: Hann. Münden (9603 km), den 19. August 2008 z.Zt. in Zürich: Der Flughafen in Hannover ist knuffig. Klein. Grün. Von schwarzweißen Flughafenkühen umgeben, die nicht mal mehr gucken wenn ein Jet vorbeihobelt. Ich befinde mich auf einem zweitägigen Kurzurlaub. Nach Zürich geht es. Claptomanie hat mich ergriffen. Nicht erst heute, sondern seit Jahren. Es gibt kein Zurück mehr. Ich will sehen, wie die Musik gemacht wird, die ich sowieso rund um die Uhr höre. Aber… das ist noch ein weiterer Hintergrund. Als ich 2005 / 2006 im Krankenhaus lag, da meinte eine Ärztin, dass es gut wäre wenn ich mir ein paar Ziele stecke die ein wenig weiter gehen als nur bis zum nächsten Tag. OK, dachte ich. Wenn Clapton wieder auf Tour geht, dann werde ich mir das beste Ticket holen, das es gibt, und da hin fahren. Und wenn es in Zimbabwe ist. Zimbabwe wurde es nicht, aber Zürich. Die Lebensgeschichte von Clapton spiegelt sich in seiner Musik wieder. Von JJ Cale’s Cocain zu Crossroads über Pretending und Have you ever loved a Woman via Layla zu dem wüsten Lied Tears in Heaven – Clapton hat seine Lebensgeschichte weniger in ein Buch als in seine Musik gesteckt. Das Buch gibt es natürlich seit diesem Jahr auch, seine Biografie eben. Kein Alter-Herren-Scheiß, der niemanden wirklich interessiert, sondern eine nüchterne und kühle Abrechnung. Ein Seelengammler wurde durch den Tod zum Menschen. Das ist die Faszination Clapton. Früher ein Frontalcrash, bei dem die Zuschauer neben der Musik auch den Verfall der Ikone durchaus genossen. Dann ist Clapton's Seele mit seinem Sohn aus dem 53. Stock eines New Yorker Apartments gefallen. Die Antwort kam Jahre später – er gründete ein Zentrum für Alkoholiker (Crossroads) und begann ernsthaft zu leben. Mit Familie, Töchter - und trocken.
Aktuelle Meldung: Kassel (9580 km), den 17. August 2008 Heute stand die Strecke von Fritzlar nach Kassel auf meinem Plan. Und ich bin soeben in Kassel angekommen, im McDonalds der in einer Straße liegt, die Wolfsschlucht heißt. Ich laufe heute auf dem Zahnfleisch. Heute ist halt ein Tag der ganz üblen Sorte. Da kann man nichts machen. Aber weniger als drei Stunden Schlaf sind eben nicht genug für einen ganzen Tag. Ich bin gespannt, wie ich die Pressekonferenz wegstecken werde. Ich werde mich vermutlich diszipliniert zusammen reissen und auf merkwürdige Fragen freundliche Antworten wissen. Da wird sicher wieder die ewige Frage nach dem Wohnsitz gestellt werden: "Ja haben Sie denn gaaar keinen Wohnsitz?". Was soll das Besondere an einem Wohnsitz sein? Jeder 16jährige, der sich mit seinen Eltern überwirft, der nistet sich irgendwo ein und wohnsitzt dann dort vor dem Fernseher und daddelt. Dann kommt meist das "Wandern... hahaha, das macht ja schon Spass, gell?" (Unterschwellig: Wandern ist billig. Irgendwie ein bisserl pennerhaft). So gehen die Leute denn auch meist mit mir ein wenig zu jovial, ein wenig zu locker um. Würde ich in der selben Situation einen dunklen Anzug tragen, wäre ich immer noch der selbe Mensch. Aber ich wäre respektierter und würde vorzüglicher behandelt. Was die Leute nicht so richtig verstehen ist folgendes: Ich schlafe jede Nacht irgendwo. Meist nicht unter der Brücke oder in einem Obdachlosenheim, sondern in einer Pension. Die kostet aber zwischen dreißig und vierzig Euro. (Gestern Jugendherberge Kassel 30,10 Euro plus zwei Euro WLAN). Also sind wir schon bei rund 1000 Euro - alleine für die Übernachtungen. Dann muss ich aber auch noch essen. Langstreckenwandern verbrennt zwischen 3000 und 4000 Kalorien. Und ich brauche Qualitätsbrennstoff. Hier werden nochmal 20 bis 30 Euro am Tag fällig. Sind wir erneut bei rund 800 Euro. Dann noch Internet, Telefon, Kleinzeug, Ausrüstung, pp. Oh, meinen Rotwein habe ich ganz vergessen. Den ja auch noch. Tja. Welcher Journalist würde mehr als 2100 Euro im Monat für "Wandern... hahaha" übrig haben? Wo wir gerade beim Thema sind: Da wanderte ich also heute von Fritzlar nach Kassel. Kalt war es. Zwar nicht bitterkalt. Aber genug kalt. Plötzlich folgen überall blaue Federn durch die Gegend. Blau. Babyblau. Ich dachte "Nanu. Wie merkwürdig. Wo kommen die nur her?". Schließlich fand ich die Quelle des Gestöbers: ein überfahrener WELLENSITTICH?! Ja leckscht mi am Ärschle - die Tiere haben sich offenbar von Zentralaustralien nach hierher ausgebreitet. So und nun ist es Zeit. Ich mache mich auf den Weg und schleiche zum Rathaus. Bis später. 10 Minuten später ist es jetzt. Ich sitze auf der Treppe vorm Rathaus. 28 Minuten bis zum Termin. Wie schön, dass WLAN mittlerweile überall da ist, wo ich bin. So kann ich Euch noch schnell meine Impressionen zur an der Fulda gelegenen Stadt Cassel mitteilen: Cassel ist, in weiten Teilen, im Krieg zerstört worden. Darum sind die Häuser in der Altstadt zumeist quadratisch-prakisch-gut und pastellfarben. Aber trotz dieser wüsten Bausünden hat die geheime Kulturhauptstadt und documenta-Stadt ein gewisses Flair: Bildungsnah. Kulturbewusst. Traditionell. Die Stadt ist deswegen sehr brauchbar, weil sie interessant ist ohne altklug zu sein und schön ist ohne klebrig zu sein. Und gastfreundlich sind die Menschen auch: Heute Abend bin ich wieder privat untergebracht - Couchsurfing sei Dank. Und da freue ich mich schon riesig drauf. So und nun wirklich bis später. :-)
Aktuelle Meldung: Fritzlar (9549 km), den 16. August 2008 15.08. Schwalmstadt Treysa (43 km) - 16.08 Fritzlar (32 km) Kassel am Morgen des 17.8.: Es ist früh am Morgen. Wenn ich sage früh, dann meine ich so gegen drei, vier Uhr. Draussen ist zwar noch alles dunkel. Ein Jugendlicher allerdings, der war schon wach (oder noch) und alkoholisiert. Und er hasst Mülltonnen. So arg, dass er die vor meinem Zimmerle umtreten musste. Und ein Straßenschild dazu. Heute wird mich mein Weg schnurstracks nach Kassel führen, eine interessante, eine große Stadt. Mit viel Kultur. Und eine Stadt in der Kapitalverbrechen noch nicht so richtig ins Bewusstsein der Menschen vorgedrungen sind, desswegen hat der Oberbürgermeister auch keine Zeit. Und die Bürgermeister auch nicht. Wenn nächstesmal wieder ein Kind getötet oder Ausländer von Rechtsradikalen gejagt wird, ist die Stadtführung sicher wieder ganz vorne mit dabei. Heute aber eher nicht. Weil es Sonntag ist. Und es keinen Grund gibt, sich zu sorgen. Normalerweise müssten Menschen, die mit einer Aussage wie der meinen kommen, absolute Priorität haben. Denn was ist wichtiger für eine Stadt als die Sicherheit, dass die Einwohner in Frieden aufwachsen können? Richtig: Karneval. Kultur. Tralala. Da kann man sich eher dazustellen und gut aussehen. Sich aber damit auseinander zu setzen, dass auch in Kassel jeden Tag und jede Nacht das Blut von Verbrechensopfern in die Kanalisation fliesst... das ist nicht nett.
Kassel am Abend des 16.8.: So. Es ist Fritzlar erreicht und ich sitze in Kassel. Wie das kommt? Fritzlar ist voll. Weil so viele Besucher da sind. Die Bundesweh präsentiert morgen den "Tiger". Nein, keinen Boxkampf auf RTL, sondern einen Kampfhubschrauber. Wer ganz genau hinguckte, der konnte den Tiger auch heute kurz bewundern denn das Kampfding flug kurz ein paar Loopings, wurde dann aber wieder in den Hangar gerollt. Einen Christopher-Rettungshubschrauber sucht man in Fritzlar allerdings vergebens. Aber bei den vielen Feinden, die wir so haben (Luxembourg, Liechtenstein, Österreich...) sind die rund 40 Millionen US-Dollar teuren Kampfhubschrauber schon ganz arg wichtig. Anderer Ort, anderes Drama. Da saß ich in einem Würgerking und aß einen Salat. Die Frittenbude hatte einen Drive-Thru, damit sich die Kunden auch mal die Sitze vollkleckern können. Es ging drei Meter um den Parkplatz herum, dann fünf Meter vor dem Parkplatz her und dann zwei Meter bis zum Bestellecke. Ein kleiner Fiat fuhr langsam um die erste Ecke. Dann jaulten plötzlich die 50 PS auf, Räder drehten durch und der Fiat rammte das Zäunchen unserer Sitzecke. Überall erschreckte Augen. Whopper sanken furchterfüllt Richtung Tablett. Aber wir konnten uns beruhigen. Das war nicht Al-Quaida sondern Anke. Die entstieg ihrem Kleinstwagen und tropfte mit Tränen um sich während das Autole mit Öl tropfte. Vor allem in der Motorregion. Hernach versuchte der ADAC mit seinem Abschlepperle die Drive-Thru Kurven zu meistern. Ach war das interessant. Der Tages-Manager des Würgerking untersuchte währenddessen seinen arg lädierten Zaun. Sachen gibts. Dabei wollte ich doch nur einen kleinen Salat. Und dann hatten wir plötzlich einen großen. Salat. Ich wandere nun schnell wieder zurück in meine Herberge, denn ich muss noch duschen, Wäsche waschen, ein paar Stunden schlafen und morgen in Allerherrgottsfrühe wieder nach Fritzlar fahren. Danach steht eine fixe Wanderung nach Kassel an. Und um 15.30 Uhr geht es ins nächste Pressegespräch. Euch allen eine gute, friedliche Nacht. Bis bald.
Schwalmstadt am Morgen des 16.08.: Sitze hier. Sonne da. Strecke vor mir. Nach Fritzlar geht es heute. Weil ich kein Google habe, werde ich nach meinem kleinen Fetzen Straßenatlas marschieren. 1:150000 und trotzdem ankommen :-) Heute Mittag werde ich mir dann ein kleines Zimmerle nehmen und meine Gedanken uploaden. Ich wünsche mir so sehr, dass es Euch daheim gut geht. Ich vermisse Euch. Jeden Tag ein bisschen mehr. Derzeit bereite ich das nächste Projekt vor und es sieht bereits sehr vollständige aus – ich werde rund 26.000 Kilometer marschieren – und zwar nur in Deutschland. Von Ost nach West, von Nord nach Süd, im Kreis, Quer durch und wieder zurück. Das einzige, was noch wirklich fehlt, sind 76000 Euro in der Kasse um die Ziele des Marsches komplett umzusetzen. Aber auch hier bewegen sich die Dinge momentan in die richtige Richtung. Ich werde am 3. September das neue Projekt hier auf der Homepage vorstellen. Der auf fünf Jahre angelegte Marsch ist 3000 Kilometer länger als meine erste Langstreckenwanderung damals von Indien nach Spanien und wird wohl das größte, längste und schwerste Projekt meines Lebens werden. Danach gehe ich in Rente. :-)
Aktuelle Meldung: Marburg (9474 km), den 14. August 2008 12.08. Bad Nauheim (34 km) - 13.08 Gießen (35 km) - 14.08 Marburg (34 km) Hier bin ich wieder. Nach langen Tagen eine kurze Meldung: Mir geht es gut. Ich bin mittlerweile nach Oberhessen gewandert – die meiste Zeit davon bis über beide Ohren in Gedanken versunken. Jetzt sitze ich in Marburg auf dem historischen Marktplatz. Das Rathhaus liegt links hinter mir und dort findet in 45 Minuten die nächste Pressekonferenz zu meinem Thema „Gewalt und wie wir sie los werden“ statt. Der hessische Landesvorsitzende und Mitglied des Bundesvorstands des WEISSEN RING kommt auch. Der Herr Cerny. Bei Pressegesprächen mit mir, da kann es auch mal Überraschungen geben. So tauchen auch mal andere Betroffene auf und helfen mir die Botschaft noch eisiger zu gestalten. Gestern war der Papa einer im letzten Jahr auf schreckliche Weise getöteten Vierzehnjährigen da. Wir machten das, was viele Überlebende und Hinterbliebene von Kapitalverbrechen machen: Wir lachten und scherzten. Aber als wir unseren Mund öffneten und von unseren Erfahrungen erzählten, da zerstörte die erlebte Gewalt die gute Atmosphäre und ein Ascheregen aus verbrannten Träumen legte sich auf die zehn anwesenden Zuhörer. Wir opferten unsere private Trauer dem Ziel, Gewalt in unserem Land zu verhindern. Und wir nahmen kein Feigenblatt vor den Mund. Wir hätten, nebenbei, eine Leidensolympiade abgehalten haben. Spannende Frage: Wer leidet, rein leidenstechnisch betrachtet, eigentlich mehr? Der Überlebende? Oder der Hinterbliebene? Ein Vater? Oder eine Mutter? Eine Schwester? Ein Bruder? Wer zuerst ins Ziel kommt, der darf dickere Tränen weinen. Ich persönlich denke, dass die Mütter getöteter Kinder am meisten leiden, denn sie sind nicht nur Hinterbliebene, sondern auch Überlebende weil das Kind ein nahezu körperlicher Teil der Mutter ist. Überübermorgen werde ich eine Mama treffen, deren Sohn nach einem Messerstich in den Bauch verblutete. Weil er einen Streit schlichten wollte. Die werde ich fragen. Die versteht was davon. Das Wetter hier, in Oberhessen, ist wanderschön. Ein leichter Wind weht. Große Elefantenwolken sind am Himmel (für Schäfchen sind sie einfach zu groß) und einen Tornado hatten wir heute auch noch nicht (wie der, der gestern in Gießen eine Schneise in die Stadt gehauen hat). Dieser Tornado hat im Grunde die Berichte unserer Pressekonferenz aus der Zeitung geweht :-) Vielleicht bringen die ja noch was. Vielleicht aber auch nicht. Ist wurscht. Der Termin war gut, weil wesentliche Teile des Kreis-Stadt-Präventionsteams anwesend waren. Und die sind auf Ersthandinformationen angewiesen um gut arbeiten zu können. Mittlerweile haben sich ein paar Dinge herauskristallisiert: Die nächsten Bürgermeistertermine werden die letzten sein, die ich im Rahmen meiner Wanderkarriere erledige. Am 22. September wird das letzte dieser Gespräche in Hamburg über die Bühne gehen. Danach ist Schluss. Der Grund ist relativ einfach: Die Bürgermeister sind eine recht friedliche Kaste. Ab nächstes Jahr werde ich mit meinem Thema ausschließlich an Schulen zu sehen sein. Meine Message muss an die ran, die in Zukunft Gewalt verhindern helfen oder aber zu Opfer oder zu Tätern werden. So und nun geht’s zum Pressegespräch. Bis später.
Aktuelle Meldung: Frankfurt am Main (9371 km), den 11. August 2008 Am Morgen des 12. August auf dem Weg nach Bad Nauheim: Heute Nachmittag werde ich um 16.00 Uhr im Polizeiposten der Stadt Bad Nauheim zum Pressegespräch anrücken. Das passt mir gut, denn so kann ich gegen den Abbau von Polizeistellen wettern. Wir wollen allen ernstes von den Polizisten gegen alles Mögliche geschützt sein. Nebenbei aber bauen wir das Personal so lange ab, dass dem Polizisten, der z.B. Deine Anzeige zum Thema Stalking aufnimmt, gar keine andere Wahl bleibt als muffig zu werden - denn auf seinem Tisch stapelt sich die Bürokratie höher als die Schreibtischleuchte. Wir müssen uns in Deutschland an den Gegebenheiten orientieren. Wir haben zu keiner Zeit mehr entwurzelte Menschen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft leben gehabt - viele davon aus Ländern, die eine ganz andere Gewaltkultur pflegen als wir. Einige gar aus Kriegszonen, die das Töten nicht nur gelernt haben sondern tolerieren. Das ist wie mit kleinen Dosen Gift: Mit der Zeit gewöhnt sich Dein Organismus daran und Du kannst mehr nehmen bevor Du umkippst. Wenn wir in Zukunft vor allen in den Deutschen Städten sicher sein wollen, dann sollten wir, die Bevölkerung - Du und ich - ein Auge auf die Zahlen der uns schützenden Polizisten haben und den Politikern auf die Finger hauen die uns die Polizisten stehlen um sich ihre Diäten zu erhöhen oder mit teuren, regionalen Geschenkchen vor der Wahl den Wähler zu bestechen suchen. Wie die letzten Tage aussahen? Hier auf der Strecke? Von Stuttgart (D) nach Stuttgart (USA). Von Mannheim, wo ich die Couch von Uschi, Jürgen und Jan bewohnt habe. U.J.J. wohnen wunderschön vor den Toren der wuseligen Stadt und Jan machte den Megahypergenialsalat schlechthin. Ich habe selten einen solchen Salatteller bekommen. Schon gar nicht in der Deutschen Gastronomie (wo der Salat meist aus dem Eimer auf den Teller geklatscht wird). Am Morgen dann stellte ich fest, dass der Kontinentaldrift mein Ziel Darmstadt satte 12 Kilometer weiter geschoben hat! Wie sonst kann ich erklären, dass Darmstadt nicht 41 km (wie das auf meiner Marschroute so verzeichnet ist) sondern 53 Kilometer weit entfernt war. Ich machte mir nichts draus, frühstückte mit der Familie und machte mich um 9.00 Uhr morgens auf die Socken. Diese qualmten dann bis 21.00 Uhr. "Ach wenn jetzt ein Etap-Hotel käm'... das wäre schon was Feines..." dachte ich. Und 300 Meter weiter kam ein Etap Hotel. Ich dachte sofort "Ach wenn ich jetzt eine Million Euro auf dem Gehsteig finden würde... das wäre schon was Feines". Und 300 Meter kam... ein Hundehaufen. Naja. Immerhin. An der Qualität des Materialisierens von Wünschen, da muss ich noch ein wenig nachbessern. :-)
Am 11. August 2008 in FFM: Da bin ich wieder. Mit neuen Artikeln in Zeitungen. Die Stadt Mannheim schrieb, die Rhein-Neckar-Zeitung, die Business on und noch son paar andere, die ich morgen hier aufführen werde. Ich bin heute irgendwie sehr platt (wohl auch durch die irre Luftfeuchtigkeit) weshalb ich mich jetzt auf den Weg zu meiner unterkunft mache (ich übernachte bei einer Lehrerin die auch Opferbetreuung macht) und melde mich hier morgen wieder und wünsche Euch eine besonders gute Nacht! Schlaft gut.
Aktuelle Meldung: Darmstadt (9340 km), den 10. August 2008 Was sind vier Kinder und eine tote, weil überfahrene, und bereits in Verwesung befindliche Katze? Genau, die besten Spielkameraden?! OK. Nun werden manche von Euch sicher sagen „Wieso hast Du denen die Katze nicht weggenommen?“ Weggenommen??? Was soll ich denn mit dem Viech? Die Kids sind alt genug um zu wissen, dass man eigentlich nicht Katzen vom Straßenrand adoptiert. Und wenn die Katze sich kaum mehr rührt, das Futter verweigert und nach faulen Eiern riecht dann iss se nich mehr gut. Die Katze. Ach, sollen se das Ding nur mal mit nach Hause nehmen. Die Eltern werden schon wissen, was zu tun ist und sich sicher riesig über den neuen, vierbeinigen Familienzuwachs gefreut haben. :-)
Aktuelle Meldung: Mannheim (9287 km), den 9. August 2008 Heute kein sonderlich freundlicher Bericht. Tschuldigung dafür. Aber ich bin nicht sonderlich fröhlich heute. Denn heute ist ein schwarzer Tag. Es gibt eben solche Tage. Nicht häufig. Aber oft. An denen Dich die Gedanken mit auf eine Reise nehmen, die zu Zielen führt die gar nicht angenehm sind. In Grenzgebiete und Mienenfelder. Und so grübelte ich mich von Heidelberg nach Mannheim. Und ich war sauer. Autoaggressiv. Und auch sonst. Ein paar nett grüßende Schwule zogen mit irrer Geschwindigkeit an mir vorbei. Nach ein paar Minuten kamen drei Rentner, ein Mann und zwei Frauen. Gegenverkehr. Sie grüßten die Männer freundlich. Um sich dann hinter deren Rücken kringelig zu lachen. Sie äfften die Leute nach und hielten ihrerseits Händchen. Echte deutsche Arschlöcher eben: Erst den Krieg verlieren und sich dann auch noch über diejenigen lustig machen, die ihnen mit ihrer Arbeit die Rente bezahlen - schwul hin oder her. Mit offenen Augen durch Deutschland zu laufen ist nicht uninteressant. Und grollend durch Deutschland zu laufen auch nicht. [Anmerkung: Ihr braucht mir nicht zu schreiben, wie schlimm und schrecklich und ungerecht und einseitig Ihr die voran stehende Aussage findet. Es interessiert mich schlicht nicht]. Ich habe dann, in einem kleinen Ort nachgerechnet wie viele Kalorien ich heute zu mir nehmen sollte und einen Tankstopp eingelegt. In einem italienischen Laden. Dort gab es Salat. Den ich bestellte und ass. Dazu ein St. Pellegrino und, als Krönung, gab es einen kostenfreien Espresso hinterher. Ich dachte, dass ich dann aber auch noch ein paar Kekse mitnehmen sollte, um die Freundlichkeit des Wirts zu erwidern. Und so aß ich die Biscotti, die ich vom rRegal nahm, zum Espresso und bat um die Rechnung. Salat: 4,50 Euro. Brot: 0,80 Euro. Mineralwasser: 1,90 Euro. Biscotti: 8,35 Euro. ACHT EURO UND FÜNFUNDDREISSIG???!!! Ja leckscht mi am Ärschle! Ich verschluckte mich mal erst an einem dieser krümmeligen Dinger und hatte Schnappatmung. Aber so ist dass eben nun mal. Vorsicht mit den Dingen, die man nicht kennt. Ich hatte hausgemachte Biscotti aus der Toskana herausgesucht. Sicherlich die besten Biscotti nördlich der Alpen. Aber in dem Preis ist ein Flug mit Ryanair nach Rom ja fast schon inklusive! Hammerhart. Ich packte die Biscotti vorsichtig in meinen Rucksack und beschloss jeden Tag ein drittel Biscotti auf der Zunge zergehen zu lassen. So reicht das Paket 15 Tage. 8,35 Euro durch 15 Tage sind 55 Cent am Tag. Sofort habe ich mich besser gefühlt. In Mannheim angekommen, da musste ich meinen Groll begraben. Ich suchte stattdessen nach meiner ich-bin-freundlich Fassade. Und klatschte sie mir vor dem Betreten des Stadthauses ins Gesicht. Noch ein wenig schief hie und da. Aber sie hielt. Dann begann ein leicht unterkühlter, kontrollierter Ritt durch die Geschichte der letzten 24 Monate. Anwesend waren auch ein Erster Polizeihauptkommissar und ein Kriminalhauptkommissar (der den WEISSEN RING in Mannheim leitet). Der Bürgermeister von Mannheim. Und andere Menschen, die allesamt zuerst sehr nett und nach einer Stunde denn auch leicht mitgenommen aussahen. Nach anderthalb Stunden hatten wir so ziemlich alles abgegrast: Stalking, Gewalt, Kapitalverbrechen, Versorgung der Überlebenden, die megawichtige Arbeit des WEISSEN RING und... Wandern. 5000 Kilometer. Von Stuttgart nach Stuttgart geht es. Schließlich. Und morgen, da steht Darmstadt auf meinem Programm. Heute übernachte ich bei Jan. Der hat mir freundlicherweise seine Couch, bzw. die Couch seiner Eltern angeboten, nachdem ich gestern bei Valentin zu Gast war, der seinerseits eine Couch übrig hatte. Und so lerne ich viele nette Leute kennen und bunte Geschichten. Valentin hatte einen Tumor im Gehirn. Am Hypophysenstamm. Das führte dazu, dass er mit 16 immer noch so aussah wie mit 12. Und mit 18 auch. Dann bekam er Hormontherapie. Aber anstatt zu wachsen bekam er Kopfschmerzen. Aber erst als der Arzt in Rente ging und ein junger Mediziner die Stelle übernahm wurde das Übel entdeckt. Bei der Operation ging einiges schief und das rechte Auge sieht nichts mehr. Und das linke nur noch sehr eingeschränkt. Aber was will man machen? Lebbe geht weiter.
Aktuelle Meldung: Heidelberg (9265 km), den 8. August 2008 7.8. Mauer (46 km) - 8.8. Heidelberg (17 km) Weitere Zeitungen? Klar. Die Heilbronner Stimme hat geschrieben. Ein mächtiges Blatt. Auf der Aufschlageseite. Mittig. Oben. Groß. Bunt. Bei dem Auftakt der Berichte zucke ich beim Lesen immer zusammen und die Nackenhaare stellen sich mir auf. Innerlich möchte ich das immer kleinreden. Verniedlichen. Ach ganz so schlimm war es doch nicht... Aber es war wirklich so. Schlimm. Das muss ich mir manchmal vor Augen halten. Wir Menschen machen gefangene Fische mit den Jahren immer größer und Sorgen immer kleiner. Ich werde heute Abend einen längeren Bericht hochladen, den ich in den nächsten Stunden schreiben werde. Gestern war Schreiben gar nicht mehr möglich, weil ich komplett weichgekocht war: Wir erduldeten hier eine irre hohe Luftfeuchtigkeit und es war beständig über dreissig Grad heiß. Als ich nach fast 50 Kilometer zu Fuß in Mauer nahe Heidelberg einmarschierte, da war ich ziemlich kleinlaut. :-) Mittlerweile ist es Abend geworden und ich bin zurück in Heidelberg. Ich habe einfach mal kurz einen Ausflug gemacht - nach Tettnang, in der Nähe des Bodensees. Gespräche. Kaffee. Auszeit. Zugfahren macht Spass, weil Du so viel Strecke mit so wenig Muskelkraft zurücklegen kannst. Lediglich auf den Topf musst Du selber gehen. Der Rest ist bewegungsarm und klimatisiert :-) Mauer, und da bin ich wieder beim heute Morgen angefangenen Bericht, ist ein Ort in dem es eine Rarität zu bestaunen gibt - und zwar den Homo Heidelbergensis, ein Neandertaler der badisch sprach. Nur wesentlich älter als sein Düsseldorfer Nachfahre ist er. Die Heidelberger, so schätzt man, sind zwischen 250.000 und 800.000 Jahre alt plus-minus ein paar Monate. Wir wollen hier nicht pingelig sein... Ich auf jeden Fall kam in Mauer an, fühlte mich ähnlich alt, duschte und fiel ins Bett. Heute morgen auf, raus und so schnell wie möglich nach Heidelberg marschiert. Ab Neckargmünd hatte ich die Wahl im Tal bei den Autos zu bleiben oder am Hang etwas erhöht über dem Neckar zu marschieren. Ich zog den Hang vor und sah ganz erstaunt bis auf den Boden des Neckar! Das Wasser ist tatsächlich so klar, dass Du den Boden sehen kannst - und das ist der Unterlauf des Neckars, also kurz bevor der Fluß in den Rhein fließt. Schon Wahnsinn, wie sauber unser Land geworden ist. Ich erinner mich noch an die Skandale von Ciba-Geigy und Co in meiner Kindheit, die unsere Flüsse in allen Farben erstahlen liessen. Erst Mitte der achtziger Jahre wurden wir durch einige große Pannenn zum Umweltschutz bewegt. 1986, da war ich sechzehn, brannte z.B. ein Lager von Sandoz nahe Basel ab. Der Rhein war daraufhin mehrere Monate lang komplett tot! Kein nachweisbares Leben war damals im Rhein zu finden. Zum Glück kamen damals die Grünen auf und mit ihnen erste sinnvolle, nachhaltige Zukunftskonzepte. Um unsere Zukunft als Menschen zu sichern braucht es keinen Stabhochsprung. Die Hürden liegen deutlich niedriger: Für eine gute Zukunft braucht es weder gute Wirtschaft noch Wohlstand in Deutschland, sondern lediglich die Abdeckung der Grundbedürfnisse weltweit. Wenn wir das geschafft haben, also genug zu Essen für die Menschen, dann lösen sich viele Probleme von selbst. Während im Fernsehen (ich sitze gerade in einem Restaurant) die Leute wieder wie wild auf sich schießen packe ich nun mein Zeug und fahre zu meiner heutigen Schlafstelle in Leimen, dem Zuhause von Boris Becker. Melde mich hier morgen wieder.
Aktuelle Meldung: Heilbronn (9202 km), den 6. August 2008 Heute steht das in der Zeitung, was ich in Ludwigsburg so von mir gegeben habe. Gestern. Und morgen wird das in der Zeitung stehen, was ich hier in Heilbronn so von mir gegeben habe. Soeben. Es waren Polizisten da. Und Kriminalbeamte. Und Juristen. Und Journalisten. Und Ordnungsamtmitarbeiter. Und auch Bürgermeister Harry Mergel, der für die Sicherheit der Heilbronner Bürger zuständig ist. Ein Radioreporter stand plötzlich auf und wanderte quer durch den Raum. Alle anderen guckten ein wenig verblüfft. Er stellte sich, gerade als ich anfangen wollte zu sprechen, ganz dicht neben mich und hielt ein kleines Aufnahmegerät direkt vor meinen Mund. Vielleicht 7,5 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich hielt das mal erst aus und hoffte, dass er wieder verschwinden würde. Denn das das war sehr eng und zu nahe. Für gewöhnlich würde ich sofort aufgestanden sein und mich evakuieren. Aber das konnte ich vor all den Leuten nicht. Also fixierte ich mein Glas und redete. Der Reporter ließ es ein paar Minuten später gut sein und setzte sich wieder. Ich erzählte weiter. Nach fünf Minuten stand er plötzlich wieder auf. Stellte sich wieder ganz dicht an meine Seite und drückte mir wieder dieses verdammte Tonband ins Gesicht. Jetzt war aber gut. Ich unterbrach und bat ihn, sich wieder zu setzen. SWR4 hin oder her. Der Mann, der als Bewährungshelfer jahrelang Tätern zur Seite stand und nebst Kunstgeschichte auch Sozialpädagigik studiert hat, war zwei mal in meine unmittelbare Privatsphäre eingedrungen. Das war absolut inakzeptabel und sehr, sehr unangenehm. Schmerzhaft. Ich wich ihm für den Rest der Veranstaltung aus. Dabei bin ich nicht arrogant oder abgehoben, sondern ich scheue lediglich die körperliche Nähe von fremden Menschen. Der Beitrag musste ohne mich auskommen. Heute findet das Abschiednehmen mit meiner Familie statt. Leise. Fast unmerklich. Morgen marschiere ich zwar nicht gleich so weit, dass ich nicht geholt werden könnte. Aber es ist wichtig, dass ich mich nun auf mein Projekt „Von Stuttgart nach Stuttgart“ einlasse. Und das geht nur, wenn ich „auf der Strecke angekommen bin“. Gestern habe ich im McCafé die benötigten Treiber für meinen Mini-Drucker herunter geladen. Jetzt bin ich sogar in der Lage farbig zu drucken – aus dem Rucksack heraus. Das waren die Auswanderer sicher nicht. Aber ich bin mir sicher, dass viele von denen Tagebuch geschrieben und ihre Erlebnisse in irgendeiner Form verarbeitet haben. Die Datenfernübertragung (DFÜ – ein Wort aus den Anfängen des Computerzeitalters) fand damals halt per Pergament und Pferdekutsche statt. Wobei ein kräftiger Gaul sicher schneller ist als ein lahmendes Windows. Gestern stand Ludwigsburg auf meinem Kalender. Eine Stadt, die im Stadtführer erst 1704 beginnt. Vorher war dort Weide. Nachher ein Schloß. Dann Napoleon. Die Auswanderer mussten, so denke ich das einfach mal, den Handelsrouten gefolgt sein, denn die waren geschützt. Und ausgebaut. Also die Enz hoch (bis ungefähr nach Bietigheim-Bissingen), dann den Neckar hoch (wie ich heute auch), vorbei am Atomkraftwerk Neckarwestheim, wo Du das Kühlwasser zischen und brodeln hörst, und dann der B27 entlang nach Heilbronn. Heilbronn gab es damals ganz sicher schon. Denn Heilbronn ist echt alt. Heilbronn war 600 Jahre vor Cream und Eric Clapton, also ab dem Jahre 1371, Reichsstadt. Auch wenn es anders ausgesehen haben mag. So, wie auf alten Stichen eben. Es ist viel von diesen alten Zeiten in Form von Zeichnungen überliefert, aber nur noch wenig von der Stadt an sich, denn am 14. Dezember 1944 erlitt Heilbronn einen Feuersturm und brannte vollständig nieder. Um das Feuer anzufachen wurde auf Heilbronn folgendes abgeworfen: * 5 Stück 12.000-Pfund-Sprengbomben Danach würde ich auch ausgewandert sein. Wenn ich dann noch gelebt hätte. Verschiedene Quellen nennen verschiendene Opferzahlen. Man schätzt dass bis zu 25.000 Menschen getötet wurden, die meisten Frauen, Kinder und alte Menschen da die jungen Männer zu der Zeit ja alle an der Front benötigt wurden. Der Mensch hat keine natürlichen Feinde. Außer sich selbst...
Aktuelle Meldung: Ludwigsburg (9165 km), den 5. August 2008 Hätten die Auswanderer so losgelegt wie ich gestern, dann wäre es kein Wunder gewesen wenn sie wieder umgedreht wären. Es goß. Stundenlang. Und sehr ergiebig. Aber nun Eins nach dem Anderen. Gestern gab es eine gut besuchte Pressekonferenz. Aber ich war müde. Und so verkaufte ich mich schlecht weil ich neben der Kappe lief. Ich möchte es eigentlich nicht gelten lassen, dass ich schon um halb drei (morgens) auf den Beinen war. Das bin ich schließlich beinahe jeden Tag (heute: ins Bett 23.00 Uhr, aufgestanden um 2.24 Uhr). Ich war einfach nur unkonzentriert und schusselig. Den erstaunlichsten Bericht der vergangenen zwei Jahre las ich in den Stuttgarter Nachrichten: "... Bert Simon sieht sich als Stalking-Opfer". Da kann ich nur mit den Schultern zucken, müde lächeln und auf die Briefe meiner Täterin verweisen. Ich entschuldige mich natürlich bei den Stuttgarter Nachrichten, dass sich mir der Eindruck aufgedrängt hat ich würde gestalkt. Dem war natürlich nicht so. Die Stuttgarter Zeitung hingegen (das seriösere und wichtigere der zwei Stuttgarter Blätter zum Glück) machte eine ordentliche Arbeit und gab meinen Monolog bis auf ein paar Winzigkeiten korrekt wieder. Ich erzähle meine Geschichte immer gleich. Kühl. Nüchtern. Es gibt keine Veränderung. Die Fakten bleiben eingefroren in der Kälte, die entsteht, wenn Menschen morden. Huch! Erkannt! Soeben wurde ich als 5000-Kilometer-Auswanderer-Wanderer erkannt. Im McCafé. Peinlich. Kind. Ca. zehn Jahre alt. Mit VfB-Stuttgart-T-Shirt. Seit wann lesen Zehnjährige so genau die Zeitung??? Es gibt immer wieder Überraschungen. Kann es sein, dass wir die heutige Schülergeneration für dämlicher halten als sie es eigentlich ist? Ich denke schon. Denn die Maßstäbe, die wir heute an die Schüler anlegen, bei denen hätten wir es zu unserer Schulzeit vermutlich nicht mal auf den letzten Platz der Pisastudie geschafft sondern man hätte uns an den nächsten Zoo vermittelt. Folgendes schrieb ich heute morgen (früh): Es ist 2.24 Uhr. Dreieinhalb Stunden Schlaf sind ganz OK. Damit komme ich gut über den Tag. Gestern war es allerdings wieder mal knapp mit meiner Energie. Und folglich schlich ich eben so dahin. Fuß vor Fuß. Durch den Regen. Vorbei an sehr ärgerlichen Schwänen die mit ihren ängstlich piepsenden Jungen selbstverständlich mitten auf dem Pfad wegelagerten. Ich durchwanderte Bad Cannstatt (trocken). In Bad Cannstatt wird gerade eine Brücke erneuert. Die besteht aus dicken Stahlplatten auf die eine Teerschicht aufgebracht wurde. Jetzt presslufthämmern sie den Teer von den frei aufgehängten Stahlplatten. Ja leckscht mich am Ärschle! Ich habe noch nie einen solch kompletten, umfassenden Lärm gehört. Presslufthammer auf riesiger Stahlplatte. Das klingt wie direkt aus der Hölle. Nur lauter! Dann kam Hofen (patschnass), Remseck (noch nässer) und Pattonville (letzteres trocken und ein Name, der, vermutlich habt Ihr das erkannt, nicht schwäbischen Ursprungs ist). In Patonville gibt es z.B. den Washingtonring. Die Amerikaner aber, die sind schon längst abgereist und haben hoffentlich gute Erinnerungen an Germany mitgenommen. Ich erreichte schließlich, eifrig mit einem netten Menschen telefonierend, Ludwigsburg und dann das Ende. Am Bahnhof. Ich fuhr zügig nach Bietigheim-Bissingen und wurde dort von meinen Eltern eingesammelt. Heute marschiere ich nach Besigheim (das ist so auf der Hälfte der morgigen Etappe nach Heilbronn) und verbringe den letzten Abend für dieses Jahr mit meinen Eltern. Die müssen schon ein wenig auf mich verzichten, dafür schätzen sie die Momente, die sie mit mir haben. Letztes Update aus dem Dorf: Gegenüber von uns hat sich der Besitzer einer Winzerei umgebracht. Er hat einfach eine Flasche E-605 getrunken – ein garstiges Pflanzenschutzmittel das normalerweise vorsichtig-vorsichtig gehandhabt und x-tausendfach verdünnt wird. „Guck mal. Hann i gedrunke“, meinte er zu seiner Schwester. Leeres Fläschchen vor ihr herwedelnd. „Red’ koi Quatsch. Sonscht müsste mer dr Krankawoga orufa“. Dann hockte er sich auf die Treppe, richte sich wenig später kurz ruckartig auf und kippte dann zur Seite um. Bumm. Einfach unglaublich. E-605! Kontaktgift. Die werden bei der Obduktion sicher Vollschutz getragen haben. Ich habe bei meinem Auszug aus Stuttgart einen Druckzwerg gekauft. . Einen HP Officejet H470. Der verlangt aber nach einem CD-ROM Laufwerk, dass ich, anders als den Drucker, nicht habe. Um 3.15 habe ich endlich einen ähnlichen Treiber auf meinem Notebook gefunden. Um 3.30 habe ich die Bluetooth-Schnittstelle zusammengefummelt und um 3.50 Uhr die erste Seite aus dem Tintenstrahler geleiert. Er verweigert mir zwar noch die Farbe. Aber das was er mir rauswirft, das sieht schon mal ganz brauchbar aus.
Aktuelle Meldung: Auftakt in Stuttgart (9144 km), den 4. August 2008 So. Die Auftaktpressekonferenz ist just zu Ende gegangen. Die Menschen waren liebenswert, die Bürgermeisterin, die ich nun schon seit zehn Jahren kenne, sehr menschlich und freundlich. Und traurig auch. Ich mache mich nun auf den nassen Weg nach Ludwigsburg. Immer schön am Neckar entlang. Wandern ist gut, um den Kopf frei zu bekommen. Die ersten fünf Kilometer werde ich noch viel denken. Die zweiten fünf Kilometer werde ich ruhiger werden. Und die letzten fünf Kilometer werden meine Gedanken wohl schweigen. Ausrüstungstechnisch werde ich jetzt noch rasch ein neues Bauteil einladen: Ich habe, weil ich meinen Schlafsack und meine Isomatte aus meinem Gepäck verbannt habe, noch ein Kilo Platz frei. Werde mir in ein paar Minuten noch einen kleinen Drucker holen. E-Mail ist schon ganz gut. Aber sehr häufig komme ich ohne Papier nicht an die richtigen Ansprechpartner. Also Drucker to go sozusagen. So, ihr Lieben, ich melde mich wieder, wenn ich kann. Bis später. Es ist 2.00 Uhr am Morgen. Ich sitze an einem kleinen Schreibtisch und starre in die strahlenddunkle Nacht. Versuche zu erfühlen aus was genau die Schatten gemacht sind, die mich umgeben. Genau in diesen Momenten, vor genau zwei Jahren kämpfte ich verbissen um mein Leben und wälzte mich in meinem Blut. Ich flog gegen Wände und krachend auf den Boden. Geschockt. Fasziniert. Wie schnell die Zeit vergangen ist. Diese 729 Tage. Diese 15096 Stunden. Diese 905760 Sekunden. 36 Jahre haben mich heranwachsen lassen, aber nur wenige Minuten haben mich geprägt. Ich bin heute an ganz anderer Mensch. Mir oft selber fremd. Ich zögere heute wo ich vorher agiert hätte. Fühle wo ich dachte. Ich habe andere ethische Werte als zuvor. Ich bin kaputt besser als ich es vorher ganz war. Ein komischer Satz. Ich hoffe, Ihr versteht ihn. Wenn man mir vor 24 Monaten und einem Tag erzählt hätte, wie mein Leben heute ausschaut – ich hätte es nicht geglaubt, weil es ein solches Leben eigentlich nicht geben sollte. Wir haben doch schließlich keinen Krieg. Oder doch? Meine Beinahemörderin wird wohl irgendwann entlassen. Ob ich Angst habe? Kein bisschen. Das einzige, was ich noch nicht kenne ist die Sekunde des Todes. Das Sterben an sich kenne ich ja schon. Das ist nicht unangenehm. Nur ein bissel ungeheuer. Aber es wäre ganz schön, wenn das angefangene Werk vollendet würde. Ich jedenfalls hätte nichts dagegen. Das Tragische ist, dass ich in den letzten zwei Tagen bei meiner Familie zu Gast war. Wir haben viel geredet. Aber nicht über Wichtiges, sondern mehr über Tagespolitik, den Garten, die neue Küche, die Spritpreise. Der Schmerz des Verbrechens ist zu brennend um ihn fühlen zu wollen. Nur einmal habe ich genau hingehört, weil etwas gesagt wurde das mich faszinierte. Mein Vater sprach mit seinem Bruder. Und während des kurzen Telefonates, da fiel der Satz „… jaja, das kann man ja schon machen. Und Deine Zeit die kostet ja nichts, die kannste umsonst einbringen“. Deine Zeit kostet nichts. Das ist, was viele Menschen empfinden. Ehrenamt. Das Fahren zur Arbeit. Der Schulweg. Alles Zeit, die ja nichts kostet. Zeit, Ihr lieben Menschen da draußen am Computer, ist das einzige, was ganz klar zu Ende geht. Unwiederbringlich. Unbedingt. Viel schneller als das Öl, um das sich alle sorgen. Die Zeit ist der Chirurg, die Sekunde das Skalpell. Das Messer schneidet ein präzise bemessenes Stück unseres Lebens ab und transplantiert es an unser Ende. Der Wert unserer Lebenszeit besteht aus der Gesamtheit des Habens und des Seins; aus dem kompletten Inventar unseres Lebens - aus allen Worten, allen Taten, aller Arbeit, allem Besitz, aller Liebe – gegeben und genommen, aus allen Träumen und allen Wünschen. Unsere Zeit kostet nicht Nichts. Unsere Zeit kostet Alles!
Wie jetzt? Wieso runzelt Ihr die Stirn? Ich meine hier nicht die Kriminalitätsrate der Stadt (die wir in einer Stunde diskutieren werden – sogar der ehemalige Landeskriminaldirektor Baden-Württembergs wird da sein, der jetzt Landesvorsitzende des hiesigen WEISSEN RING ist), sondern den Architekturstil Brutalismus, bei dem die Holzverschalung im späteren Sichtbeton als Element beibehalten wird. Ein nordischer Baustil der 50erund 60er. 60er. Die Zeit von Eric Clapton. Klar. Falls noch Fragen bestehen: Clapton is God. Auch über Stuttgart! (16 Tage bis zum Konzert in Zürich!!!) :-) Wie jeder Ort ist Stuttgart eine lebens- und liebenswerte Stadt, weil es liebe Menschen gibt, die dort wohnen. Und es ist eine Stadt, die den Wahnsinn der Gewalt kennen gelernt hat. Da waren zwei junge Polizisten, die auf einer Brücke von einem Mann getötet wurden der eine Machete schwang, ein Junge der erschlagen, zersägt, einbetoniert und in den Neckar geworfen wurde, Pflegekinder die verhungerten während die Pflegeeltern mit dem Geld des Jugendamtes mehrere Pferde unterhielten... Wir haben eine Pflicht, eine Aufgabe: Unsere Gesellschaft vor dem Grauen zu schützen das wenige anrichten und damit das Leben aller beschweren. Der Grund, warum ich mich mit allem was von mir übrig geblieben ist hinter den WEISSEN RING werfe ist, weil unser Land den WEISSEN RING braucht und nicht umgekehrt. Und es wäre schön, wenn Ihr Euch über eine Mitgliedschaft im WEISSEN RING Gedanken macht. Ich bin Mitglied. Vielleicht ist das ja auch was für Euch:
Ahmed H. (28) wechselte die Straßenseite, als ihn zwei Männer „Nigger“ schimpften. Die beiden folgten ihm, schlugen ihn zu Boden, traten und schlugen weiter auf ihn ein. Ahmed H. erlitt eine doppelte Unterkieferfraktur, musste stationär behandelt und mehrmals operiert werden. Den Antrag, dem Opfer seine Anwältin im Vorverfahren beizuordnen, lehnte das Amtsgericht Tiergarten Berlin ab. Begründung: Es sei „nicht von einer schwierigen Sach- oder Rechtslage auszugehen. Ebenso wenig ist ersichtlich, weshalb der Zeuge seine Interessen Auch das Amtsgericht Bergen auf Rügen zog die denkwürdige Formulierung für eine Entscheidung gegen einen 51-jährigen Hartz IVEmpfänger heran. Er war von fünf Jugendlichen überfallen und brutal zusammengeschlagen worden. Dabei erlitt er u. a. Nierenquetschungen, ein Schädelhirntrauma 2. Grades und einen Muskelfaserriss. Im Gericht soll er nun fünf Tätern gegenübersitzen, die ihre Tat angekündigt und eine Wiederholung angedroht hatten, falls er die Tat anzeigt. Versteht sich, dass die Täter ihre eigenen Verteidiger zur Seite haben – das Opfer soll nach dem Willen des Gerichts allein stehen. Das Gericht hält das nicht für bedenklich. Der WEISSE RING schon.
[Quelle: WEISSER RING, Mitgliederzeitschrift 4/2007] Aktuelle Meldung: Frankfurt am Main (9144 km), den 31. Juli 2008 Gestern Nacht war die schlimmste Nacht seit langem. Ich habe zwei Stunden geschlafen. Das ist nicht genug um über den Tag zu kommen. Meine Ohren quietschen, meine Gedanken sind lahm und ich fühle mich grau. Also reisse ich ganz besonders viele Witze und bringe mich zum Lachen. Anders wäre dieser Tag nicht zum Aushalten. Dabei war der gestrige Tag durchaus angenehm. Ich war zu Gast beim Landeskriminalamt. Das ist die Behörde, die in Deutschland in der Sendung "CSI" zu sehen wäre, wäre sie nicht so unsexy. :-) Anstatt mit Sonnenbrillen fummelnde "Cops" sind hier studierte Wissenschaftler am Werk. Und das ist auch besser so, denn das Landeskriminalamt ist kein lustiger Platz, sondern ein Ort, der dem Grauen einen Namen und ein Gesicht gibt. Meistens. Hier materialisieren sich die Hoffnungen der Hinterbliebenen, nämlich einen Täter zu überführen. Jemanden, der verantwortlich ist für das angerichtete Leid. Hier werden Fingerabdrücke verarbeitet, wurde der Holzklotz von der Autobahnbrücke aus Oldenburg untersucht und werden DNA Spuren bestimmt, werden Schußwaffen zugeordnet und befindet sich, das interessierte mich ganz besonders, die größte Sammlung an Schuhprofilen. Leute, die Recht und Gesetz mit Füssen getreten haben und dabei einen Schuhabdruck hinterliessen, die geben hier ein weiteres Stückchen ihrer Anonymität auf. Die Führung war interessant, die Menschen freundlich. Und beschäftigt. Überall wird gewuselt - und man merkt den Leuten an, dass sie wissen wie wichtig ihre Arbeit ist: Ohne die Kriminaltechniker würden viele Fälle nie aufgeklärt werden können. Was bedeuten würde, dass die Täter unerkannt bei uns in der Straße wohnen. Oder sostwo. Sogar Gläser mit Körperteilen gab's. Ich meinte "beinahe wäre ich auch in so nem Glas geendet". Fand ich sehr lustig. Den Spruch. Die Leute aber irgendwie nicht. Die Mitarbeiter des LKA haben zum Leben und zum Tod eine respektvollere Einstellung als die meisten. Vermutlich weil sie zu oft in verwesten Menschenresten herumwühlen müssen. Überlebende von Kapitalverbrechen haben hingegen manchmal einen für Aussenstehende schwer zu ertragenden, schwarzen Humor. Aber den kennt das LKA ebenfalls. Grundsätzlich, und da haben wir uns schnell auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt, kannst Du Dir das Schlimmstmögliche ausdenken. Und es wird immer Menschen geben, die ein noch größeres Unheil anrichten. Nach oben und nach unten gibt es keine Grenze. Gut, dass es da das LKA gibt. Garantiert keine leichte und nicht immer appetitliche Aufgabe. Verbrecher halten sich manchmal für besonders schlau. Hier allerdings sitzen Profis, die den Lumpen zeigen wo der Hammer wirklich hängt: Aus einer einzigen Faser drehen die den Gaunern einen Strick! Sodele, mein Flieger geht gleich (die meisten Flüge gehen wie geplant auf die Minute pünktlich). Bis die Tage. Tach auch. Nun sitze ich auf dem fröhlich vor sich hinknüllenden Flughafen Frankfurt. Die zehn Prozent Passagiere, die nicht befördert wurden stehen überall rum und gucken aus den Fenstern auf die Flieger, die fliegen dürfen. Habe in den letzten Jahren schon so allerhand Menschen neben mir sitzen gehabt: Musiker (die eingefleischten Leser unter Euch erinnern sich an die seltsame Gruppe Third Eye Blind, gell? Das war die Band, wo ich nachher 20 Stunden am Stück Clapton hören musste um meine Ohren wieder zu justieren), Schauspieler, Politiker und Wirtschaftsleute. Heute mal was anderes: Ein Sportler, der gerade nach Peking fliegt. Hach habe ich es da gut. Ich fliege anstatt nach Schina nur nach Schwaben. Seit mir die Schinesen letzes mal in Schanghai meinen Reisepass für 20 Minuten einfach weggenommen haben und ich dachte, ich müsste auf dem Flughafen im Transit weiterleben, traue ich den Schinesen nicht mehr über den Weg. Ente mit Orangensoße hin oder her. Ach wie er heisst? Fast hätte ich das vergessen zu erwähnen: Michael Haaß heißt er und er spielt Handball. Gut spielt er. Sonst würde er ja nicht nach Schina fliegen. Ich muss sagen unsere Olympioniken sind endlich mal einigermassen vorzeigbar gekleidet. Nicht so schrecklich hässlich, wie bei den vergangenen Spielen. Aber es würde schon noch besser gehen. Wieso können wir nicht mal Kenzo oder den Karl L. dafür gewinnen etwas Nettes zu schneidern? Hoffen wir mal das Beste. Sei's drum: Michael Haaß sollte mindestens mit der Goldmedaille wieder nach Hause kommen. Mindestens! :-) Was mir immer wieder auffällt ist, welch große Sozialkompetenz Vereins- und Teamsportler bereits in jungen Jahren auszeichnet. Gut, es gibt Sportarten (Liga-Fußball, zum Beispiel) da wird die Sozialkompetenz durch Schotter abgelöst und die Spieler sind dann eben nicht mehr reif, sondern reich. Aber in anderen Sportarten, wo gearbeitet wird fürs Geld - und das im Team... da haben die Sportler noch einen guten, festen Charakter. Und Michael Haaß ist hier keine Ausnahme. Er ist Teamplayer. Nebenbei schicke ich mir mit einem Vater, dessen Tochter sexuell mißbraucht und dann ermordet und weggeworfen wurde ein paar Brieflein hin und her. Ich denke, es ist wichtig, dass wir nicht nur die Olypia-Lach-und-Feier-Seite der Medaille zeigen, sondern alle Facetten unseres Landes zulassen. Und manche sind zum Heulen. Ja, Deutschland ist ein Land in dem Kinder vergewaltigt und getötet werden. Und nur wenn wir das zugestehen und das Leid der Eltern zur Gänze zu teilen bereit sind, dann haben wir eine Basis auf der wir Veränderung schaffen können. Und hier meine ich nicht Mißtrauen schaffen, wie beispielsweise in den USA, wo die Menschen einander fremd sind. Wir müssen versuchen den Zusammenhalt zu förden. Ein "Gemeinsam gegen Gewalt". Teamplayer sein. Sozialkompetenz lernen. So wie der völlig normal gebliebene, amtierende Handballweltmeister Michael Haaß auf Sitzplatz 17B. Dann wird unser Land definitiv besser werden.
Hannover den 29.7.: Heute mein vorletzte Tag in Hannover - bevor ich mich auf dem Schachbrett dieser Welt erneut in Position bringe. Läufer natürlich. König wäre schöner. Aber die haben keine gute Kondition. Die Könige. Deswegen können sie immer nur ein einziges Feld weiterziehen. Die Gewerkschaft ver.di macht unterdessen ihrem Namen alle Ehre: Sie hilft der Lufthansa dabei, Geld zu verdienen. Die Lufthansa ist nämlich gar nicht dumm, sondern schlicht genial! Bei den derzeitigen Spritpreisen eine Entschuldigung geboten zu bekommen, Flugzeuge am Boden zu lassen (die Flugpläne müssten ja ansonsten eingehalten werden, da in jeder Maschine ja bereits ein paar Plätze gebucht wurden) das kostet die Lufthansa nicht etwa Geld, sondern spart Kosten. Die Auslastung der anderen Flugzeuge steigt. Das streikende Personal muss zudem nicht bezahlt werden, sondern es befindet sich freiwillig nicht auf der Lohnliste. Wenn's nach Lufthansa geht, dann wäre es schön wenn der Streik möglichst lange dauert.
Aktuelle Meldung: Hannover (9144 km), den 28. Juli 2008 Das schöne an Hannover ist, dass jeder meine Sprache beherrscht (von gut bis solala) und es, gefühlt zumindest, kühler zu sein scheint als in Sevilla oder Santiago. Wobei gestern ein wüstenheisser Tag zu Ende ging. Beim Drehen sind wir einmal raus, auf eine Wiese gefahren. Ich, Wanderer zwischen den Welten, sollte wandern. Hin und her und vor und zurück. Dabei trafen wir auf eine Frau. Die suchte für ihren weissen Minihund Käthe (!) die "Schule". Hier in der Nähe gibt es ein neusprachliches Gymnasium und eine Wirtschaftsschule. Meinte ich trocken. Allgemein ist es so, dass sich manche Hundehalter vor allem durch einen Sonnenstich auszeichnen. Auch wenn sie im Schatten sitzen. "Kommst Du jetzt bitte?!" forderte ein Mann seinen an der Leine geführten Mops auf. Bitte! Er bat seinen Hund?! Freundlich. Nahezu kollegial. Auf gleicher Augenhöhe sozusagen. Der Hund aber, der brauchte noch ein bisserl Zeit um zu schnüffeln und bat seinerseits um nur noch fünf Minuten. Ach ja, unsere Hunde sind schon zivilisiert. Und geschult auch.
27.7. Hannover: Moin zusammen. Gestern ging ein langer und überraschender Tag zu Ende. Ich habe den ganzen lieben langen Tag gedreht (was wir heute auch tun werden). Wir fuhren sofort nach Gronau (Leine) und später Banteln. Gedreht wurde bei meinem hervorragenden nüchternen aber freundlichen Anwalt Alexander von Bennigsen-Mackiewicz. Viele Anwälte machen, vor allem bei Verfahren rund um Kapitalverbrechen, meist einen Fehler: Sie spiegeln, oft unbewussst, die Gefühlslage ihrer Mandanten wieder und bringen damit mehr Unruhe als Ruhe in den Prozess, den die Nebenklage sowieso nur sehr bedingt und nach der Feststellung der Schuld überhaupt nicht mehr beeinflussen kann. Von Bennigsen hat schon einige Kapitalverbrechen begleitet, hält die Bälle bewusst flach und ist vor allem freundlich aber beruhigend. Nebenbei gefällt mir, dass er keine selbstgefällige Homepage hat, sich nicht in den Mittelpunkt drängt und aus einem mehr als 300 Jahre alten Haus arbeitet. Einfach eine solide Sache. So ein Anwalt. Danach besuchten wir das Grab von Christine und unsere alte Wohnung. Letzeres war eine Spontanaktion von mir. Und siehe da: Die Wohnung ist noch immer leer. Der kleine (und sauteure) Ahornbaum, den wir gepflanzt haben, der ist weg und einige Nachbarn ebenfalls. Anzeichen dafür, dass das Leben hier auf der Erde und anderswo auch einfach weitergeht. Und ein Ansporn, dass wir das Beste aus diesem Leben machen, oder es wenigstens versuchen sollten. Heute (28.7.) gibt es Tatortbesichtigung, Interviews in Hannover und Kaffee mit Frauke. Frauke ist, anders als so viele, fest an meiner Seite gestanden - und ist auch dort geblieben. So. Ich werde gleich abgeholt. Melde mich heute Abend wieder. Jetzt ist heute Abend. Fotos haben wir nicht gemacht. Weil wir alle - das Produktionsteam, Frauke und ich - uns am Rande des Wahnsinns entlang gehangelt haben. Ich bin, zugegeben, völlig am Ende. Habe mich komplett verausgabt und bin weit über das hinausgegangen, was ich eigentlich zeigen und sagen wollte. Um mein Herz auszuschütten habe ich meine Brust weit aufgerissen. Der Beitrag wird wesentlich härter und klarer als das Kerner-Gespräch. Wir gehen in Tiefen, in die nicht unbedingt jeder folgen möchte. Am Ende waren wir alle bedient. Und froh, dass der Dreh zu Ende war. Aber: Es hat sich gelohnt. Es gibt der Sache Bestimmung und Sinn, Nutzen und Seriosität. Alles Dinge, die ein Kapitalverbrechen erst einmal nicht hat. Um Verbrechen zu verhindern, müssen die Menschen erst einmal lernen, dass jedem großen Verbrechen eine bewusste Entscheidung vorausgeht: Niemand bringt jemanden "aus Versehen" um. Oder verletzt ihn (oder sie) schwer. Um ein Verbrechen zu verhindern muss man die Menschen vor der Entscheidung zur Tat abpassen. Nur dann ist Gewaltprävention möglich. Und das geht nur, wenn wir die Allgemeinheit, in der heute die Opfer und Täter der Zukunft leben, mit dem Leid, das durch Verbrechen geboren wird, konfrontieren. Die Wunden aber, die ich mir heute dafür geschlagen habe, die müssen erst einmal heilen. So lange gibt es keine Medienkontakte mehr. Alle zwei, drei Monate kann ich das (er)tragen. Aber mehr geht nicht. Ohne zu zerbrechen. Das sage ich nicht jammernd, sondern nüchtern und mit viel Abstand zur Sache.
25.7. Frankfurt Airport: Zuerst das Aktuellste: Ich sitze in der Senator Lounge im Frankfurter Flughafen, dem Nest für Zugvögel aller Art, und muss tapfer ein Bild ertragen. Das hat die Fraport AG an der altbackenen Strukturtapete befestigt um uns, ihre Kunden, zu geißeln. Es sieht aus, als hätte die Malerin spontanen Durchfall erlitten. Aber anstatt „Fäkalien auf Faserplatte“ oder „Auf dem Weg zum Klo“ trägt es den Namen „Inspiration – Fließen – Natur“. Naja. Geht ja schon in die richtige Richtung. Dieser Name. Wie sagte Karl Valentin noch: Wenn man's kann, ist's keine Kunst. Wenn man's nicht kann, eh keine. :-) Ich bereite mich nun ganz energisch auf mein nächstes Projekt vor, das mich zu Fuß von Stuttgart (Deutschland) nach Stuttgart (Arkansas) führen wird. Ich kann die Länge noch nicht so genau beziffern, da ich vor allem in den USA die Route erst kurz vorher auswählen möchte. Zwei Dinge aber, die dürft Ihr erwarten: 1.) Ich werde äußerst satirisch schreiben. Menschen, die das nicht lesen können ohne sich innerlich zu verknoten, denen empfehle ich entweder www.juergen-fliege.de oder www.beate-uhse.de. Der Jürgen und die Beate arbeiten im selben Gewerbe: Menschen eine besonders schöne Zeit bereiten. Aber der Jürgen hat eine feinere Masche um Menschen dazu zu bewegen, sich vor anderen zu entblössen. 2.) Ich werde jedes unserer Vorurteile über Amerikaner zu bestätigen suchen. So absurd sie auch sind. Unsere Vorurteile, meine ich. Ein Amerikaner, B.H.O., verlässt soeben Deutschland. Nein, mit BHO meine ich nicht die Bundeshaushaltsordnung. Obwohl man die gleich dem Obama hätte mitgeben können. Während Obama uns Friede, Freude und Eierkuchen lehrt, könnte der amerikanische Staatenbund von uns lernen, dass man sich nicht alles auf Pump leisten sollte - weil man sich ansonsten schnell in der RTL Sendung Raus aus den Schulden wiederfinden kann. Peter Zwegat, Schuldnerberater und Super Nanny der Konsumkasperle, wäre als Finanzminister durchaus qualifiziert. Hätte auch gleich mitfliegen können. Der Peter. Wohnt ja schließlich in Berlin. Die Deutschen jedenfalls sind so ekstatisch wie selten. Amerikafreundlich sogar. Dabei kennen sie Obama gar nicht. Er sieht halt toll aus. Besser als der olle-Scheitel-links-neue-Frau-rechts-Wulff sogar. Irgend jemandem muss man ja mal endlich zujubeln dürfen. Sexy Politics gibts in Deutschland sonst ja gar nicht. Und seit unser aller Schröder abgetreten ist, da fehlen einfach die emotionalen Momente in Berlin. Ich persönlich fühle mich von Obama verarscht. Was glaubt der eigentlich wer ich bin? Dass ich wie ein Ami auf- und niederhopse und Fahnen schwenke während er leeres Nichts in Worthülsen packt? Die Rede war eine Frechheit. Und die befreiten Berliner, die stehen vor der Bühne und jubeln als hätten sie soeben den Erlöser gesehen. Fans halt. Der Mann lässt mal eben ein paar Nebelbomben hochgehen, beschwört die europäisch - amerikanische Freundschaft, die den Amerikanern bis vor wenigen Monaten noch scheissegal war (und auch wieder sein wird) und fliegt dann wie Michael Jackson samt Entourage von dannen. Eine klasse Show. Nur die Nase ist diesmal echt. Vermutlich. Ein Präsident Obama wird, wenn er wieder nach Deutschland kommt, nicht Atomraketen abrüsten, sondern seine German friends auffordern, quickly mehr Soldiers zur Verfügung zu stellen. Ich habe 200.000 gesunde, junge Menschen in Berlin gesehen. Ich hoffe doch, dass sich 20.000 davon für eine US-geführte Aufräumaktion rekrutieren lassen. Hände, die so jubeln können, die können auch eine Knarre halten. Wann reiht sich Amerika in die Weltgemeinschaft ein, die eine saubere Umwelt wesentlich dringender braucht als einen freien Irak? Wann bekommen die Gefangenen des KZ Guantanamo ihre Menschenrechte zurück? Wie schafft sein Land den Weg zurück zu einer sinnvollen, soliden Stabilität der hoch verschuldeten Banken, Airlines und des katastrophalen Immobilienmarktes - die hier, auch bei den German friends, arge Probleme bereiten? All das aber war zu ernst für den Berliner Karneval. YES WE CAN! Can, liebe German friends, steht für Können. Und für Getränkedose. Wir müssen aufpassen, dass wir anstatt des Könners nicht plötzlich eine leere Verpackung Made in USA in der Hand halten. Wäre nicht das erste Mal.
Keine Panik. Alles ist noch da! Mein Jakobsweg-Tagebuch findet Ihr ab jetzt im Archiv. Und zwar unter Jakobsweg-Blog. Passend, oder? :-) Ich baue die Seite soeben um. Neues Projekt. Neues Design. Die Seite wird sich den ganzen Tag über hin und her verändern. Habt also bitte ein bisserl Geduld mit mir. |
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